Der Autor belebt in systemisch anmutender Folgerichtigkeit seine Erzählstrategien mit Szenen, die beim ersten Lesen absurd scheinen, bei näherem Hinsehen aber genau durchdacht und unserer Realität sehr nahe sind und gleichermaßen auch persönliche Einblicke ermöglichen. Von Ferruccio Delle Cave<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1220598_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wie entstand die Idee zu „Sellemond“? War es ein plötzlicher Einfall oder ein langer Reifungsprozess?</b><BR />Josef Oberhollenzer: Begonnen hat das Ganze wahrscheinlich mit einem scherzhaft getanen Satz meiner Frau gegenüber: <Kursiv>„Jetzt schreib ich auch einen Krimi“</Kursiv>, denn Krimis – und seien sie noch so schlecht, und der Vorabend und der Abend ist ja mit nichts anderem gefüllt – und das Verbrechen törne die Leute an. Und so ist aber das Ganze nach und nach zu einem tatsächlichen Vorhaben geworden, wenn auch anders, als im Scherz so dahingesagt. <BR />Und dann sei der Werner Sellemond ins Spiel gekommen, der Sohn der Moosmair Regina, der im Prantner vier Zeilen hat als einer, der, so sagt dort seine Mutter, die Frauen austausche wie die andern die Unterhosen. Und dann ging’s halt langsam dahin; und ich lasse meinen Figuren, meinen Menschen, größtenteils freien Lauf: Sie tun und denken und reden, was sie eben denken und reden und tun.<BR /><BR /><BR /><b>In Ihrem Roman geht es vordergründig um die Aufklärung mehrerer Berggipfelattentate nach der Fibonacci-Folge. Wie sind Sie auf dieses Motiv gekommen?</b><BR />Oberhollenzer: Da müsste man eigentlich den Werner Sellemond fragen, in Schrambach oder wo. Aber im Roman erklärt er’s ja, da sagt er, dass er, sich an den Film „The Da Vinci Code – Sakrileg“ erinnernd, den er scheinbar sehr geliebt hat, und dann nach einer „Criminal-Minds“-Folge… also, wie er auf der Wollbachalm zu Franz Richard Fundneider sagt, „mitten ins Geräusch der Espressomaschine hinein“ habe er dann plötzlich gewusst, dass er die Berge, von denen er die Touristen herunter –. Also diese zukünftigen Tatorte in so einer mathematischen Reihenfolge auszuwählen, vom Kronplatz aus als dem nicht nur geographischen Mittelpunkt, das ergebe so „einen größeren Sinn“.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1220601_image" /></div> <BR /><BR /><b>Der Roman springt vom zeitlichen Hintergrund her zwischen den 1990er-Jahren und heute. Ist in Ihrem Text die Bergwelt eine von übermäßig viel Touristen belebter Rummelplatz? Ist das Spannungsverhältnis zwischen Heimat und Tourismus ein festes Thema Ihres Romans?</b><BR />Oberhollenzer: Es ist vielmehr das Erinnern an eine Vergangenheit, die die Gegenwart beeinflusst, nein, tatsächlich bestimmt, in allem, und die Zukunft dann selbstverständlich immer auch, was die Zeit dehnt, nach hinten und nach vorn. Es ist etwa die Erinnerung Werner Sellemonds, geboren 1984, an eine „Besteigung“ des Kronplatzes an seinem 6. Geburtstag am 11. Juni 1990, es ist diese Erinnerung daran, genau 33 Jahre danach bei einem erneuten Gang auf den Kronplatz, die sein Tun bestimmt. Und dass Südtirol voll ist, von Touristen übervoll: Da müssen Sie nur einmal durchs Pustertal wollen, von irgendeinem Ort an einen anderen. Der Auslöser für das Tun Werner Sellemonds in jenem Sommer 2023, der letzte Funke war so eine Fahrt, also seine Fahrt von Bruneck nach Schrambach am 11. Juni 2023, weil da stirbt diese nicht einmal sechzigjährige Frau aufgrund jenes Staus: an einem „minderen Herzinfarkt“, wie er sagt. Und ja, der Tourismus in unserm Land und unser Verhältnis, unser Verhalten dazu ist die Klammer, die Klammer des Romans, also was alles zusammenhält. Und im Übrigen sind ja alle in der Familie Werner Sellemonds, auch er, im Tourismus tätig, wenigstens gewesen, lang.<BR /><BR /><BR /><b>Auch dieser Roman ist von vielen Fußnoten begleitet, die aber – und das ist neu – immer als Anmerkungen auf der dem Fließtext gegenüberliegenden Seite bequem lesbar sind. War dieser Kunstgriff nach den Erfahrungen mit den Sültzrather-Romanen notwendig?</b><BR />Oberhollenzer: Die Fußnoten haben sich nun also – oder nun endlich, vielmehr – gewissermaßen emanzipiert, liegen dem sog. Fließtext nicht mehr klein und untertänig und überseh-, überfliegbar zu Füßen, sondern stehen ihm auf gleicher Höhe und mit dem Recht auf eine eigene Seite gleichberechtigt und gleichgewichtig gegenüber: als Randnoten, aber nicht am Rand. Die Idee dazu hatte mein Verleger Ludwig Paulmichl; dafür danke ich ihm, sehr.<BR /><BR /><BR /><b>Man könnte Ihren Roman als eine kolossale Provokation lesen, ebenso aber auch als eine Mischung aus Krimi, Satire und Gesellschaftskritik. Welcher Typologie würden Sie selbst den Roman zuordnen?</b><BR />Oberhollenzer: Dieser Roman ist dies alles, ist der Kriminalroman, der er einmal werden wollte; ist eine Provokation, also, ins Deutsche übersetzt, eine Herausforderung: zu einer – wenigstens gedanklichen – Stellungnahme … oder sogar zu einem konkreten Handeln vielleicht, wie ja alles sein sollte, was sich Literatur nennen will; ist Satire auf eine Gesellschaft, deren Gesellschaft allerdings vielfach längst selbst satirisch geworden ist, ohne dass die Gesellschaft dies wahrnimmt bzw. wahrnehmen will; ist also natürlich oder, wie Thomas Bernhard sagen würde, naturgemäß: Kritik – im Positiven wie im Negativen, aber möglichst nie aus der Vogelperspektive – an dem, was ist, was da, wie man sagt, „kreucht und fleucht“, ist also ein Drauf-, nein, ist ein Hineinschaun ins Menschengeflecht. Vor allem aber ist mir das Schreiben – auch an diesem Roman – eine ungeheure Freude und Lust gewesen, ein Schreiben mit Lachen voll. Das schelmische Augenzwinkern hat mir mein Vater vererbt; er hat sein Leben so fast 90 Jahre überlebt.<BR /><h3> Zur Person Josef Oberhollenzer</h3><BR />Der Autor ist Liebhaber des Konjunktivs und der radikalen Kleinschreibung. Er wurde 1955 im Ahrntal geboren. Im fiktiven Aibeln ist er ebenso zu Hause. Er schreibt Lyrik, Prosa und Theaterstücke, einige seiner Texte wurden von Rockbands vertont. Er hat mehrere Preise und Stipendien erhalten. 1979 Mitherausgeber der Sondernummer Literatur der Zeitschrift der Südtiroler Hochschülerschaft Skolast. Er ist Gründungsmitglied der Südtiroler Autorenvereinigung. Mit seinem Roman Sültzrather stand er auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.<BR /><BR /><b>Buchtipp:</b><BR />Josef Oberhollenzer, „Sellemond oder Von der Schwierig- keit, Touristen zu töten“, Folio Verlag 2025, 286 Seiten<BR /><BR /><BR /><BR /><b>Lesungen:</b><BR />2.10.: 20 Uhr, Kultur.Lana, Hofmannplatz 2; Einführung und Moderation: Christine Vescoli.<BR />30.10.: 19 Uhr, Alte Schmiede, Schönlaterngasse 9 Wien<BR />7.11.: 19.30 Uhr, Ansitz Thierburg/ Kaffeehaus Lichtenthurn, Romstr. 15 Meran; gemeinsame Lesung mit Lorena Pircher im Rahmen des Festivals Sprachspiele/Linguaggi in gioco<BR />20.11.: 20 Uhr Landesbibliothek Dr. F. Teßmann, A.-Diaz-Str.8 8 Bozen; gemeinsame Lesung mit Schere Stein Papier (Mirijam Obwexer & Greta Pallhuber , Maxi Obexer, Moderation: Jörg Zemmler<BR />Novemberlesung der GAV – Grazer Autorinnen Autorenversammlung.