Aufgeklärtes Wissen um Geschichte und Gegenwart der Psychiatrie aber ist vergleichsweise gering. Das Interreg-Projekt „Psychiatrische Landschaften“ hat es sich zum Ziel gesetzt, dies zu ändern, indem es mittels einer Ausstellung, einer Open-Source-Dokumentation im Internet, mittels eines Buches und eines Films auf Vermittlung im regionalen Raum setzt.Geschichte der Pfleger und der Psychiatrischen versorgungNun sollen das Buch zum Projekt mit dem Titel „Psychiatrische Landschaften. Die Psychiatrie und ihre Patientinnen und Patienten im historischen Raum Tirol seit 1830“ (innsbruck university press 2011) und die Filmdokumentation mit Didaktikplattform „Die [un]sichtbare Arbeit. Zur Geschichte der psychiatrischen Pflege im historischen Tirol von 1830 bis zur Gegenwart“ Aufschluss übner diese Thema geben. Während sich die Fimdokumentation mit der Geschichte der Pfleger in psychiatrischen Einrichtungen im historischen Tirol seit 1830 befasst, gibt das Buch einen Überblick über die Geschichte der psychiatrischen Versorgung von der Gründung von Hall als erstem „Irrenhaus“ Tirols (1830), über die Errichtung von Pergine (1882) als italienisches „Irrenhaus“ im damaligen Welschtirol und die Einrichtung der psychiatrisch-neurologischen Universitätsklinik in Innsbruck als Stätte der Forschung und Lehre bis hin zu den Psychiatriereformen der 70er- und 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts, in Italien die Besaglia-Reform von 1978 mit der Abschaffung der psychiatrischen Krankenhäuser und dem Aufbau von territorialen Strukturen zur ambulanten Versorgung.Frühe Jahre, große Anstalten, NS-Euthanasie…Im Unterschied zur Ausstellung „Ich lass mich nicht länger für einen Narren halten“, die aus Patientenperspektive berichtet, erzählt der Film und die dazugehörigen Didaktikmaterialien die Geschichte der psychiatrischen Pfleger in fünf Filmsequenzen und zehn Unterrichtseinheiten. Sie sind online abrufbar und werden den Schulen als Stick im Scheckkartenformat mit beschreibendem Booklet zur Verfügung gestellt. Die fünf Filmsequenzen behandeln „die Frühen Jahre“, „die großen Anstalten“ und den Beginn der Klinik, „die NS-Euthanasie“, die NS-Gesundheitspolitik und die Ermordung der Psychiatriepatienten, Teil vier und fünf erzählen „die langen 50er-Jahre“ und schließlich die Wege zur „Offenen Psychiatrie“, die den deutlichsten Unterschied zwischen den beiden Regionen Südtirol/Trentino und Tirol markieren.Gemeinsame und getrennte Geschichte Süd- und NordtirolsDie gemeinsame und getrennte, letzlich vielfach ineinander verwobene Geschichte der beiden Länder zu erzählen, ist ein besonderes Anliegen aber auch eine besondere Herausforderung, da die politischen Rahmenbedingungen durch die 200jährige Geschichte immer mitzukommunizieren sind und eine entscheidende Auswirkung auf den Umgang mit psychisch kranken Menschen hatten. Paradigmatisch dafür gilt das Schicksal der psychisch kranken Südtiroler während der Option: Sie wurden nicht nur in großer Zahl aus Pergine ins Deutsche Reich transportiert, sondern auch zahlreich aus den Familien heraus psychiatrisiert und in die Innsbrucker Klinik oder in Hall interniert und kamen dem NS-Tötungsprogramm gefährlich nahe.Die Absicht des Forschungs- und Vermittlungsprojektes „Psychiatrische Landschaften“ ist es, das Tabu psychische Krankheit zu brechen, indem gezeigt wird: das Leiden und die Geschichte der psychisch Kranken ist nicht die Geschichte der Anderen, sie ist unsere eigene Geschichte, die unserer Angehörigen, unserer Freunde.Die Vorstellung der Filmdokumentation und der Didaktikplattform „Die [un]sichtbare Arbeit. Zur Geschichte der psychiatrischen Pflege im historischen Tirol von 1830 bis zur Gegenwart“ und des Buches Elisabeth Dietrich-Daum/Hermann Kuprian/Siglinde Clementi/Maria Heidegger/Michaela Ralser (Hg.), „Psychiatrische Landschaften. Die Psychiatrie und ihre Patientinnen und Patienten im historischen Raum Tirol seit 1830“, innsbruck university press 2011, findet am 6. Februar um 18 Uhr im Filmclub Bozen statt.