Das idyllische Südtiroler Dorf als Schauplatz von Mord und Mafia: Nach diesem Rezept schreibt der gebürtige Traminer Lenz Koppelstätter der Reihe nach erfolgreiche Krimis. Der aktuelle Titel „Das dunkle Dorf“ steht wieder auf der „Spiegel“-Bestellerliste – höchste Zeit, beim Autor nachzufragen. <BR /><BR /><BR /><i>Interview: Sieglinde Höller</i><BR /><BR /><BR /><b>Herr Koppelstätter, so viele „böse“ Charaktere. Werden Sie in Südtirol eigentlich noch gegrüßt?</b><BR />Lenz Koppelstätter: Zugegeben, in meinen Krimis kommen böse und zwielichtige Figuren vor. Aber alle haben auch etwas Liebenswertes an sich. Dies besänftigt meine Südtiroler Leserschaft. Die überraschenderweise größer ist als erwartet. Denn grundsätzlich sind die Romane für ein Publikum in Deutschland geschrieben. Südtiroler Fans dieses Genres hätten mich als einen mehr, der Südtirol-Krimis schreibt, abtun und ignorieren können. Haben sie aber nicht. Dies freut mich, und die Kritik oder das Lob von Südtiroler Lesern wiegt für mich besonders schwer. <BR /><BR /><b>Krimi-Queen Donna Leon veröffentlicht ihre Brunetti-Reihe nicht in italienischer Sprache, damit sie den Venezianern nicht vor den Kopf stößt.</b><BR />Lenz Koppelstätter: Dieses Risiko bin ich eingegangen (lacht). Scherz beiseite. Südtirol ist mir auch nach dem sechsten Roman wohlgesonnen. Wenn ich etwa im Schnalstal in jene Bar gehe, die als Vorlage für mein erstes Buch („Der Tote am Gletscher“, Anm. d. Red.) diente, heißt mich die Kellnerin willkommen. Das freut mich besonders. Manchmal werde ich sogar aus „Kommissar“ oder „Grauner“ angesprochen. Und ich bekomme E-Mails, in denen ich gebeten werde, die Handlung des nächsten Buches in eine bestimmte Talschaft zu verlegen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-47662959_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Wie sind die „Commissario Grauner“-Krimis entstanden?</b><BR />Lenz Koppelstätter: Ich habe mit guten Freunden Fasching in Düsseldorf gefeiert. Wir sprachen über unsere Zukunftspläne, und – aus einer Bierlaune heraus – erzählte ich von meinen Buchplänen. Für die ich bis dahin keine Zeit hatte. Wieder in Berlin, skizzierte ich tatsächlich einen Plot für mein erstes Buch. Die größte Kunst beim Bücherschreiben ist, damit anzufangen. <BR /><BR /><b>Warum ausgerechnet Krimis?</b><BR />Lenz Koppelstätter: Eines gleich vorweg: Ich bin der Meinung, dass sehr viel mehr „Krimi“ ist, als als „Krimi“ gelabelt wird. Ein Beispiel: In Hamlet von William Shakespeare wird intrigiert, gemordet, und es fließt viel Blut. Das Werk gilt aber als Drama der Weltliteratur, nicht als „dänischer Regionalkrimi“. Mir gefällt am Genre, dass es Struktur hat: Es sollte zumindest einen Toten geben, einen Täter und einen Ermittler, der das Geschehene aufklärt. <BR /><BR /><b>Wie viel Bösewicht steckt in Lenz Koppelstätter?</b><BR />Lenz Koppelstätter: Nicht mehr als in jedem Südtiroler, der sonntagabends den „Tatort“ schaut. <BR /><BR /><b>Wenn Sie einen Krimi schreiben, was ist zuerst da? Die Handlung oder die Figuren?</b><BR />Lenz Koppelstätter: Jeder meiner Krimis hat einen Überbau, ein übergeordnetes Thema. Etwa Ötzi und die Antiken-Hehlerei, die Gebrüder Mann, die Rattenlinie oder – im aktuellen Band – die Mafia. Diese großen Themen breche ich dann auf die Südtiroler Realität herunter, verlege sie ins Schnalstal, ins Ultental, an den Brenner oder nach Gröden. Kurz: Das Grauen der großen weiten Welt steckt auch im Dorfgeschehen drin. In dieses füge ich dann die Figuren und Handlung ein – manchmal einfühlsam a la Derrick, manchmal hart, schonungslos und blutrünstig. Dem gegenüber steht das Südtirol-Klischee, das Alpenglühen, das zwar wunderschön ist, aber auch Schatten wirft. Das ist das Faszinierende. <BR /><BR /><b>Warum sollten Krimi-Fans den aktuellen Band „Das dunkle Dorf“ lesen?</b><BR />Lenz Koppelstätter: Stammleser wissen Bescheid: Es gibt mehrere Erzähl-Bögen, die sich über alle Bände spannen. Etwa Grauners Familie, die in diesem Fall sehr präsent ist. Ebenso das Geheimnis um die Versetzung Saltapepes von Neapel nach Südtirol. Dieses wird aufgelöst. Für alle, die neu dazu kommen: Es geht um das internationale Mafia-Netz, dem man nicht einmal in der Südtiroler Provinz entkommen kann. Und das nur durch internationale Zusammenarbeit bekämpft werden kann. <BR /><BR /><b>Also wieder viel Lokalkolorit. Ist das Etikett „Regionalkrimi“ ein Kompliment für Sie?</b><BR />Lenz Koppelstätter: Mein erstes Buch, „Der Tote am Gletscher“, spielte in Südtirol. Ausschlaggebend dafür war damals der Plot rund um Ötzi. Und ich bin hier hängen geblieben. Ich selbst gebe mir aber nicht das Etikett „Regionalkrimi“. Mich stört es aber auch nicht. <BR /><BR /><embed id="dtext86-47663580_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Die Brunetti-Serie wurde erfolgreich verfilmt, die Eberhofer-Reihe ebenfalls. Wie sieht es mit Grauner aus?</b><BR />Lenz Koppelstätter: Ich würde mich nicht dagegen sträuben, wenn ein Regisseur den Grauner-Stoff mit seinen Ideen verfilmt. Dazu so viel: Interesse gibt es.<BR /><BR /><b>Wer sollte den Commissario spielen?</b><BR />Lenz Koppelstätter: Darf ich von Al Pacino träumen? (lacht)<BR /><BR /><b>Leser erwarten sich bei jedem Band, dass er noch besser ist, als jener zuvor. Wie gehen Sie mit diesem Druck um?</b><BR />Lenz Koppelstätter: Was soll man machen? Ich mache mir selbst sehr viel Druck, will immer besser werden. Ich ignoriere aber vollends den Druck von außen. Ich habe mit meinen Krimis so viel erreicht, bin damit in den „Spiegel“-Bestsellerlisten präsent, habe mir die Leidenschaft des Schreibens zum Beruf machen können, habe viel Selbstvertrauen aufgebaut, und es haben sich viele Türen geöffnet. Soll ich mir diese Freude von einigen nicht so tollen Besprechungen kaputt machen lassen? Damit würde ich mir keinen Gefallen machen. Ich höre zwar auf meine Lektorin und mein Umfeld, aber ich lese nicht jede Amazon-Eintragung. <BR /><BR /><b>Sie schreiben schon an Band 7. Wo morden Sie diesmal?</b><BR />Lenz Koppelstätter: Zum Großteil im schönen Sarntal. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="619616_image" /></div> <BR />„Das dunkle Dorf – Ein Fall für Commissario Grauner“ <BR />von Lenz Koppelstätter, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch <BR /> erhältlich unter anderem in den Athesia Buchhandlungen (siehe auch www.athesia.it)<BR />