Der große norwegische Autor ringt in seinem neuen Roman mit<BR />dem Guten, Bösen und allem dazwischen. <BR /><BR /> Knausgård spricht in seinem neuen Werk nicht selbst, sondern lässt 9 Protagonisten für sich denken und grübeln. Herausgekommen sind viele Fragen, wenige Antworten und ein beeindruckender Roman zum Nachdenken. „Der Morgenstern“ heißt das gute Stück, das der Luchterhand Verlag gerade in den deutschen Handel gebracht hat.<BR /><BR /> Es spielt während einer sommerlichen Hitzewelle rund um das norwegische Bergen, das direkt aus den Träumen deutscher Skandinavien-Urlauber entsprungen zu sein scheint. Ungeachtet der nordischen Naturidylle macht sich jedoch Unbehagen breit: Tiere verhalten sich seltsam, die Ich-Erzählerinnen und -Erzähler plagen sich mit mittel- bis sehr großen Alltagsproblemen herum. Am metaphorischen Horizont braut sich inzwischen etwas zusammen, das alles andere überstrahlt. „Da ist was am Himmel. Hast du es gesehen?“, fragt die Figur Emil. „Ein gigantischer Stern oder so.“<h3> „Was bedeutet es zu glauben?“</h3>Will Knausgård auf die Klimakrise hinaus, so wie jüngst der Film „Don't Look Up“ mit Leonardo DiCaprio, in dem ein Komet sinnbildhaft für ebendiese Krise steht? Oder auf etwas Spirituelles, das sich nicht greifen lässt – schließlich steht der titelgebende Morgenstern in biblischer Hinsicht für Gottes Sohn, für Jesus Christus? Warum lässt sich das Himmelsphänomen trotz allen menschlichen Wissens nicht erklären?<BR /><BR />Genau diese Gedankengänge entlarvt Knausgård mit Bravour. Er beschreibt die Wirklichkeit als eine komplizierte Größe, moniert unsere neuzeitliche Angewohnheit, Dinge nicht zu glauben, die wir nicht erklären können. „Was bedeutet es zu wissen? Was bedeutet es zu glauben?“, lässt er einen weiteren Protagonisten namens Egil fragen. „Was machen wir mit dem, was wir zwar ahnen, aber nicht wissen können? Wir verschließen die Augen davor.“<BR /><BR />Knausgård wäre nicht Knausgård, wenn man in seinen Zeilen nicht ihn selbst, seine eigenen Erfahrungen, Lebensumstände und Gedanken herauslesen würde. Das autobiografische Schreiben hat den 53-Jährigen schließlich weltbekannt gemacht, nicht umsonst wird er als wichtigster norwegischer Autor der Gegenwart bezeichnet.<BR /><BR />Während Knausgård in den autobiografischen Bänden „Sterben“, „Lieben“, „Spielen“, „Leben“, „Träumen“ und zuletzt „Kämpfen“ immer wieder sich selbst und die Welt zu erklären versuchte, geht es im „Morgenstern“ vielmehr um das Vage. Um Halluzinationen, Rätsel, Ungenauigkeiten und die unterschiedliche Wahrnehmung der Realität. Es ist eine Ode an das Unverständliche.<h3> Die großen Fragen der Menschheit</h3>Tote erwachen zum Leben, Lebende sind zumindest halbtot. Knausgård fragt, wo die Grenze zwischen Wirklichkeit und Einbildung verläuft, zwischen Bewusstsein und Traum, zwischen Leben und Tod, Himmel und Hölle. Seine Gedanken kreisen und fliegen, von Adam und Eva über Darwin, Löwenmenschen und die Ilias bis nach Tübingen. Freiheit, Gott und die Moral, all die großen Fragen der Menschheit spielen eine Rolle, während die Probleme der Protagonisten immer schwerwiegender und düsterer werden.<BR /><BR />Endet all das in der Katastrophe? Ansichtssache. Zwischenzeitlich weiß man nicht so recht, ob sich dieses Buch eher in Richtung des Horrors von Stephen King oder der Philosophie von Jostein Gaarder entwickelt. Am Ende ist es ein echter Knausgård: Lang, tiefgründig, detailverliebt. Und zugleich abstrakt. Er überführt den Leser dabei, alles mit Rationalität erklären zu wollen. Genauso geht es den Protagonisten selbst, die lauter Theorien und Vorschläge aufstellen – ohne im Grunde zu wissen, was eigentlich gerade passiert.<BR /><BR /><BR />DAS BUCH<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="758744_image" /></div> <BR /><BR /> Karl Ove Knausgård: „Der Morgenstern“, Luchterhand Literaturverlag, 896 Seiten, 28 Euro. Erhältlich bei www.athesiabuch.it<BR />