Dienstag, 21. April 2015

Diskutieren oder Dampf ablassen?

Die Sprachwissenschaftlerin Heike Ortner analysiert Kommentare bei Online-Zeitungen. Mit STOL hat sie über Foren, Kommentare und emotionalen Postings gesprochen.

Heike Ortner - Foto: D
Heike Ortner - Foto: D

Online-Zeitungen haben gegenüber gedruckten Zeitungen den Vorteil, dass die Leser einen Artikel sofort kommentieren können. Die an der Universität Innsbruck lehrende Sprachwissenschaftlerin Dr. Heike Ortner nimmt Sprache und Stil dieser Leserkommentare unter die Lupe.

STOL: Den Artikel einer gedruckten Zeitung kann man höchstens durch einen Leserbrief kommentieren. Bei den Online-Medien kann meist jeder sofort seine Meinung kundtun. Hat das unsere Diskussionskultur wirklich bereichert?

Heike Ortner: Eine Bereicherung ist diese Möglichkeit allemal: Breite Bevölkerungsschichten können ihre Meinung schnell, unkompliziert und gleichberechtigt austauschen, zu jedem Thema, jederzeit, allerorts. Wie in allen Formen von Kommunikation gibt es aber auch hier Fallstricke. Missverständnisse sind noch leichter möglich als in der Kommunikation „von Angesicht zu Angesicht“. Das Gefühl, anonym zu sein, kann das Beste und das Schlechteste im Menschen zum Vorschein kommen lassen. Einerseits hat man weniger Angst, sich frei auszudrücken, und kann auch leichter Gleichgesinnte finden. Andererseits haben manche Leute weniger Hemmungen davor, unhöflich oder sogar bösartig zu sein. Meistens werden solche Probleme aber ganz gut innerhalb der Diskussionsforen geregelt: durch Ignorieren oder negative Bewertungen. Es gibt eine Diskussionskultur, und sie entwickelt sich ständig weiter.

STOL: Bei den Südtiroler Online-Medien scheint es so zu sein, dass nur bei Berichten zu bestimmten Themen fleißig kommentiert wird, beispielsweise wenn es um lokalpolitische Entscheidungen geht. Lässt sich dieser Trend auch andernorts feststellen?

Heike Ortner: Das lässt sich nicht pauschal sagen. Auf Plattformen, die eher lokal ausgerichtet sind, wird auch eher über lokale Probleme diskutiert. Handelt es sich um ein Portal, das internationale Nachrichten verbreitet, sind die Diskussionen auch bei Themen, die die Leserinnen und Leser nicht direkt betreffen, sehr intensiv – z.B. bei der Standard.at. Plattformen von lokalen Medien werden auch eher für lokale Informationen aufgesucht.

STOL: Bei vielen Leserkommentaren hat man den Eindruck, dass sie sehr hastig gepostet wurden. Sie wimmeln beispielsweise vor Fehlern. Hat das wie bei der SMS-Kommunikation oder in Chat-Rooms mit einer „konzeptionellen Mündlichkeit“ zu tun?

Heike Ortner: Hier sollte man trennen zwischen Fehlern und allgemeinen Merkmalen der Online-Kommunikation. Für viele Poster spielen Rechtschreibung und Grammatik tatsächlich eine untergeordnete Rolle, aber ich würde hier auch unterscheiden, ob jemand bewusst z.B. auf die Großschreibung verzichtet, was man dann nicht als Fehler werten kann, oder ob jemand sprachlich ernsthafte Defizite aufweist. Etwas anderes ist die Orientierung am Mündlichen, was in Diskussionsforen aber stark im Rückgang ist und immer schon eher eine Sache von Chats war. Vielmehr geht der Trend in vielen Diskussionsforen in die Richtung, sehr korrekt und stilistisch anspruchsvoll zu schreiben. Es ist oft sogar so, dass die Meinung von Usern eher negativ bewertet wird, wenn die verwendete Sprache auf niedrigem Niveau ist. Die persönliche Glaubwürdigkeit hängt dann davon ab, wie sprachlich gewandt man sich ausdrücken kann. Aber das ist stark abhängig von der Plattform, auf der man kommuniziert. In manchen Diskussionsforen ist z.B. eine stark dialektal oder allgemein mündlich geprägte Ausdrucksweise völlig angemessen.

STOL: Was ist in Bezug auf Sprache und Stil bei Leserkommentaren sonst noch auffällig?

Heike Ortner: Einige klassische Merkmale der Online-Kommunikation sind viele Abkürzungen (z.B. ASAP – as soon as possible), sogenannte Inflektive (z.B. *traurigschau*), Emoticons, der Einsatz von Zahlen für Wörter (z.B. gute n8) und andere Sprachspiele, Ellipsen (unvollständige Sätze) und viele Wörter aus dem Englischen. Allerdings gibt es auch hier eine starke Ausdifferenzierung, sodass es mir schwer fällt, irgendetwas ganz Allgemeines zu sagen, was auf alle Diskussionsforen zutrifft. Jugendliche kommunizieren anders als Ältere, Krone-User anders als Standard-User usw.

STOL: Viele Kommentare sind sehr emotional. Werden Leserkommentare vorwiegend von Wutbürgern oder gar Frustbürgern verfasst?

Heike Ortner: Diskussionsforen sind natürlich eine gute Gelegenheit, seine Emotionen relativ ungefiltert und direkt auszudrücken, also ordentlich Dampf abzulassen. Ich habe im Rahmen der Forschung für einen Vortrag festgestellt, dass diese Form des Emotionsausdrucks für manche Leute gar nicht der Versuch ist, mit anderen Menschen Kontakt aufzunehmen, sondern dass das eher den Charakter eines Selbstgesprächs hat. Das sind dann oft Wut- oder Frustbürger. Wieder andere Leute wollen natürlich bewusst provozieren und sind ganz heiß darauf, was andere ihnen antworten. So ernst sollte man diese Kommentare dann nicht nehmen. Wieder andere wollen mit möglichst vielen Menschen ernsthaft und anspruchsvoll ihre Meinung austauschen – viele suchen natürlich Bestätigung für ihre Ansichten. Ich denke, dass diese letzte Gruppe die Mehrheit stellt. Wie es nun einmal im Leben so ist, sind wir manchmal wütend oder frustriert, und das oft mit gutem Recht. Seine Gefühle auszudrücken ist nicht immer Stammtisch-Niveau, sondern kann auch ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer Verbesserung der demokratischen Kultur sein.

STOL: Die Süddeutsche Zeitung hat die Kommentarfunktion bei ihrer Online-Ausgabe wieder abgeschafft, weil die Diskussionen dort dem Niveau der Zeitung nicht entsprachen. Was sagen Sie dazu?

Heike Ortner: Ich bin da selbst sehr gespalten in meiner Meinung: Einerseits bin ich gegen das Löschen von Kommentaren und gegen die Einschränkung von Diskussionen. Ein demokratisches Forum sollte auch unerträgliche Meinungen aushalten und selbst die Gelegenheit haben, damit umzugehen. Ich meine damit, dass die Community – die Diskussionsgemeinschaft – selbst die Diskussionskultur entwickeln können soll, indem sie unangemessene Postings entsprechend mit Nicht-Beachten oder mit anderen Sanktionen straft. Andererseits ist es leider die Realität, dass Diskussionsforen oft überschwemmt werden von rechtlich mehr als bedenklichen Kommentaren, aber auch von Spam, das ist unlautere Werbung. Eine Moderation von Foren, also dass Kommentare gelöscht oder gar nicht erst freigeschaltet werden, ist deshalb längst gängige Praxis. Das wird auf vielen Plattformen nicht transparent gemacht – ich halte das für viel problematischer als das, was die SZ macht. Ein positives Vorbild ist für mich in dieser Hinsicht Zeit.de. Hier werden Postings zwar entfernt, aber immer mit einem Kommentar, warum das geschehen ist. Das ist natürlich zu aufwändig für die meisten Online-Portale. Ich glaube aber nicht, dass wir einfach noch nicht reif sind für Online-Diskussionen. Es gibt in jeder Kommunikationsform Störenfriede. Im Web haben sie es nur etwas leichter als im Alltag und sie sind auch lauter und auffälliger. Man sollte darüber aber nicht vergessen, dass es online auch gute und konstruktive Diskussionen gibt.

Termin:

Vortrag: „Diskutieren oder schimpfen? Zu Sprache und Stil von Leserkommentaren bei Online-Zeitungen“ mit Dr. Heike Ortner

Donnerstag, 23. April, 20 Uhr

Brixen, Cusanus Akademie

Eintritt frei

stol