Das gesprochene Wort lässt sich im Schreiben nicht gänzlich festhalten. <b>Peter Oberdörfer</b> war den einen als 14 Jahre lang dienender Präsident der Südtiroler Autorenvereinigung SAAV bekannt, anderen als Prosa- und Theaterschriftsteller, wiederum anderen als Lyriker und Poetry Slammer bekannt. Als Letzteren lernte ich ihn kennen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="702869_image" /></div> <BR /><BR />Oberdörfer war dabei scheinbar nur bedingt daran interessiert in erster Linie publikumswirksam zu sein: Seine Vision eines Texten kam an erster Stelle. Diese Integrität, gepaart mit einem Willen zum Experimentieren machte Oberdörfers Auftritt besonders spannend. Mal lyrisch, mal nüchtern prosaisch bis lakonisch nahm er immer seine ganz eigene Marke Pathos mit zum Mikrophon, der sich nicht wirklich auf Papier drucken lässt.<BR /><BR /><BR />Dennoch fand ich im Lesebuch <b>„Temperaturen der Wahrheit“</b>, welches posthum das Schreiben des gebürtigen Schlanderer und späteren Wahl-Meraner viel mehr als das gefürchtete Fehlen einer Eigenart der Stimme. Glaube ich auch nicht daran irgendjemandem den Titel Universalgenie aufzuerlegen, weil die Wirklichkeit ihm immer hinterher hinkt, so kann man bei Peter Oberdörfer ohne weiteres von einem Universalinteressiertem sprechen: Im oberflächlich Banalem erkennt er dabei das poetische, wem er den Alltag oder die Sprache selbst befragt. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="702872_image" /></div> <BR />Auf der anderen Seite gelingt es ihm selbst das Abgrundtiefste greifbar und menschlich begreifbar zu machen: Dem <b>Marquis de Sade</b> widmet er ein Bühnenstück, das gleichzeitig eines gegen ihn und für ihn ist: Er zeichnet den Autor, den viele (hier spreche ich auch von mir selber) aus der Hand legen, bevor sie eines seiner Werke zu Ende gelesen haben durch seine zwei wichtigsten Figuren, Justine und Juliette, sowie seine Frau und seine Geliebte im Alter. Oberdörfer blickt auf Frauen die auf die Figur de Sades blicken und gleichzeitig auch von seinem Jetzt zurück auf die Aufklärung. Dabei tun sich Spannungsfelder auf, die überraschenderweise nicht dort am größten sind, wo man es vermutet, sondern einem wirklich zum Nachdenken bringen. Die auch für den Band titelgebende <b>„Temperatur der Wahrheit“</b> ist variabel, eine oder mehrere. Peter Oberdörfer geht es nicht um Wahrheitsfindung, sondern um Perspektive.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="702875_image" /></div> <BR /><BR />Oberdörfers Lyrik ist gleichermaßen der Mündlichkeit und dem Schriftbild verpflichtet: Unerhörtes, im Mündlichen nicht wiederzugebendes und Worte, die ausgesprochen werden wollen, wechseln sich ab. Auf den kleinsten Baustein hinab bricht der Suchende Oberdörfer Bilder, Sätze, Worte bis zum Atom Buchstaben, einer Erfahrung, einem Gefühl, einem Moment. Worauf er dabei stößt, ist abermals eine Perspektive, die eigene. Sinnliches wird vom Leser selbst hinterfragt, steht sinnbildlich da, bietet sich mal deutungsoffen, mal als präzise Metapher mit deutlicher Intention an. <BR /><BR /><b>„Mehrere Versionen als Beispiel“</b> etwa, eine dreigliedrige Lyrik präsentiert, was auf den ersten Blick ein Bild in drei Variationen zu sein scheint, rückt allerdings Beobachter und Beobachteten in wechselnden Fokus. Etwas vom Gesehenen fällt zurück und gleichzeitig wird uns deutlich gemacht, wie unzuverlässig die Schilderung von Oberflächen ist. Man kratzt an einer Sprache, die in die Sache dringt. Die Gliederung der Lyrik ist dabei eine notwendige: Zwischen Songtexten und Sprachspielen, die bis in den Dadaismus reichen, liegt einfach zu viel Raum, als dass man sie hätte Seite an Seite stellen können.<BR /><BR /><b>Prosa</b><BR /><BR /><BR />Dagegen fühlt sich Oberdörfers Prosa zum Teil recht spröde an, auf die Art, wie ungebeiztes Holz wieder in Mode kommt. Ecken und Kanten stechen hervor, wo der Autor um sie herum gearbeitet hat. Da ist etwas, das hängen bleibt, wie ein Schiefer, den man sich in die Haut zieht. Die Absicht ist dabei nicht immer, eine Geschichte zu erzählen, da die Dimensionen einzelner Prosastücke eher denen von Gedichten entsprechen. Diese Texte im Lesebuch sind fragmentarisch, ob sie nun abgeschlossen sind oder nicht, denn sie geben einem beim Lesen das Gefühl, aus einem größeren Ganzen geschnitten zu sein, sich fort zu setzen in beide Richtungen des Erzählens. Vielleicht ist das so, weil die Figuren in diesen Geschichten zu einem großen Teil rastlose sind.<BR /><BR /><BR />Man ahnt, die eigentliche Arbeit an den Texten ist eine unsichtbare: Als Leser – oder allgemeiner, Publikum – kennt man nur die Endfassung, aber hier ist spürbar, dass dieser andere Schichten voraus gingen. Strukturen wie die einer Collage sind sicher nichts Neues für jemanden, der Oberdörfers Texte kennt, immerhin rollt auch sein Debütroman <b>„Gischt“</b> die Handlung vom Ende her aus, doch Oberdörfer ist nichts, wenn nicht an der Vielfalt interessiert. Veröffentlichungen aus dem Nachlauf haben dabei oft den Beigeschmack von Unvollendetem, Provisorischem, das zum Endzustand wurde: Eine Figur erhält einen Namen, während eine andere ihre Rolle als Platzhalter trägt. Der Struktur, dem was hier von Interesse ist, die Form welche den Autor interessierte, kann das egal sein.<BR /><BR /><BR />Wie aber erzeugt ein solches Lesebuch Spannung? Durch das Ausschalten von Erwartungshaltungen. Man rechnet nicht mit einem Ding und findet dann ein anderes, man ist überrascht von allem: Man ist überrascht wenn man einen Ort, einen Bezug zu Südtirol auf den Seiten findet und gleich überrascht, wenn dieser herausgeschrieben wurde. Hier hat ein Autor geschrieben, der an allem Interesse hatte. Nur nicht daran, sich selbst zu wiederholen.<BR /><BR /><b>Vita</b><BR /><BR />Peter Oberdörfer ist 1961 in Schlanders geboren und ist 2017 gestorben. Er lebte in Meran. Ausbildung zum Schauspieler. 1986 - 1989 Straßentheater in Italien, Wien und Spanien. Arbeit als Schauspieler, Regisseur und Autor am Theater in der Klemme in Meran (1990 – 1995). Danach zunehmende Abwendung vom Theater, Hinwendung zur Prosa. Publikation von Erzählungen und Essays in Zeitschriften und Anthologien. In letzter Zeit wieder Hinwendung zum Theater. Von Dezember 2001 bis Dezember 2015 Vorsitzender der Südtiroler Autorenvereinigung SAV – nun SAAV.<BR /><BR /><b><BR />Bücher:</b><BR />Gischt. Roman, Edition Raetia 2005, ISBN 88-7283-246-2<BR />Mauss. Roman, Edition Raetia 2008, ISBN 978-88-7283-304-9<BR /><BR /><BR /><b>Theaterstücke:</b><BR />„Das Wunder - Groteske“ 1991<BR />„Don Röschen“ 1992<BR />„Grimmelot“ 1994 <BR />„Die Temperatur der Wahrheit“ 2005<BR />„Anna Jobstin“ 2007<BR />