Die Autorin Frauke Angel weiß, was man Kindern zumuten kann. Im Zuge der Bücherwelten wird sie an 3 Vormittagen aus ihrem Buch „Neue Heimat 1404“ lesen.<BR /><BR /><b>Ihre Bücher behandeln ernste Themen wie Scheidung, soziale Ungleichheit und Diskriminierung aufgrund von Behinderung oder Herkunft, doch Sie schaffen es, diese Schwere mit Humor zu durchbrechen, ohne das Wesentliche zu banalisieren. Welche Rolle spielt Humor beim Schreiben Ihrer sozialkritischer Bücher?</b><BR />Frauke Angel: Zunächst möchte ich betonen, dass ich es für ausgemachten Quatsch halte anzunehmen, dass behinderte, diskriminierte oder armutsgefährdete Kinder keinen Spaß am Leben hätten. Genau dieser Gedanke entspringt einer scheinbar mitfühlenden, tatsächlich aber herablassenden Sichtweise derjenigen, die diese prekären Lebensumstände von außen betrachten, anstatt sich ernsthaft mit ihnen auseinander zu setzen. Denn täten sie das – auch in der Literatur – könnten wir alle viel öfter lachen. Und zwar nicht über, sondern mit unseren Helden und Heldinnen, die häufig gerade durch ihre Lebensumstände einen messerscharfen Blick auf und eine wirklich komische Analyse von der Gesellschaft an den Tag legen. Natürlich kann es dabei vorkommen, dass privilegierte Leser und Leserinnen der Anlass ihres Lachens sind. Das muss man dann schon aushalten können. Was ich persönlich wirklich lustig finde ist, dass Kinder sich sehr häufig in meinen literarischen Figuren wiederfinden, Erwachsene aber so gut wie nie, obwohl mir auch da immer reale Figuren als Vorlage dienen. Meine These: Im Gegensatz zu Kindern, die sagen, was sie denken, und die sind, was sie sind, haben wir Großen ein geschöntes Bild von uns selbst, das besagt, wie wir gerne wahrgenommen werden wollen. Also Wunsch versus Wirklichkeit. Ich nehme mich da übrigens selbst nicht aus. <BR /><BR /><BR />So hatte ich etwa letzten Oktober eine Lesung, bei der ich mich mit den Kindern im Anschluss über unsere Behinderungen ausgetauscht habe. Ich erzählte, dass ich als Brillenträgerin sehbehindert bin und als Kind schwer mit meiner Legasthenie zu tun hatte. Plötzlich rief ein Junge: „Und du hast ADHS, genau wie ich!“ Verdattert fragte ich zurück, wie er denn darauf käme. Prompt antwortete er, dass ich in der 90-minütigen Lesung keine einzige Minute still gesessen, aber super spontan und krass impulsiv auf alles und jeden im Raum reagiert hätte. Ich war baff. Denn er hatte recht. Und ich wusste auch, dass ich am selben Tag noch zwei solcher Lesungen halten würde. Ich hab den Jungen gefragt, ob ich mich seiner Meinung nach dazu mal untersuchen lassen soll. Aber er meinte, das sei nicht nötig. Jedenfalls nicht, wenn ich keine Medikamente haben will, denn die Diagnose sei ja sonnenklar. Und ich hätte mir schließlich einen guten Beruf ausgesucht. Einen, wo ich ganz ohne Medikamente genau so behindert sein kann wie ich bin. Ich habe noch Tage später herzlich gelacht. Besonders als die Presse über ebendiese Lesung schrieb: „Quirlige Autorin begeistert Kinder“. Tja, so kann man es natürlich auch ausdrücken.<BR /><BR /><BR /><b>Die Themen Ihrer Bücher scheinen oft aus der Lebenswelt der Kinder selbst zu stammen. Wie gehen Sie bei der Recherche vor, um die kindliche Perspektive authentisch einzufangen, und wo ziehen Sie die Grenze zwischen realistischem Erzählen und dem Schutz der kindlichen Leserschaft vor zu viel Schwere?</b><BR />Angel: Stimmt genau, ich klaue permanent aus dem echten Leben. Nichts interessiert mich mehr als die Realität der Kinder, ihrer Freunde und Familien. Und dabei ziehe ich ehrlich gesagt gar keine Grenze. Man darf Kindern etwas zumuten. Sie fordern das sogar ein. Sie wollen ihr Leben, das ja nie nur schwarz oder weiß ist, abgebildet sehen. Und daraus ergeben sich automatisch immer auch poetische und humorige Zwischentöne, die eine kindliche Leserschaft atmen lässt.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1122729_image" /></div> <BR /><BR />Ich höre den Menschen zu wie sie miteinander reden und worüber. Und zwar dort, wo sie leben oder wo meine Geschichten spielen. Kinder und Jugendliche spreche ich auch manchmal direkt an und frage, wenn ich etwas bestimmtes wissen will. Erwachsene belausche ich eher. Selten verwickele ich sie in ein Gespräch, z. B. um mehr über den Klang und den Rhythmus ihrer Sprache zu erfahren. Dazu nutze ich undercover auch meine Fähigkeiten als Schauspielerin. Manchmal denke ich, mein Leben ist ein einziges Rollenstudium inklusive Recherche-Reise. Das ist beruhigend. Der Stoff für meine Geschichten wird mir jedenfalls nie ausgehen.<BR /><BR /><BR /><b>In einer Zeit, in der gesellschaftliche Herausforderungen immer komplexer werden, haben auch Kinder zunehmend mit sozialen Problemen zu kämpfen. Welche Verantwortung sehen Sie als Autorin darin, jungen Lesern und Leserinnen in schweren Themen Orientierung zu geben, ohne pädagogisch zu wirken?</b><BR /> Angel: Das ist eine schwierige Frage. Weil ich mich schon an den Begrifflichkeiten aufhänge. Zunächst: Ich bin Autorin und keine Pädagogin. Es ist also gar nicht meine Aufgabe zu erziehen. Andererseits fühle ich mich tatsächlich in der Pflicht, mit meinem Schreiben gesellschaftliche und politische Verantwortung zu übernehmen. Das mache ich, indem ich in meinen Geschichten den Menschen eine Stimme gebe, von denen ich will, dass sie gehört werden. Weil sie Orientierung geben können, weil sie Fragen stellen, weil sie nach Lösungen suchen. Sie. Nicht ich. Ich bin quasi nur das Medium für diese Stimmen. Und das ist auch besser so. Als Autorin werde ich oft dafür gelobt, dass ich nie den moralinsauren Zeigefinder erhebe. Und das stimmt auch. Der Autorin fällt das nämlich leicht. Der Privatperson Frauke Angel aber nicht. Ich bin ein total moralischer Mensch. Meine größte Herausforderung ist es, offen zu bleiben, die eigene Glaubenssätze, Werte, Haltungen und Handlungen wieder und wieder zu überprüfen, und sie auch von anderen in Frage stellen zu lassen. Nur so kann ich in einen Diskurs treten, etwas neues erfahren, mich weiterentwickeln, etwas dazulernen. Und das möchte ich. Besonders gerne von Kindern.<BR /><h3> Zur Person Frauke Angel</h3>Sie wurde 1974 im Ruhrgebiet geboren. Sie ist ausgebildete Schauspielerin und arbeitete 20 Jahre an deutschen Bühnen, zudem als Putzfrau, Verkäuferin, Grabpflegerin, Schweißerin, Bardame, Luftgitarristin und Ghostwriterin. Seit 2012 ist sie freie Autorin. Sie schreibt vor allem für Kinder und Jugendliche, aber manchmal auch für den Rest der Familie.Sie ist Mitglied im Friedrich-Bödecker-Kreis und im Bundeskongress Kinderbuch. Außerdem ist sie Gründerin der Golden Writers, dem Netzwerk sächsischer Kinder- und Jugendbuchautorinnen. <BR /><BR /><b>Lesung aus „Neue Heimat 1404“ im Waltherhaus:</b><BR />27., 28.,29.1., 8.45-10.15 & 10.340 – 12 Uhr.