Mittwoch, 20. Mai 2020

Felix Mitterer legt seinen ersten Roman vor

In „Keiner von Euch“ erzählt der Dramatiker die Geschichte des afroösterreichischen Kammerdieners Soliman im Wien des 18. Jahrhunderts als Plädoyer für die Würde des Menschen.

Es war es wert, auf den ersten Roman des Dramatikers Felix Mitterer zu warten.
Es war es wert, auf den ersten Roman des Dramatikers Felix Mitterer zu warten. - Foto: © privat
Auf neue Pfade begeben hat sich Felix Mitterer mit seinem Werk „Keiner von Euch“, denn nach vielen dramatischen Arbeiten handelt es sich dabei um seinen ersten Roman. Treu geblieben ist der Tiroler seiner Dialogstärke und seiner Vorliebe für Außenseiterfiguren. Als Vorlage diente ihm Angelo Soliman, der im Wien des 18. Jahrhunderts zum Kammerdiener aufstieg, aber nach seinem Tod ausgestopft wurde.
Die Geschichte

Die Figur des Angelo Soliman, der vermutlich Mmadi Maké hieß, und sein grausames Ende als Schaustück im kaiserlichen Naturalienkabinett samt Speer und Federgürtel inspirierte bereits mehrere Kunstschaffende. Sein Leben als einer der ersten dunkelhäutigen Menschen im Europa jener Zeit ist durchaus gut dokumentiert, doch Mitterer nahm sich nach eingehender Recherche viel künstlerische Freiheit, um eine ganz eigene Geschichte zu erzählen: 1759 erhält die kleine Adelige Clara in Sizilien zum Geburtstag den ersehnten „kleinen Mohren“ geschenkt. Der verschreckte Bub, in Afrika geraubt, bekommt einen neuen Namen, wird in eine orientalische Tracht gesteckt, getauft und schließlich von Claras Mutter an den nach Wien abreisenden Fürst Thurnstein, einen Freund der Familie mit einer Vorliebe für Knaben, verschenkt.


Als Erwachsene begegnen sie einander wieder: Die willensstarke Clara, nun in einer enttäuschenden Ehe mit dem Fürsten gefangen, und Angelo als dessen nach Freiheit strebender Diener, Ingenieur und Soldat. Maké verkehrt mit Kaiser Joseph II., mit Wolfgang Amadeus Mozart und Geistesgrößen seiner Zeit, er wird Freimaurer. Ihm schlägt Bewunderung für sein Schachspiel und seine aufklärerische Gesinnung entgegen, aber er muss auch in einer unfreien, kolonialistischen und rassistischen Gesellschaft als „Spielzeug für die reichen Damen“ dienen, wird als „schwarzer Teufel“ angefeindet und bleibt Außenseiter, dem man jederzeit den Rückfall ins Primitive zutraut. Maké wird als „Bilderbuchmohr“ des Kaisers zum Symbol der Aufklärung und gerät darum bald in Gefahr, zumal er sich erdreistet, als Schwarzer eine weiße Frau zu heiraten.
Der Hintergrund

Die Idee der Aufklärer von der Gleichheit der Menschen und der Versuch ihrer Umsetzung unter Joseph II. prallen in dem Roman auf die verrottende „gottgegebene Ordnung“, vertreten von Adel und Kirche. Die Welt ist im Umbruch: Die Leibeigenschaft endet, das Staatswesen wird erneuert, die Wissenschaft und die Medizin machen Fortschritte, wenn auch manchmal fragwürdige. Doch das Volk weiß seine Befreiung nicht zu schätzen und nach Josephs Tod schlagen die alten Kräfte zurück. Maké, weder Afrikaner noch Europäer (oder vielmehr beides), sucht in all diesen Kämpfen nach seinem Platz in der Welt. Seine Unbestimmtheit zeigt sich bei einem Faschingsball, als er sich als Weißer verkleidet, der sich als Afrikaner maskiert. Er ist als Brückenbauer charakterisiert, als in mehrerer Hinsicht Vielsprachiger und als idealer, edler Mensch. Makés zentraler Gegenspieler ist der intrigante Professor Hoffmann, der einer kruden Rassentheorie anhängt und die aufklärerischen Ideen pervertiert.
Die Perspektiven

Erzählt wird aus mehreren Perspektiven, neben Maké und Hoffmann kommen Clara Soliman und Tochter Josephine zu Wort. Die Ich-Perspektive lässt viel Nähe zu den Figuren zu, doch das Springen zwischen den Erzählern ist vor allem zum rasanten Ende des Romans hin eine Herausforderung. Dass da ein versierter Dramatiker am Werk war, lässt sich nicht verhehlen: So finden sich eher knappe Regieanweisungen als üppig-barocke Milieu- und Landschaftsbeschreibungen, gekonnte Dialoge treiben das Geschehen voran. Mitterer trifft dabei den richtigen Ton, etwa wenn die Vertreter der Wiener Halbwelt dialektal sprechen. Wenn die aus dem bettelarmen Tirol stammende Geliebte dem Kaiser erklärt, dass es sich bei einer „Tyrolerin“ um eine fahrende Hure handelt, zeigt sich, dass das einfache Volk und der das harte Landleben verklärende hohe Herr nicht dieselbe Sprache sprechen.
Die Würde des Menschen

„Keiner von Euch“ – der Titel wirkt selbstbewusst, ja trotzig, ihm haftet aber auch etwas Trauriges, Enttäuschtes an. Mitterers spannender historischer Roman ist ein humanistisches Plädoyer für die Würde des Menschen. Das Buch ist dabei aber nicht kopflastig, sondern unterhaltsam und liest sich leicht, stellenweise wie ein Thriller. Diese Geschichte war es wert, darauf zu warten, sie von Mitterer als Roman erzählt zu bekommen.

Buchtipp:
„Keiner von Euch“ von Felix Mitterer, Haymon Verlag, 344 Seiten

eva/apa