Samstag, 09. Januar 2016

Es ist wieder da: „Mehr für Lehrer als für Schüler“

Es ist wieder da. Es war niemals weg. „‘Mein Kampf‘ war immer greifbar“, sagt Oswald Überegger. In Bibliotheken, im Internet, in Opas Koffer. Der Historiker aus Sterzing spricht mit STOL über die 2000 Seiten starke Neuedition von Hitlers Kampfschrift. Höchst notwendig, aber nichts für Schüler, sagt er.

Über 2000 Seiten zählt die Neuedition von "Mein Kampf". Es ist eine Demontage der Originalschrift.
Über 2000 Seiten zählt die Neuedition von "Mein Kampf". Es ist eine Demontage der Originalschrift.

Südtirol Online: Herr Überegger, worum geht’s genau in „Mein Kampf“?
Oswald Überegger, Historiker und Leiter des Zentrums für Regionalgeschichte an der Freien Universität Bozen: „Mein Kampf“ ist zwischen 1924 und 1926 entstanden. Es gibt zwei Bände davon. Der erste ist biographisch gehalten, es geht um Hitler, sein Werden, sein Leben. Der zweite Band ist eine Grundlegung der nationalsozialistischen Ideologie. Es ist die „Magna Charta“ Hitlers, des Nationalsozialismus. Antisemitismus, Antikapitalismus, Antibolschewismus, Antidemokratismus. „Mein Kampf“ ist der Ausdruck der menschenverachtenden Ideologie Hitlers in seiner Gesamtheit.

STOL: Und vor der Veröffentlichung welchen Bandes fürchtet man sich nun so sehr?
Überegger: Die Bände sind nicht trennbar. Band 2 baut auf Band 1 auf. Es ist ein Ensemble, ein Vermächtnis Hitler. Auch die Edition, die nun erarbeitet worden ist, ist eine Gesamtedition, die alle Teile von „Mein Kampf“ beinhaltet.

STOL: Wie ist „Mein Kampf“ sprachlich?
Überegger: Die Intonation und Diktion sind jene der 1930er. Wenn man das Buch heute liest, fällt auf, dass das Deutsch damals ein anderes war: viel martialischer. Die typischen NS-Floskeln kehren ständig wieder. Viele sagen, das Buch sei unglaublich schlecht geschrieben. Aus heutiger Perspektive mag das stimmen.

STOL: Haben Sie „Mein Kampf“ gelesen?

Überegger: Ja. Vor vielen, vielen Jahren, noch als Student in Innsbruck. „Mein Kampf“ war, und deswegen verstehe ich auch die ganze Aufregung nicht, immer greifbar – in wissenschaftlichen Bibliotheken, in Antiquariaten und vielleicht auch in Opas Koffer auf Dachboden. Oder im Internet. In einer digitalisierten Welt ist es völlig absurd das Erscheinen eines Buches verbieten zu wollen. Ich selber begrüße die Neu-Edition sehr.

STOL: Sie sagen, es ist sinnvoll, ein derartiges Werk mit wissenschaftlichen Kommentaren in einen Kontext zu stellen.
Überegger: Ja. Zumal „Mein Kampf“ eine der Primärquellen des Nationalsozialismus ist. Und bisher fehlte eben genau das, was nun die Kollegen des Institutes für Zeitgeschichte in München leisten: ein Versuch, sich die Fragen zu stellen, wo die ideologischen Wurzeln des Nationalismus liegen, wo die Quellen dafür zu suchen sind. Man versucht Fehler zu korrigieren, Darstellungen zu kontrastieren, das Werk in einen Kontext zu stellen. Das ist in der Neuedition auf beste Weise bewältigt worden. Die Neuedition von „Mein Kampf“ ist eine ganz zentrale Publikation für alle jene, die sich mit Hitler und mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen. Es ist eine sehr, sehr kompetente Auseinandersetzung mit dem Gesamtwerk. Höchst notwendig.

STOL: Konnten Sie bereits einen Blick auf die Neuedition werfen?
Überegger: Noch nicht. Ich weiß aber recht gut Bescheid, da ich beruflich mit Kollegen am Institut zu tun habe, ich die Projekt-Exposées gesehen habe und die ganze Geschichte des Zustandekommens kenne. Die Historiker, die hier am Werk waren, sind absolute Spezialisten ihres Fachs. Das Werk ist interdisziplinär bearbeitet worden, insgesamt haben 120 Mitarbeiter daran gearbeitet, die zum Teil auch zu Fachaspekten Expertisen abgegeben haben. Die Neuedition umfasst 2000 Seiten – Originaltext und 3500 Anmerkungen. Eine Demontage des Nationalsozialismus und der Ideologie Hitlers.

STOL: Könnte bei Rechtsradikalen dennoch der Gewinn überwiegen, dass das Buch nun frei zu bekommen ist?
Überegger: Glaube ich nicht. Sicher, es gibt einige Ewiggestrige. Doch die haben auch bisher auf „Mein Kampf“ zugegriffen.

STOL: Von „Mein Kampf“ geht keine Gefahr mehr aus?
Überegger: Es geht insofern keine Gefahr davon mehr aus, als dass jene, die das Gedankengut in „Mein Kampf“ für gut halten, das bisher getan haben und das auch weiterhin tun werden. Die Neuedition wird sie nicht belehren können. Doch meiner Ansicht nach, überwiegen eindeutig die positiven Aspekte der Neuauflage. Endlich hat man ein wissenschaftliches Korrektiv des Buches in der Hand.

STOL: Das besser ist, als das Buch einfach zu verbieten?
Überegger: Auf alle Fälle. Ein Verbot hätte überhaupt keinen Sinn. Wie gesagt: Das Buch war auch bisher überall greifbar.

STOL: Die Bearbeitung von „Mein Kampf“ ist durch das Erlöschen der Urheberrechte mit Ende 2015 notwendig geworden. Hätte man sich schon viel früher an eine Neuedition wagen sollen?
Überegger: Historiker wie ich hätten es sich sicher gewünscht, wenn es schon früher zu diesem Projekt gekommen wäre, gar keine Frage.

STOL: Wer hat gebremst?
Überegger: Die Urheberrechte lagen beim Freistaat Bayern. Bayern war bemüht, Neueditionen zu verhindern. Um „Mein Kampf“ rankt sich ein Mythos. Von politischer Seite ist eine Neuedition ein heißes Eisen, an dem man sich lieber nicht verbrennen möchte. Deshalb hat man das Thema auf die lange Bank geschoben.

STOL: Deutschland blickt nun sehr nervös auf die Neuedition. Was sagt das über die Bewältigung der eigenen Geschichte aus?
Überegger: Nationalsozialismus ist offensichtlich nach wie vor ein Thema, bei dem man sich sehr unsicher ist. Es ist nun mal eine ganz zentrale Epoche in der Geschichte Deutschlands und der Welt. Es war klar, dass die Neuedition dieses Buches eine kontroverse Debatte auslöst. Alles andere hätte überrascht.

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STOL: Ist die Neuedition von „Mein Kampf“ auch für Schulen geeignet?
Überegger: Für den Geschichtsunterricht ändert sich unmittelbar, denke ich, gar nichts. In den Oberschulen war "Mein Kampf" auch bisher schon Thema. Ich sehe die Neuedition mehr als Hilfestellung für Lehrer als für Schüler. Man darf nicht vergessen: Das Werk ist sehr schwierig, wissenschaftlich. Es ist eine exzellente, wissenschaftliche Aufbereitung, die Historikern und Lehrern dienen kann. Als gute Basis für die Auseinandersetzung mit "Mein Kampf" im Schulunterricht.

STOL: Also nichts für durchschnittlich Geschichtsinteressierte.
Überegger: Ich würde sagen, die Neuedition von „Mein Kampf“ ist wirklich für Geschulte, Spezialisten. Es gibt andere, ausgezeichnete Überblickswerke, die ein sehr viel umfassenderes Bild von Hitler und dem Nationalsozialismus vermitteln. Mit „Mein Kampf“ ist viel gesagt. Aber nicht alles.

Interview: Petra Gasslitter 

stol