Sie schreibt und schreibt und schreibt. Dabei könnte Gudrun Pausewang es eigentlich ruhiger angehen lassen in ihrem Alter. Sie hat schließlich viel geschafft und 94 Bücher geschrieben. Das wohl erfolgreichste, „Die Wolke“, wurde knapp zwei Millionen Mal verkauft und in 15 Sprachen übersetzt. Der Roman nach dem Reaktorkollaps 1986 in Tschernobyl traf den Nerv der Zeit. Nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima 2011 wurde das Thema wieder aktuell und Pausewang war eine gefragte Gesprächspartnerin.Schriftstellerei ist LeidenschaftJetzt ist es zwar wieder ruhiger geworden. Aber die renommierte Jugendbuchautorin aus Schlitz, einer Kleinstadt in Hessen, hat noch viel vor, sie will weiterschreiben. An diesem Sonntag (3. März) wird sie 85 Jahre alt.Die kleine Frau mit dem markanten Kurzhaarschnitt und einem warmen Lächeln erklärt ihren Antrieb: „Die Schriftstellerei ist kein Job, sondern Leidenschaft. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich die Lust verliere. Nur denkbar, wenn ich mal gesundheitlich nicht mehr kann.“Wenn sie im Liegestuhl die Seele baumeln lässt, bekommt sie schnell ein schlechtes Gewissen. „Ich wurde von klein auf erzogen zu arbeiten. Wenn ich abends zehn Seiten geschafft habe, bin ich happy.“ Deswegen sitzt sie fast täglich an ihrem Schreibtisch.Kämpferin für Natur und FriedenPausewang, leidenschaftliche Kämpferin für Natur und Frieden, hat vier Millionen Bücher verkauft. Die ersten zehn Jahre beschäftigte sie sich mit Literatur für Erwachsene. Den Großteil ihrer Bücher verfasste sie aber für Jugendliche. Vier Hauptthemen sind für sie prägend: „Krieg und Frieden“, „die Armut in Südamerika“, „Schutz der Umwelt“ und „Nie mehr Nationalsozialismus“, sagt sie. Über die NS-Epoche sagt Pausewang: „Ich bin noch Zeitzeuge. Mein Vater war ein überzeugter Nazi und ich wurde zum kleinen Nazi erzogen.“Neben „Die Wolke“ (1987), für das sie 1988 den Deutschen Jugendliteraturpreis bekam, verfasste sie so bekannte Titel wie „Die Not der Familie Caldera“ (1977) und „Die letzten Kinder von Schewenborn“ (1983). Nach Fukushima schrieb sie „Noch lange danach“.Humor ist wichtigPausewang verfasst auch gern Heiteres. Derzeit arbeitet sie am vierten Teil vom „Räuber Grapsch“, ebenso an „Der Bankräuber am Kaffeetisch“ und „Der rote Wassermann“. Ihre Manuskripte tippt sie auf einem in die Jahre gekommenen PC. Sie werden aber nicht etwa zum Verlag gemailt, sondern ausgedruckt und auf Diskette gespeichert per Post verschickt. „Ich bin technisch nicht begabt und leiste es mir, auf diesem Gebiet altmodisch zu sein.“Bücher schon als Kind wichtigDie ehemalige Deutsch-Lehrerin, die einige Jahre in Südamerika unterrichtete, bekam als Kind einen prägenden Zugang zu Büchern. Aufgewachsen in kargen Verhältnissen im böhmischen Dorf Mladkov (Wichstadtl) lernte sie die Welt nur über Bücher kennen. „Aber ich wusste schnell, dass nicht alle Probleme in einem Happy End aufgehen, dass nicht immer Gut gewinnt und Böse verliert.“ Sie fühlte sich schon als junge Leserin nicht ernst genommen. Und wollte es später selbst besser machen. „Ich wollte früh Geschichten-Erfinderin werden.“ Und ihre Leser ernst nehmen.„Pausewang hält an einem politisch-moralischen Wirkungsanspruch fest“, sagt der Direktor des Frankfurter Instituts für Jugendbuchforschung, Hans-Heino Ewers. „Ihre bekanntesten Bücher sind parteiisch von oben bis unten – aber das gehört zu dieser Art von Literatur. Genauso wie die recht konventionellen literarischen Muster, teilweise mit einem einfachen Gut-Böse-Schema.“ Für Pausewang ist gerade das wichtig: „Ein gutes Buch ist meistens so angelegt, dass eine Identifikationsfigur für den Leser da ist.“1958 das erste Buch1958 fing sie an zu schreiben. „Ich hatte eine Mordsangst, dass ich die Sachen zurückbekomme.“ Dass niemand Interesse an ihre Themen und Ideen zeige. Doch sie hatte Erfolg. Es wurden sogar schon Schulen nach ihr benannt. Und einer ihrer Schüler aus der Kleinstadt Schlitz brachte es selbst zum Bestseller-Autor: Florian Illies, der Erfinder der „Generation Golf“ (2000), derzeit mit „1913. Der Sommer des Jahrhunderts“ wieder in den Bestsellerlisten.