Eines vorab: Hier geht es nicht um die Einreihung einer komplexen Persönlichkeit in Schwarz-oder-Weiß-Kategorien oder ein Dazwischen zur Zeit des NS-Regimes. Hier geht es um Ausrufezeichen und Kurioses in der Biographie und im Schaffen von Herrn Kästner.<BR /><BR />Erst kürzlich wurde Kästner wieder öffentlich wahrgenommen: Im Münchner Stadtteil Schwabing, weil sein Name, vor einer Woche auf einer Liste zu prüfender Straßennamen auftauchte. In den Kinos durch die von der Kritik gern gesehene Verfilmung von „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“ als „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ von Dominik Graf mit Torsten Schilling in der Hauptrolle. Und, auch nicht zu vergessen, „Die Schildbürger“-Revue auf Schloss Tirol, welche sich an Kästners Fassung des Stoffes orientiert.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="670724_image" /></div> <BR />Eine solche Häufung mag Zufall sein, doch zeigt sie auch, dass wir als Leser lange noch nicht alles aus Kästners Werk gezogen haben, was darin zu finden sein mag. Kästner landete übrigens auf der Prüfungsliste des Münchner Stadtarchivs, da er in den Kriegsjahren nicht emigriert war. Kästners Bücher wurden zwar am 10. Mai 1933 in seinem heimlichen Beisein verbrannt, er verließ allerdings trotz strengem Berufsverbot nicht das Land. Mittlerweile ist die Umbenennung wieder vom Tisch und dennoch zeigt das Wie diese Debatte online geführt wurde, dass die Persona Kästner ein Streitpunkt bleibt.<BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="670727_image" /></div> <BR /><b>Lyrische Werke</b><BR /><BR />Der – Selbstbezeichnung – „gekränkte Idylliker“ Kästner hatte übrigens, wenn es nach Marcel Reich-Ranicki geht, eine „wirklich große Zeit“, die nur 5 Jahre dauerte: Von 1927 bis 1932, von seiner Ankunft in Berlin bis kurz vor dem Ende der Weimarer Republik. In diese Zeit fallen Kästners lyrische Werke, sein Debüt <b>„Herz auf Taille“</b> und 3 weitere Lyrikbände, dank welcher er zu den wichtigsten Stimmen der Neuen Sachlichkeit gezählt werden kann. Ein Umstand, durch den die Lyrik seinen Lebensweg prägte, mag auch dem einen oder anderen entgangen sein: Vorwand oder Grund seiner Kündigung als Theaterrezensent bei der Neuen Leipziger Zeitung war ein erotisch-humorvolles Gedicht, das aus heutiger Sicht handzahme <b>„Abendlied des Kammervirtuosen“</b>, das 1927 erschien und mit dem Umzug von Leipzig nach Berlin zusammen fiel. Auch Eros ist Kästner, was sich nicht sagen ließe, wenn es bei einem erotischen Gedicht geblieben wäre.<BR /><BR />Ebenso überlagern sich neben Gebrauchslyrik auch Kinder und Erwachsenen-Romane in jener für Emil Erich Kästner so ereignisreichen Zeit: <b>„Emil und die Detektive“</b> (1929), <b>„Pünktchen und Anton“</b> (1931) und <b>„Das fliegende Klassenzimmer“</b> (1933) sind noch heute Klassiker der Kinderliteratur und werden oft unterschätzt, was ihren wegweisenden Charakter betrifft, da gerade Emil weder fern in Zeit, noch im Raum, sondern im hier und jetzt seiner jungen Leser spielte. Und ebenso wie sich aus „Emil und die Detektive“ Autobiographisches herauslesen lässt – man denke auch an den Beruf der Mutter – hat der 1931 erschienene <b>„Fabian“</b> stark autobiographische Züge.<BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="670730_image" /></div> <BR />Was man auch nicht in der Schule lernt, ist der Umstand, dass Erich Kästner im Grunde kein politischer Autor sein wollte, sich selbst, wie er sagte „nicht einreihen wollte“. Wir neigen dazu, im Rückblick einen bestimmten Fokus zu haben: Tatsächlich gibt es von Kästner – von seinen größtenteils verloren gegangenen Theaterkritiken aus der Studienzeit abgesehen – ebenso viel Politisches, wie Unpolitisches.<BR /><BR />Was Kästner auch heute noch spannend macht sind die vielen scheinbaren Widersprüche in Erich Kästners Werk, die daher rühren, dass sich in seiner Literatur tief in den Autor blicken lässt, der eine widersprüchliche Biographie hatte. Die Wäscheleine und Korrespondenz mit der Mutter und sein Interesse an Abgründen des Menschseins; sein Gespür für die Gefahr des Nationalsozialismus vorab und seine scheinbar passiv beobachtende Haltung während des Krieges; die Aufteilung seines Werkes in Kindliches und Erwachsenes, sowie in Broterwerb und Kunst. Was Kästner heute noch wertvoll macht, ist dass er uns zwingt, nicht in Kategorien zu denken, sondern jedes Werk und einzelne Aspekte darin eigenständig zu bewerten, da es immer wieder Dinge gibt, an denen man aus heutiger Sicht Anstoß nimmt. Kästner bringt uns noch heute – alt wie jung – dazu, für uns selbst zu denken.<BR /><BR /><b>Und wussten Sie, dass...</b><BR /><BR />„...Tennis ist nicht nur ein Sport, sondern auch eine Kunst“ ist?. Das schreibt Erich Kästner 1933. Er verweilte vom 15. März bis 2. April in <b>Meran</b>, wo er seinen Tennisurlaub machte. Die Meraner Kurvorstehung hatte schon im Jahr 1884 den ersten Touristentennisplatz der gesamten Donaumonarchie errichtet und somit die Passerstadt zur führenden Tennisstadt gemacht.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="670733_image" /></div> <BR />„Erich Kästner selbst war ein passionierter Tennisspieler“, schreibt<Fett> Angelika Pedron</Fett> in einem Beitrag der Februarausgabe 2020 der Monatszeitschrift für Südtiroler Landeskunde „Der Schlern“ mit dem Titel „Die Prager Studentin ist seit gestern da. Erich Kästner 1933 in Meran“. Der Aufenthalt in Südtirol des deutschen Schriftstellers fällt in die Zeit des Berliner Reichstagsbrandes (27.2.1933), den viele Intellektuelle als Warnschuss sahen und ins Ausland flohen, und der Nacht, in der am Berliner Opernplatz die Bücher verbrannt wurden (10.5.1933) – auch Kästners Werke außer seinem Kinderbuch „Emil und die Detektive“. <BR /><BR />Kästner selbst ist in den 12 dunkeln Jahren nicht aus Deutschland geflohen, wohl weil er meinte, zu Hause etwas bewirken zu können. Es gelang ihm aber nicht in dieser Zeit dort etwas zu publizieren, er wich über einen Schweizer Verlag aus und dahin fuhr er dann auch nach seinem Meraner Urlaub. Aus Meran sandte er regelmäßig Briefe an seine Mutter und erzählte ihr von einer Prager Studentin. Nach langen Nachforschungen hat Angelika Pedron ihre Identität entdeckt und gibt sie in ihrem Beitrag bekannt: Maria Durta.<BR /><BR /><b>Buchtipp:</b> „Der Schlern“, Monatszeitschrift für Südtiroler Landeskunde, ist erhältlich im Abonnement – auch in digitaler Form – sowie in allen<BR />Athesia-Filialen. (Ausgabe 2/2020)<BR /><BR /><b>Abendlied des Kammervirtuosen</b><BR />Erich Kästner<BR /><BR />Du meine neunte letzte Sinfonie!<BR />Wenn du das Hemd anhast mit rosa Streifen...<BR />Komm wie ein Cello zwischen meine Knie,<BR />Und lass mich zart in deine Seiten greifen.<BR /><BR />Laß mich in deinen Partituren blättern.<BR />(Sie sind voll Händel, Graun und Tremolo) -<BR />Ich möchte dich in alle Winde schmettern,<BR />Du meiner Sehnsucht dreigestrichnes Oh!<BR /><BR />Komm lass uns durch Oktavengänge schreiten!<BR />(Das Furioso, bitte, noch einmal!)<BR />Darf ich dich mit der linken Hand begleiten?<BR />Doch beim Crescendo etwas mehr Pedal!!<BR /><BR />Oh deine Klangfigur! Oh die Akkorde!<BR />Und der Synkopen rhythmischer Kontrast!<BR />Nun senkst du deine Lider ohne Worte...<BR />Sag einen Ton, falls du noch Töne hast!<BR />