Die Kunsthistorikerin und Journalistin Inna Kuester stellt hier literarische Köstlichkeiten vor – diesmal schreibt sie über Stella Gibbons und ihren ersten und bekanntesten Roman „Cold Comfort Farm“.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="638375_image" /></div> <BR /><BR /><b>Stella Gibbons</b> wurde 1902 in London geboren und arbeitete als Journalistin, bevor sie 1932 ihren ersten und bekanntesten Roman <b>„Cold Comfort Farm“</b> schrieb. Obwohl diesem 23 weitere folgten, die zu der Zeit auch recht erfolgreich waren, wird kaum ein anderes ihrer Bücher heute gedruckt und gelesen. Und nur zwei von ihnen wurden bis jetzt ins Deutsche übersetzt. Bevor ihr Neffe <b>Reggie Oliver</b> 1998 eine Biografie über seine Tante veröffentlichte, wurde über Gibbons beinahe nichts geschrieben. Meines Wissens bleibt diese eine Biografie bisher ihre einzige. <BR /><BR /><BR /><b>„Cold Comfort Farm“</b><BR /><BR /><BR />In dem Vorwort zum Roman schreibt die Autorin: „Nachdem ich zehn Jahre als Journalistin verbracht und dabei gelernt habe, genau das zu sagen, was ich meine, und das in kurzen Sätzen, wenn ich Literatur schaffen und günstige Kritiken erzielen will, muss ich lernen so zu schreiben, als ob ich nicht ganz sicher wäre, was ich meine, würde aber trotzdem etwas sagen, in so langen Sätzen wie nur möglich.“ <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="638378_image" /></div> <BR /><BR />Was folgt ist eine geistreiche, extrem raffinierte Parodie auf damals so populäres „loam and lovechild“ („Lehm und Kind der Liebe“) Genre. Auf dem Lande spielende Werke von <b>D. H. Lawrence und Mary Webb,</b> aber auch von älteren Klassikern wie <b>Thomas Hardy</b> und G<b>eschwister Bronte</b>, inspirierten diese brillante Karikatur, die durch das Zusammenspiel mit ihnen und literarischer Kultur der Zwischenkriegszeit ihre volle Bedeutung entfaltet.<BR />Doch auch den damit nicht vertrauten Lesern wird „Cold Comfort Farm“ ein höchstes Lesevergnügen bereiten. Nicht umsonst nannte „Sunday Times“ den Roman „wahrscheinlich das witzigste Buch, das je geschrieben wurde“. <BR /><BR /><BR /><b>Worum geht es?</b><BR /><BR /><BR />Die 19-jährige Flora Poste verliert ihre beiden Eltern an die Spanische Grippe und bleibt beinahe mittellos, „durch ihre sorgfältige Erziehung wurde sie zwar in allen Künsten unterrichtet, jedoch nicht in der, ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen“ („she was discovered to possess every art and grace save that of earning her own living“). Irgendwann will sie Schriftstellerin werden und einen „so guten Roman wie Jane Austens „Persuasion“ schreiben“, aber bis dahin würde sie „Material sammeln“ und „von ihren Verwandten leben“. Am viel versprechendsten erscheint ihr die Einladung von den Starkadders, so landet die smarte und lebhafte Londonerin bei ihren entfernten Verwandten im tiefsten Sussex, die angeblich ihrem Vater irgendwann ein Unrecht angetan hatten und sich nun verpflichtet fühlen, sie aufzunehmen. Deren düsteres heruntergekommenes Gut, passend Cold Comfort Farm genannt, „hockt in einer Senkung der Sussex Downs wie ein zum Sprung bereites Tier“. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="638381_image" /></div> <BR /><BR />Da ist die trübsinnige Cousine Judith, deren Farmer-Mann Amos, der in seiner Freizeit den Weltuntergang predigt, ihre erwachsenen Söhne Reuben und Seth (Flora erwartet sogar, dass sie so heißen, weil „highly sexed young men living on farms are always called Seth or Reuben“), die naturverbundene und in den adligen Nachbaren verliebte 17-jährige Elfine, zahlreiche andere Angehörige, die nicht anders heißen könnten als Caraway, Harkaway, Urk, Ezra oder Micah, sowie einige Knechte. Selbst Kühe haben vielsagende Namen wie Graceless („Reizlos“), Aimless („Ziellos“), Feckless („Nutzlos“), and Pointless („Zwecklos“), der Stier heißt Big Buisness. <BR /><BR /><BR />Über sie alle herrscht die alte halbverrückte Matriarchin Tante Ada Doom (doom ist Englisch für Verhängnis, Verderben oder Untergang), der die Farm gehört. Tante Ada kontrolliert die ganze Sippe mit ihren melodramatischen Ausbrüchen: „There always were Starkadders at Cold Comfort!“ („Es gab immer Starkadders an Cold Comfort!“). Ihr mysteriöser ständig wiederholter Ruf: „I saw something nasty in the woodshed!“ („Ich habe etwas Schreckliches im Holzschuppen gesehen!“) ist in die Literaturgeschichte eingegangen. Denn in der besten Tradition der parodierten Melodramen haben alle Bewohner der Cold Comfort ein oder ein anderes tief sitzendes emotionales Problem, das ihnen das Leben zur Hölle macht. Flora ist entzückt. Mit ihrem Ratgeber „Der gesunde Menschenverstand“ („The Higher Common Sense“) bewaffnet, macht sie sich daran, das Leben der Starkadders „aufzuräumen“ und sie von ihrem „doom“ zu erlösen…<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="638384_image" /></div> <BR /><BR />Auch wenn etwas von der Komik und Heiterkeit des Romans bei der Übersetzung verloren gehen sollte – ich habe das englische Original gelesen und kann darüber nicht urteilen – Stella Gibbons Witz und Sprachgewalt sind glorios. Es ist mir wirklich ein Wunder, wie „Cold Comfort Farm“ nicht weltweit zu solchen ultimativen Klassikern des englischen Humors gezählt wird wie zum Beispiel „Drei Männer im Boot“ von Jerome K. Jerome.<BR /><BR /><BR />Ein Kritiker hat damals die Annahme geäußert, dass „Cold Comfort“ nicht von einer Frau geschrieben sein könnte, und der wirkliche Autor der berühmte <b>Evelyn Waugh</b> sei. Stammte es tatsächlich aus seiner (oder einer anderen männlichen) Feder, würde es auch so schnell vergessen?<BR /><BR /><BR /><b>Lesen / sehen</b><BR /><BR /><BR /><b>Stella Gibbons</b>, Cold Comfort Farm<BR />Penguin Modern Classics 2020<BR /><BR /><BR /><b>Deutsche Übersetzung:</b><BR />Stella Gibbons: Cold Comfort Farm<BR />Deutsch von Veronika Dünninger<BR />Ullstein, Berlin 1998<BR /><BR /><BR /><b>Verfilmungen:</b><BR /><BR /><BR />„Cold Comfort Farm“ dreiteilige TV-Serie, GB 1968<BR />„Cold Comfort Farm“ TV-Film, Regie: John Schlesinger, GB 1995<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="638387_image" /></div> <BR /><b>Wer ist Inna Kuester?</b><BR /><BR /><BR />Inna Kuester ist Kunsthistorikerin (Schwerpunkte Deutscher Expressionismus und Russische Avantgarde) und Journalistin.<BR />Hat seit Mitte der 90er Jahre in einem Kunstmuseum sowie Kunstgalerien quer durch Europa gearbeitet und als Journalistin beim WDR Fernsehen und Radio. Lebenslange Leserin, die sich mit vier Jahren das Lesen selbst beigebracht hat, zuerst auf Russisch, dann auf Deutsch, und später in drei anderen europäischen Sprachen.<BR /><BR />Studium:<BR />Studium der Kunstgeschichte (und Geschichte) an der Staatlichen Universität Sankt Petersburg und der Medienwissenschaft/-praxis an der Eberhard Karls Universität Tübingen.<BR /><BR />Zuletzt war Inna Kuester als unabhängige art advisor tätitg. Sie lebt heute zwischen Mailand und Meran<BR />