Wo Dichtung den Sinn und Hintersinn von Sprache erprobt, wird sie zum Messer der Genauigkeit. Sie hinterfragt, welches Denken die Sprache jeweils bereithält und welche Spuren jemand trägt, wenn er spricht, wie er spricht – auch im Gedicht.In diesem Spannungsfeld unterhalten Gedichte den Umgang mit Sprache und mit den Menschen; so üben sie die Schule der Unterscheidung.Lana hat diese Schule immer zu pflegen versucht, nicht zuletzt als Haltung, wenn man damit ein Bewusstsein oder so etwas wie ein Gewissen versteht, auf das sich kulturelle und künstlerische Arbeit in ihrer Kontinuität berufen will oder kann.Mit dem Frühlingsprogramm 2015 will Lana diese Schule und Haltung fortsetzen.Wenn Dichtung in ihrer Haltung des Suchens also hellhörig ist auf die kleinsten Bewegungen der Sprache, wenn sie darin dieses oder jenes Denken zu aufzuspüren vermag, dann weiß sie, dass sie sich stets auch mit Möglichkeiten der Immunisierung gegen Ideologisierung und Vereinnahmung wappnen muss. Auch darin liegt eine Frage der Haltung und literarisch bedeutet sie eine Frage der Schreibverfahren, die jedes Mal aufs Neue bemessen werden will. Einige Abende im Frühlingsprogramm von Lana werden davon handeln.Wie sehr ein Schreibverfahren und literarischer Ton Teil des literarischen Inhalts sind und wie sehr sie, wo sich eine existentielle Frage daran knüpft, auch Bekenntnis und Bollwerk gegen Systemdenken sind, zeigt die späte Literatur von Franz Tumler. Die Texte, die in der Nachkriegzeit entstanden sind, machen die Form einer Moderne so deutlich spürbar, dass ihnen in ihrer Verhaltenheit und ihrem Zweifel „polierte Bescheidenheit“ bescheinigt wurde. Der Schriftsteller und Wissenschafter Toni Bernhart hat Texte Tumlers gesammelt, die, teilweise unveröffentlicht, aus der Zeit in Berlin stammen. In einer Matinee im Hotel Laurin in Bozen liest er am 28. Februar, 11.00 Uhr mit Sabine Gruber aus dem Band und spricht darüber.Einen Blick in das 19. Jahrhundert, in dem der französische Roman ästhetische Formen und Fragen der Moderne vorexerziert, werfen zwei Abende im März, die nicht zuletzt auch das Thema der Übersetzung pflegen: Am 20. März stellt die renommierte, mit vielen Preisen bedachte Übersetzerin Elisabeth Edl den Roman „Madame Bovary“ von Gustave Flaubert im Ottmanngut in Meran vor. Einerseits erregte der Skandalroman in einer bürgerlich bigotten Zeit höchste Aufmerksamkeit, andererseits erreichte er die kühne Kunstfertigkeit in Melodie und Rhythmus, die ihn zu einer literarischen Meisterleistung machte, zu einer der höchsten Unterhaltung.Am 26. März liest Melanie Walz im Ottmanngut in Meran aus ihrer neuen Übersetzung des Romans „Verlorene Illusionen“ von Honoré de Balzac, eine bitterböse Satire auf das Treiben der Menschen, der es um nichts weniger als um Geld, Erfolg und Intrigen geht. Und die Thematik der Geldschöpfung wird im Herbst gewissermaßen übersetzt und weiter geführt werden, wenn Balzac wiederum zum Ausgangspunkt von Geldtheorien von Marc Shell und Thomas Picketty wird.Im April steht Dichtung im Mittelpunkt, die am Sprachmaterial den Prozess und das Urteil der Unterscheidung erproben. „Denkwerkzeuge“ seien Gedichte in der Fähigkeit, sprachliche Verhältnisse auf ihre Unterschiede hin zu untersuchen, meint Marcel Beyer, Kleist- und Oskar-Pastior-Preisträger 2014. Mit Oswald Egger, Norbert Wehr und Ulrike Janssen wird er am 24. April 2015 einen Abend zu Thomas Kling mittragen, der wiederum Dichtung als das „präzise Wahrnehmungsinstrument“ bezeichnet hat, das „kleinste subkutane Bewegungen der Sprache sicht- und hörbar zu machen versteht“. Vor 10 Jahren verstarb der Dichter aus Köln, der in den 1980er und 1990er Jahren Sprache experimentellen Mehrfachbelichtungen unterzog und sie aus ihren historischen und ideologischen Schichtungen, aus Rotwelsch und Slang, Pathos und Gosse zutage beförderte und dabei so keck und kühn wie archäologisch und analytisch vorging. Wie sehr er, der Sprache immer als gesprochenen und geschriebenen Sprachkörper verstand, ein Künstler der Performance war, zeigen die gesammelten Audioaufnahmen im demnächst erscheinenden Hörbuch, zusammengestellt von Norbert Wehr und Ulrike Janssen, das beim Abend im April erstmals vorgestellt wird und auch historische Kling-Lesungen aus Lana enthält. Zu den virtuosen Lyrikern und Lyrikerinnen der deutschen Gegenwart, die der Sprache und Rede konsequent ihren politischen Gehalt abtrotzt und sie poetisch verquer einem Eigensinn zuordnet, zählt die Österreicherin Barbara Hundegger. In Lana liest sie am 10. April aus ihrem neuesten Gedichtband „Wie ein Mensch der umdreht geht“ und zeigt, wie sie Dantes Göttliche Komödie in ihren Bilden und ihrer Sprache liest und wie kunstvoll sie diese in die literarische Auseinandersetzung der Gegenwart einzubauen vermag.In der experimentellen Tradition stehen schließlich auch der Dichter Christian Steinbacher und der Musiker Norbert Trawöger. Mit der Bozner Künstlerin Brigitte Mahlknecht haben sie ein Buchprojekt unter dem Titel „Luftikusse“ realisiert. Es folgt im besten Sinne dem Prozess der Improvisation, in dem zunächst der Flötist „aus dem Moment heraus“ spielt und der Dichter mit Textstücken, Passagen und Zitaten darauf reagiert, während die Malerin Zeichnungen und Bilder hinzu fügt. Das Buch, ein ineinander greifender künstlerischer Dreiklang, wird am 7. Mai in der Galerie Museum in Bozen präsentiert. Den Schluss- und gleichzeitig Höhepunkt des Frühlingsprogramms bietet die 13. Verleihung des N.C. Kaser-Lyrikpreises, den der Verein der Bücherwürmer seit 1988 vergibt. Vor zwei Jahren hatte ihn der Schotte Tom Leonard entgegen genommen und mit Gedichten erstaunt, die anarchistisch zwischen Hohem und Niederem, Sympathischen und Ironischen, Christlichem und Nihilistischem oszillieren. Mit dieser Aneinanderreibung der Diskurse öffnet er das Gedicht auf die Fremdsprachigkeit hin, ähnlich wie es auch Thomas Kling tat und Oskar Pastior, wie es Ulf Stolterfoht tut, Oswald Egger oder Marcel Beyer.Nun gibt Tom Leonard den Preis weiter an den Engländer Tom Raworth (*1938), der zu diesem Anlass am 10. Juni 2015 auf dem Vigiljoch gefeiert wird. Nicht unweit von Leonard, der Tom Raworth einen poetisch einzigartigen Widerstand gegen alle konformen und kolonialisierten Zuschreibungen attestiert, weiß Tom Raworth um die Kraft des poetischen Spiels, das gerade in der Verve von Witz und Negation den Widerstand hervorbringt und das Alltägliche und Gesellschaftliche in einem ungeheuren Einfallsreichtum und einer abenteuerlichen Tiefgründigkeit auf die Schippe nimmt. Eine Publikation mit Gedichten in der Übersetzung von Ulf Stolterfoht und mit der Laudatio von Tom Leonard begleitet die Preisverleihung.Und nicht zuletzt legen junge Dichterinnen und Dichter in einem Vorspiel den Teppich für den Preisträger auf dem Vigiljoch aus. Maria C. Hilber, Louis Schropp, Gerd Sulzenbacher, Matthias Vieider und Jörg Zemmler nähern sich in experimenteller Vielfalt Tom Leonard und stellen ihre Lektüre und ihren Ansatz poetischer Rede vor.Literatur Lana: Programm Frühling 201528.02.2015, 11.00 Uhr, Damensalon im Parkhotel Laurin, Bozen„Franz Tumler. Hier in Berlin, wo ich wohne.“ Texte 1946-1991. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Toni Bernhart (Haymon Verlag 2014)Toni Bernhart und Sabine Gruber lesen und diskutieren Texte aus dem Sammelband.20.03.2015, 20.00, Ottmanngut, Verdistr. 18, MeranGustave Flaubert: „Madame Bovary“ (Übersetzt von Elisabeth Edl, Hanser Verlag 2012)Die Übersetzerin Elisabeth Edl stellt den Romanklassiker vor.26.03.2015, 20.00, Ottmanngut, Verdistr. 18, MeranHonoré de Balzac: „Verlorene Illusionen“ (Übersetzt von Melanie Walz, Hanser Verlag 2015)Die Übersetzerin Melanie Walz stellt den Romanklassiker vor.10.04.2015; 20.00, Hofmannplatz 2, LanaBarbara Hundegger: „Wie ein Mensch, der umdreht geht. Dantes Läuterungen reloaded.“ Gedichte. (Haymon Verlag 2014)Einführung: Donatella Trevisan24.04.2015; 18.00; Hofmannplatz 2, Lana„meine haltung & di sprachn“In Erinnerung an Thomas KlingMit Marcel Beyer, Oswald Egger, Ulrike Janssen und Norbert Wehr07.05.2015; 19.00; ar/ge Kunst Galerie Museum, Museumstraße 29, Bozen„Luftikusse“ (Edition Krill 2014) von Norbert Trawöger, Christian Steinbacher, Brigitte MahlknechtMit dem Dichter Christian Steinbacher, der Künstlerin Brigitte Mahlknecht, dem Musiker Norbert Trawöger und dem Verleger Virgil Guggenberger10.06.2015; 18.00, Vigilius Mountain Ressort13. Vergabe des N.C.-Kaser-Preises an Tom Raworth (London)Mit Tom Raworth, Tom Leonard, Ulf Stolterfoht, Hans Jürgen BalmesLaudatio: Tom LeonardÜbersetzung: Ulf StolterfohtPräludium von Maria C. Hilber, Louis Schropp, Gerd Sulzenbacher, Matthias Vieider und Jörg Zemmler.