Zarte, hauchdünne Sehnsuchtsfäden umspannen Malls Geschichte über den Versuch einer Annäherung der Söhne an ihren kranken, toten oder totgeglaubten Vater. Die Grenzen zwischen Leben und Tod, Vision und Wirklichkeit verschwimmen ebenso wie die nie in Frage gestellte Topographie der Kindheit.Schnee und Wasser lösen die Vorhersehbarkeit aufBereits den Beginn des Romans überschwemmt das Wasser. Befremdet liest man sich durch eine überflutete Kleinstadt, in der sich bald alle Autos in Boote verwandeln werden. Der Jahrhundertregen wird aufhören und er wird alle Sicherheiten der Figuren mitgenommen haben.Ein ganzes Leben haben die ungleichen Brüder Johannes und Gregor an dem einen Bild ihres Vaters festgehalten und nun plötzlich entdeckt sich ihnen ein neuer Mensch, ein Mensch mit einem anderen Leben – in einer fernen Stadt, mit einer fremden Frau.Ein ganzes Leben wartet Klara in Berlin auf Erwin, auf Johannes und Gregors Vater. Als er dann kurz vor seinem Tod zu ihr kommt, wird sie den lautlosen Dialog, den sie über 60 Jahre und 1000 Kilometer hinweg mit ihm geführt hat, einfach weiterführen. Als sei nichts gewesen, als sei es der natürliche Lauf der Dinge, verlassen die beiden das Kaffeehaus und gehen ineinander versunken die Straße hinunter.Den Nachgeborenen zerrinnt das WesentlicheBehutsam schält Mall diese andere Vaterfigur aus den Gewissheiten der Söhne, lässt sie nur im Halbdunkel aufleuchten, lässt Ahnungen zu, keine Sicherheiten.Johannes intellektuell distanzierte Beobachterperspektive ergänzt das rastlose Wegschauen seines älteren Bruders Gregor. Fein skizziert in der Alltäglichkeit ihrer strukturierten Wahrnehmung verlieren die Söhne an Bodenhaftung, sobald sie auf die blinden Flecken im Vorleben ihres Vaters stoßen. Immer mehr verstricken sie sich dabei in die Hilflosigkeit derer, die die Zeit nicht aufhalten können, die es versäumt haben Fragen zu stellen.Schön, wie der Lyriker Mall immer wieder, ganz nebenbei, die Ebenen auflöst, Tod und Leben, Gegenwart und Vergangenheit ineinanderfließen lässt, ohne Antworten zu geben. Wenn er Erklärungen sucht, verliert die Erzählung etwas an Dichte. Die Nazivergangenheit des Vaters, die fortschreitende Demenz der Mutter, die Politikerkarriere Gregors und der Alkoholkonsum seiner Frau Angelina sind glaubwürdige Motive, brechen aber die zähflüssige Intensität der inneren Suche.Alma und Irina, Angelina und Klara oder die abgekappten Seelen der MännerMall versteht es, mit wenigen Strichen jene atmosphärische Eindringlichkeit zu schaffen, die nicht nach der Nachvollziehbarkeit des Geschehens fragt. Aufgerüttelt aus ihrer emotionalen Müdigkeit, Resignation oder Blindheit bleibt den Brüdern nichts anderes, als sich dem Unerhörten zu stellen, es einfach aufzunehmen.Nur Alma, Johannes jugendlicher Tochter, Irina, der Seelenkrankenschwester aus dem mystischen Osten und der liebenden Klara gesteht Mall emotionale Lebendigkeit und Wahrhaftigkeit zu. Der kranke Vater selbst wird sie sich erst in seinen letzten Tagen erlauben. Der Leser wird nie erfahren, was ihn vor 60 Jahren davon abgehalten hat, zu Klara zurückzukehren.Eine berührende Geschichte über die Diskrepanz zwischen innerer und äußerer Wahrheit und über die Sehnsucht nach Nähe, die scheinbar nur in einer Bombennacht oder im Angesicht des Todes gelebt werden kann. Alles andere ist das Leben.Jutta TelserTermin: Der neue Roman von Sepp Mall „Berliner Zimmer" wird im Rahmen der „Bücherwelten im Waltherhaus“ am 9. Februar um 290 Uhr erstmals vorgestellt.