Der erste Kuss, die erste gemeinsame Nacht: So offen wie noch kein Kremlchef vor ihm hat Michail Gorbatschow die Jahrzehnte mit seiner Ehefrau nun in einem Buch beschrieben. Für den Friedensnobelpreisträger ist es eine Liebe ohne Happy End – Raissa Gorbatschowa stirbt 1999 in einer Klinik in Münster (Westfalen) an Blutkrebs.„Dieses Buch ist anders als alle Bücher, die ich bisher verfasst habe“, schreibt der 82-Jährige in seinem Werk „Alles zu seiner Zeit“, das er in diesen Tagen in Deutschland vorstellt. Darin legt er zwar auch Zeugnis ab über politische Niederlagen und Triumphe, im Zentrum aber steht der Schmerz über den Tod seiner Frau.Beide lernen sich im Studentenwohnheim auf den Moskauer Leninbergen kennen, wo sie ihn zunächst kaum beachtet, wie Gorbatschow schreibt. Beim ersten Kuss schwimmt das Paar in einem See, als ein Gewitter aufzieht. „Ich erinnere mich an Raissas Gesicht beim Aufleuchten des Blitzes, an ihre verängstigten und fragenden Augen. Ich umarmte sie und küsste sie ungeschickt, aber leidenschaftlich.“ Als das Paar 1953 heiratet, ist sie 21, er 22.Fast 50 Jahre sind sie zusammen. „Hilflos und verstört“ sei er nach ihrem Tod gewesen, schreibt der Ex-Kremlchef. „Mein Leben hatte seinen eigentlichen Sinn verloren.“ Bis heute lasse ihn das Gefühl einer Mitschuld nicht los. Raissa sei auch an der Kränkung gestorben, wie Landsleute die Gorbatschows nach dem Zerfall der Sowjetunion behandelt hätten, deutet er an. Viele Russen kritisieren noch heute den geistigen Vater von Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umgestaltung) als führungsschwachen Politiker ohne Machtinstinkt.An zahlreichen Stellen wirkt das Buch, als wolle der 82-Jährige Raissa posthum verteidigen gegen frühere Vorwürfe, sie sei „zu aristokratisch“ aufgetreten. Selbstbewusst wie keine Moskauer First Lady vor ihr hatte sie Akzente gesetzt. Der Westen war begeistert vom „Glamourpaar, das aus der Kälte kam“. Für viele unterscheidet ihn dies auch vom aktuellen Präsidenten Wladimir Putin, dessen Ehefrau Ljudmila kaum öffentlich auftritt. Gorbatschow wurde wahrgenommen als Politiker, der von einer intakten Liebesbeziehung unterstützt wird.Fünf Jahre lang habe er an dem Buch gearbeitet, sagt Gorbatschow. „Ohne Ghostwriter, nur mit einer Stenotypistin, und trotz Operationen an Halsschlagader sowie an der Prostata und der Wirbelsäule.“ Russische Medien nehmen den 550-Seiten-Wälzer kontrovers auf. „Das Erinnern war wohl eine Therapie für den ehemals mächtigen Mann, der in seiner Heimat nicht gefragt ist und von vielen verflucht wird“, kommentiert etwa die Tageszeitung „Kommersant“. Und der Radiosender Echo Moskwy meint: „Will man all diese Intimitäten wirklich wissen?“Der Wegbereiter der Deutschen Einheit beschreibt in „Alles zu seiner Zeit“ auch die Wende von 1989 – jedoch nur kurz. Seine damaligen Gesprächspartner Helmut Kohl und Erich Honecker erwähnt „Gorbi“, wie ihn Deutsche gerne nennen, eher beiläufig. Stattdessen zeichnet er ein düsteres Porträt von seinem früheren Dauerrivalen Boris Jelzin, und auch Putin kommt nur am Rande vor.Nach seiner Ernennung zum Generalsekretär vor 28 Jahren, am 11. März 1985, sei ihm Raissa die wichtigste Stütze gewesen, betont der Ex-Präsident immer wieder. Besonderen Sachverstand spricht er ihr aber ab. „Sie hatte nicht wirklich Ahnung, was ein Politbüro treibt.“dpa