Die Tradition der Fastentücher reicht bis ins Mittelalter zurück. Sie verhüllen die bildlichen Darstellungen, damit sich die Gläubigen im Gottesdienst ganz auf das gesprochene Wort konzentrieren können.<BR /><BR /> Das Museum Gherdëina in St. Ulrich verwahrt verschiedene Formen von Fastentüchern. 3 davon stellt ein Beitrag in der Monatszeitschrift für Südiroler Landeskunde „Der Schlern“ vor. Autor des Beitrages ist der Theologe Reiner Sörries, im Folgenden einige Gedanken aus dem Aufsatz.<BR /><BR />Das Fastentuch von St. Jakob in Gröden im Museum Gherdëina in St. Ulrich erzählt in 24 Bildfeldern die Geschichte der Passion und Auferstehung Jesu vom Einzug in Jerusalem bis zur Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten. Es gilt als später Vertreter des sog. Feldertyps, entstanden zu Beginn des 17. Jahrhunderts und fällt in eine Phase des Übergangs von den felderreichen Tüchern zu den einszenigen Fastentüchern, auf denen jeweils nur eine Szene der Passion dargestellt ist.<BR /><BR />2 Fastentücher und ein Fastentuchfragment, die dem einszenigen Typ entsprechen, befinden sich die sich ebenfalls im Museum Gherdëina; sie stammen vermutlich aus der alten Ulrichskirche am Friedhof in St. Ulrich. Alle drei Tücher sind (in Tempera?) auf Leinen gemalt und besitzen einen einheitlich blau-grau eingefärbten Malgrund, wie das für die Fastentücher dieser Zeit typisch ist. Die einzelnen figürlichen Szenen wirken darauf wie plastische Versatzstücke, wobei ein gestalteter Hintergrund fehlt. <h3> Das letzte Abendmahl</h3><div class="img-embed"><embed id="1010657_image" /></div> <BR /><BR />Das erste, leicht hochrechteckige Tuch besitzt die Maße 200 mal 140 Zentimeter und zeigt die Szene des letzten Abendmahls. Jesus mit Nimbus und die zwölf Apostel sitzen um einen runden Tisch herum. Daneben liegt ein kleines Brot oder eine Semmel, eine hält Jesus in seiner linken Hand. Jesus blickt keinen der zwölf Tischgenossen direkt an, auch nicht den Betrachter, sondern er schaut wie wissend in die Ferne. <BR />Am ehesten scheint der Moment eingefangen, in dem Jesus spricht: „Und am Abend setzte er sich zu Tische mit den den Zwölfen. Und da sie aßen, sprach er: Wahrlich ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. Und sie wurden sehr betrübt und hoben an, ein jeglicher unter ihnen, und sagten zu ihm: HERR, bin ich’s?“ (Mt 26, 20ff.)<h3> Jesus wird verspottet</h3>Das zweite Tuch mit Maßen von 260 mal 157 Zentimetern ist deutlich hochrechteckig, zeigt eine ikonographisch bemerkenswerte Szene und ist von daher das interessanteste der drei Tücher. Aufgrund zahlreicher Beispiele würde man als Thema des Fastentuches Geißelung oder Dornenkrönung erwarten. <BR />Jesus wird hier weder gegeißelt noch mit einer Dornenkrone gekrönt, sondern er erleidet die sog. erste Verspottung, nachdem ihn in die Schergen in das Haus des Hohepriesters gebracht hatten (Lk 22, 54). Dort „trieben (sie) ihren Spott mit Jesus. Sie schlugen ihn, verhüllten ihm das Gesicht und fragten ihn: Du bist doch ein Prophet! Sag uns: Wer hat dich geschlagen? Und noch mit vielen anderen Lästerungen verhöhnten sie ihn.“ (Lk 22, 63-65) <h3> Trauernde Mutter Jesu</h3><div class="img-embed"><embed id="1010660_image" /></div> <BR /><BR />Beim dritten Fastentuch handelt es sich um ein Fragment mit den Maßen 214 mal 82 Zentimeter, das aus einem größeren Tuch herausgeschnitten wurde. Ebenfalls vor blauem Hintergrund ist Maria, die Mutter Jesu, gemalt; sie trägt ein rotes Unter- und ein blaues Obergewand, ein helles Kopftuch, darüber ein dünner Heiligenschein. In einem Gestus der Trauer führt sie beide Arme vor der Brust zusammen. <BR /><BR />Man wird das Fragment unschwer zu einer Szene der Kreuzigung ergänzen können, wenn Maria und Johannes zu beiden Seiten unter dem Kreuz stehen. Ein Fastentuch in der Pfarrkirche zum Hl. Veit in Obertelfes in Ratschings kann als Parallele herangezogen werden. Das Grödner Fastentuch dürfte deshalb in der Höhe gut vier Meter und in der Breite etwa 3,20 Meter erreicht haben.<BR /><BR />Ein bemerkenswertes Detail am rechten unteren Rand ist die Darstellung einer Burg, die so charakteristisch wiedergegeben ist, dass man in ihr zweifellos ein Abbild der Fischburg sehen kann, die sich im Grödner Tal zwischen St. Christina und Wolkenstein an der orographisch linken Talseite südlich des Grödner Bachs befindet.<BR /><BR />Unabhängig von der definitiven Klärung einer Zusammengehörigkeit der drei Tücher entspricht nur das Fastentuch mit Maria und einer ursprünglichen Kreuzigungsszene der üblichen Fastentuchikonographie. Tücher mit diesem Sujet waren zumeist für den Hauptaltar bestimmt. Szenen der Verspottung Jesu und des Abendmahls (anstelle von Geißelung oder Dornenkrönung) hingegen bilden die Ausnahme. So bleibt als Resümee die Feststellung, dass die drei Grödner Tücher eine kunsthistorisch wie ikonographisch wertvolle Bereicherung nicht nur der Südtiroler Fastentuchlandschaft darstellen. Sie verdienten unbedingt eine fachgerechte Restaurierung und künftige Präsentation in den erweiterten Ausstellungsräumen des Museums.<BR /><BR />Der gesamte Aufsatz findet sich in der Märzausgabe der Zeitschrift „Der Schlern“. Bestellen: www.athesiabuch.it<BR />