Martha Gellhorn ist die Frau, der Ernest Hemingway die erste Ausgabe seines Meisterwerks „Wem die Stunde schlägt“ widmete. Sie war Kriegsjournalistin, Schriftstellerin und 5 Jahre lang Hemingsways Ehefrau: Gellhorn berichtete aus den umkämpftesten Fronten des 20. Jahrhunderts. Sie arbeitete als Kriegsreporterin im Spanischen Bürgerkrieg und schrieb 1938 über den Fall der Tschechoslowakei. 1941 bereiste sie China. Während des Zweiten Weltkriegs dokumentierte sie das Schicksal von Kriegswaisen in Italien und die Befreiung des Konzentrationslagers Dachau. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="696437_image" /></div> <BR /><BR />Am 6. Juni 1944 schmuggelte sich Gellhorn an Bord eines Lazarettschiffs, das zur Landungsflotte der Alliierten gehörte, und erlebte so den D-Day mit. Später berichtete sie über die antikommunistische „Geisterjagd“ Joseph McCarthys in den USA und den Staat Israel, über den Vietnamkrieg, den Tod von Francisco Franco 1976 und den Bürgerkrieg in El Salvador 1984. Über das abenteuerliche Leben der Kriegsreporterin erzählt nun <Fett>Lilli Gruber</Fett> in ihrem neuen Buch <b>„La guerra dentro“.</b> Die Südtiroler TV-Journalistin war selbst in Vergangenheit Reporterin an vielen Krisenherden der Welt.<BR /><BR /><BR /><b>In Ihrem neuen Buch kehren Sie zu einem Thema zurück, das Ihnen sehr am Herzen liegt: Starke Frauen in Konfliktsituationen. Gibt es einen roten Faden mit dem sie an frühere Büchern anknüpfen?</b><BR /> Lilli Gruber: Ja, dieses Buch bereitet eine ideelle Brücke zu 2 Sujets meiner schriftstellerischen Tätigkeit: Recherchen zur Geschichte und Frauenthematiken. So etwa befassen sich die Bücher <b>„Töchter des Islams“</b>, eine Reportage über die Lage der Frauen in verschiedenen muslimischen Ländern, bis hin zu dem jüngsten Pamphlet <b>„Basta!“,</b> eine Anklage gegen die Macho-Gewalt, mit dem Ungleichgewicht zwischen Frau und Mann. Andere Bücher wie die in Südtirol spielende Trilogie <b>„Das Erbe“,</b><b>„Der Sturm“</b> und <b>„Der Verrat“</b> beleuchten die Geschichte des 20. Jahrhunderts aus einem besonderen Blickwinkel, von der frühen Nachkriegszeit bis zu den 60-er Jahren. Martha Gellhorns Lebenserfahrung ist die einer großartigen Frau und ihrer Kämpfe, aber es ist auch unsere Geschichte.<BR /><BR /><BR /><b>Wie haben Sie von Martha Gellhorn erstmals erfahren? Und hat sie etwa auch Ihre Entscheidung, Journalistin zu werden, beeinflusst?</b><BR /> Gruber: Ich war noch ein Teenager, als ich zum ersten Mal Martha Gellhorns Namen in der englischen Ausgabe von Hemingways Roman „Wem die Stunde schlägt“ las. Das Buch war ihr gewidmet, obwohl diese Widmung in den Ausgaben nach seiner Scheidung von Gellhorn verschwand. Ich fragte mich, wer diese Frau war, dass sie eine Würdigung in einem solchen Meisterwerk verdiente. Ich fand die Antwort erst Jahre später, als ich beschloss, Journalistin zu werden und mich der Geschichte des Journalismus widmete. Ich kann nicht behaupten, dass Gellhorn meine Entscheidung, Journalistin zu werden, beeinflusst hat, aber sie hat mich im Laufe der Jahre sicherlich inspiriert. Vor allem, als ich selbst Kriegsberichterstatterin wurde.<BR /><BR /><BR /><b>Was hat Sie an Gellhorns Arbeitsweise bzw. Charakter besonders fasziniert?</b><BR /> Gruber: Ihre Strenge, ihr Mut und ihre Freiheit. In einem Brief schrieb sie: „Man kann alles tun, wenn man bereit ist, den Preis dafür zu zahlen.“ Es ist eine harte Aussage, aber sie vermittelt viel Kraft, und da finde ich, steckt die Persönlichkeit Martha Gellhorns. Sie schreckt vor nichts zurück, sie lässt sich nichts vorschreiben. Sie zahlt einen sehr hohen Preis für das Leben, das sie gewählt hat. Doch in den vielen Briefen, die sie schrieb – sie führte eine intensive Korrespondenz, auch mit wichtigen Gesprächspartnern wie Eleanor Roosevelt –, findet man weder Klagen, noch Reue, nur Entschlossenheit und Intelligenz.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-51044409_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Ist es in Zeiten des Internets und der sozialen Medien noch möglich, Journalismus auf so abenteuerliche Weise wie Martha Gellhorn zu betreiben?</b><BR /> Gruber: Mein Buch enthält Interviews mit einigen Kollegen und großen Kriegsberichterstattern, wie Angela Rodicio, Jonathan Randall, Alberto Negri und meinem Mann Jacques Charmelot. Sie alle bestätigen, dass sich der Beruf des Journalisten stark verändert hat. Meine Generation ist vielleicht die letzte, die diesen Beruf auf eine Art und Weise ausüben konnte, die ich eher als unbequem und aufregend, als abenteuerlich bezeichnen würde, was im Nachhinein betrachtet ein großes Privileg war. Die Probleme für Journalisten heute sind Zeit und Geld: Beides ist notwendig, um Situationen vor Ort mitzuerleben und zu verstehen. Zu glauben, dass man guten Journalismus ohne Geld machen kann, ist ein schwerer Fehler des Systems.<BR /><BR /><BR /><b>Was würden Sie einer jungen Frau, die Journalistin werden möchte, raten? Mit welchen Schwierigkeiten muss sie heute rechnen?</b><BR /> Gruber: Ich würde sie dazu animieren, weil es ein schöner Beruf ist, weil er Eigenschaften wie Neugier und Kritikfähigkeit schärft, weil er es möglich macht, die eigene Komfortzone zu verlassen und so Neues zu entdecken. Die Schwierigkeit besteht darin, dass sich der Markt, wie in vielen anderen Berufen auch, auf Modelle zuzubewegen scheint, die Geschwindigkeit und eine gewisse Simplizität auf Kosten von Tiefe und Genauigkeit begünstigen. Ich denke, die Herausforderung für junge Menschen besteht darin, zu zeigen, wie falsch diese liegen. In vielen Bereichen hat der Verbraucher die Macht: Wenn dieser sich als anspruchsvoller „Journalismus-Verbraucher“ erweist, wird der Markt die Mittel finden, gute Journalisten auszubilden, und diese haben dann die Chance, Karriere zu machen. <BR /><BR /><BR /><b>In diese Zeit der Pandemie hat sich auch die Arbeitsweise des Journalisten verändert. Was haben Sie beobachtet? Besteht jetzt die Gefahr, dass der Beruf immer mehr zu einem Video- oder Schreibtischjob mit immer weniger realem Kontakt zu Menschen wird?</b><BR /> Gruber: Dieses Risiko besteht, aber nicht wegen der Pandemie: Wie ich bereits sagte, ist es immer eine Frage des Geldes. Martha Gellhorn war noch keine 30 Jahre alt, als sie für Collier's über den Spanischen Krieg berichtete, eine Wochenzeitung, die ihre Reporter gut bezahlte und sich sogar Hemingway als Autor leisten konnte. Meine Freundin Angela Rodicio erzählt in ihrem Interview, dass sie während des Konflikts im ehemaligen Jugoslawien 10 Monate in Sarajevo verbrachte. Heute haben selbst die großen Zeitungen immer weniger Reporter im Außendienst. Der Mangel an Nachrichten aus erster Hand ist ein echtes Problem und ein strukturelles: Wir ziehen Generationen heran, die davon überzeugt sind, dass die Wahrheit auf dem Bildschirm eines Mobiltelefons zu finden ist. Dabei müssten sie in die Welt hinausgehen. <BR /><BR /><BR /><b>Sie haben nach der Sommerpause die Sendung „Otto e mezzo“ wieder aufgenommen. Was ist neu in dieser Saison? Was sind die Herausforderungen eines tagesaktuellen Polit-Talks?</b><BR /> Gruber: Ich versuche, ein seriöses, glaubwürdiges Programm anzubieten, indem ich kompetente Leute zu Wort kommen lasse. Und unter ihnen gibt es viele Frauen, man muss nur nach ihnen suchen. Die Herausforderung dieser Zeit besteht darin, diese komplexe und entscheidende Phase unserer Zeit zu erzählen: Wenn wir den politischen, wirtschaftlichen und gesundheitlichen Aufschwung nicht schaffen, werden wir für die Folgen noch lange bezahlen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-51045200_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Und gibt es da einen Gast, den Sie gerne interviewen würden, den Sie aber noch nicht im Studio hatten?</b><BR /> Gruber: Premier Mario Draghi, und ich glaube, da bin ich nicht die Einzige. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass er unsere Einladung annehmen wird.<BR /><BR /><BR /><b>Sie leben seit langem in Rom, sind aber mit Südtirol verbunden, dem Sie einige Ihrer jüngsten Bücher gewidmet haben. Kehren Sie oft hierher zurück?</b><BR /> Gruber: Nicht so oft, wie ich es gerne hätte, aber ich versuche, wann immer ich kann, meine Mutter Herlinde und meine Schwester Micki zu besuchen. Jedes Mal, wenn ich Urlaub habe, verbringe ich einen guten Teil davon in meiner Heimat und das tut mir gut. Oft, wie in diesem Jahr, sind meine Ferien dem Schreiben von Büchern gewidmet. Meine Schwester findet dann ihr Wohnzimmer voller Bücher, Papiere und Dossiers und einer Schwester vor, die Martha Gellhorn an den Fronten des Zweiten Weltkriegs verfolgt... Ohne Mickis Geduld weiß ich nicht, ob meine Bücher jemals das Licht der Welt erblicken würden.<BR /><BR /><BR /><b>Von Südtirol zu Europa: Fühlen Sie sich in einer Zeit, in der die Europäische Union oft kritisiert wird, stolz darauf, Europäerin zu sein?</b><BR /> Gruber: Stolz und vor allem dankbar. Die EU zu kritisieren, ist manchmal eine Mode oder, schlimmer noch, ein Wahlkampfthema. Wir sollten immer daran denken, dass wir unserer Union 70 Jahre Frieden verdanken. Die Geschichte von Martha Gellhorn, die mit amerikanischen Truppen durch das vom Konflikt darniederliegende Italien reiste und das befreite Dachau betrat, führt uns in den Kern der Kriege, die unseren Kontinent verwüsteten, Millionen von Toten forderten und ganze Städte unwiederbringlich zerstörten. Ich hoffe, dieses Buch kann helfen, uns daran zu erinnern, was die Alternative zu unserem manchmal schwierigen europäischen Zusammenleben ist.<BR /><BR /><BR /><b>Sie haben Ihr neues Buch Ihrem Mann Jacques gewidmet, den Sie als „den besten Journalisten, den ich kenne“ bezeichnet haben. Bringt derselbe Beruf ein Paar enger zusammen?</b><BR /> Gruber: Nun, im Fall von Martha Gellhorn hat es nicht geklappt, denn ihre berufliche Rivalität mit Hemingway war einer der Knackpunkte, der zu ihrer Scheidung führte. Was Jacques und mich betrifft, so hat uns die Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes zusammengeführt, als wir uns 1991 im Irak kennengelernt haben „dank“ eines Krieges. Aber sein Job ist etwas anders als meiner: Heute dreht er internationale Dokumentarfilme über die brennendsten aktuellen Themen. Wir sind Kollegen und Freunde, nicht nur Mann und Frau, aber jeder von uns hat seinen eigenen Raum, und ich glaube, dass dies bei jedem Paar wichtig ist.<BR /><BR /><BR /><b>Sie haben in Ihrer Karriere viel erreicht. Haben Sie einen Traum für die Zukunft oder ein Projekt, das Sie noch verwirklichen wollen?</b><BR /> Gruber. Ich würde gern ein Kochbuch schreiben. Da ich kaum ein Ei kochen kann, wäre das eine echte Leistung! Im Ernst: Ja, ich habe einen Traum in meiner Schublade, und es ist tatsächlich ein Buch, aber Träume sollten nicht verraten werden, bevor sie sich erfüllen.<BR /><BR /><BR /><b>Vita</b><BR /><BR /><BR />Die Journalistin und Autorin Lilli Gruber ist in Verona und Bozen aufgewachsen. Erste journalistische Erfahrungen sammelte sie bei „Telebolzano“ und als freie Mitarbeiterin bei den Tageszeitungen „L'Adige“ und „Alto Adige“. Später arbeitete sie bei RAI Südtirol und schaffte 1983/84 den Sprung ins regionale Tg3 und ins nationale Fernsehen. 1987 war sie erste Primetime-Nachrichtenmoderatorin beim Tg2 und Tg1.1995 moderierte sie Focus TV bei Pro Sieben. Für Tg 1 berichtete sie vom Fall der Berliner Mauer, dem Golfkrieg und dem Irak-Krieg. Von 2004 bis 2008 war sie EU-Parlamentarierin. Seit 2008 moderiert sie „Otto e mezzo“ bei „La 7“. Sie hat auch eine Südtiroler Trilogie über ihre Familie geschrieben.<BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="696440_image" /></div> <b><BR /><BR />Buchtipp:</b><BR />Lilli Gruber, „La Guerra dentro. Martha Gellhorn e il dovere della verità“, Rizzoli, Milano 2021, 354 Seiten<BR />Bestellen: <a href="https://www.athesiabuch.it/" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">www.athesiabuch.it</a><BR /><BR /><BR /><b>Teil II:</b> „Machismus an der Macht ist nicht mehr erträglich“ – Interview zum Buch „Basta!“<BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR />