Ein Gespräch mit der Autorin...<b>Von Ferruccio Delle Cave</b><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1128747_image" /></div> <BR />Hans erlebt die Zeitläufe, die im 20 Jahrhundert die Geschicke unseres Landes bewegt haben, aus seiner ganz persönlichen Beobachtung der Akteure aus seinem Dorf um ihn herum. Hans erlebt, wie die Faschisten die jahrhundertealte Grundordnung in unserem Lande durcheinanderwirbeln, wie sich die Nazis in den späten 1930er Jahren ausbreiten, wie die Nachkriegszeit einbricht und durch die Bahn neuer Wohlstand ins Dorf kommt. Hans, der Dekorationsmaler, erlebt aber auch, wie sich das Dorf nach und nach verändert und weltoffener wird, bis zu seinem Tod kurz vor dem Ausbruch der Corona-Epidemie.<BR /><BR />Selma Mahlknecht bewältigt so über 100 Jahre Naturnser und auch europäischer Geschichte, und dies in zahlreichen Einzelschicksalen, die alle im historischen Rahmen funktional ihre durchaus divergenten Rollen spielen. Dies ist eine Stärke dieses Romans: Wo andere an der Dichte der Geschichten scheitern, schafft es die Autorin die Fäden zusammenzuhalten, in einem imposanten Roman, den man als historischen Roman, wie aber auch als eine Folge spannender Einzelschicksale lesen kann, getreu dem vorangestellten Motto: Die Geschichten sind erfunden, die Geschichte ist wahr. <BR /><BR /><BR /><b>Gleichsam als Motto zu Ihrem neuen Roman lesen wir den Satz „Die Geschichten sind erfunden, die Geschichte ist wahr“. Der Plot Ihres kunstvoll strukturierten Buches fußt auf zahlreichen Figuren und Geschichten, die frei erfunden sind, aber vor dem historischen Hintergrund des Ganzen wie reale Figuren wirken. War das beabsichtigt und um welche „Geschichte“ geht es, die sie als „wahr“ bezeichnen? Ist es die historische Wahrheit oder die Lebenswahrheit Ihrer Romanfiguren?</b><BR />Selma Mahlknecht: Beides. Es gibt eine Wahrheit der Kunst, die über das Dokumentarische und Fotorealistische hinausgeht. Meine Inspiration kam in diesem Fall von den Prokulusfresken, die auf den ersten Blick stilisiert und schablonenhaft wirken, aber dennoch eine erstaunliche Lebendigkeit entfalten und uns über die Jahrhunderte hinweg ansprechen und berühren. Diese Kunst, trotz großer Vereinfachung und Beschränkung der Mittel eine hohe Wiedererkennbarkeit und Authentizität zu erzielen, habe ich mit den Werkzeugen der Literatur nachzuempfinden versucht. <BR /><BR /><BR /><b>Im Prolog platzieren Sie ein Gespräch mit Leo Andergassen, dem Direktor von Schloss Tirol. Es geht um Malerei und ihre Qualität im Zusammenhang mit den mittlerweile international berühmten Fresken im St. Prokulus bei Naturns, wie sie eben erklären. Eine der markantesten Figuren des Freskenzyklus ist der „Schaukler“, der auch dem Roman den Titel verleiht. Welche Rolle spielt der „Schaukler“ im weiteren Verlauf des Romans?</b><BR />Mahlknecht: Der Schaukler ist eine geheimnisvolle Figur, dessen Bedeutung bis heute noch nicht abschließend entschlüsselt ist. Während alle anderen Figuren im Freskenzyklus in Gruppen auftreten, ist er allein, ein Außenseiter. Er hängt in den Seilen, hält sich, ohne sich festzuhalten, befindet sich mitten im Schwung und blickt mit großen neugierigen Augen in die Welt. Zugleich hat er ein kleines Lächeln auf den Lippen, das seinem Gesicht einen Ausdruck heiterer Gelassenheit gibt. Alle diese Eigenschaften hat auch der Protagonist meines Romans, Hans. Sein Leben ist voller Rückschläge, Abstürze, Behinderungen, aber er stellt sich den Herausforderungen mit Pragmatismus und ohne Pathos. Er ist kein strahlender Held, sondern ein Charakter, dessen Stärke in seiner Sanftheit liegt. <BR /><BR /><BR /><b>Die effektive Handlung des Romans spielt in mehreren für Südtirol und Europa entscheidenden historischen Zeiträumen, vom Ende des Ersten Weltkriegs, über den italienischen Faschismus und den Nationalsozialismus, der Option und die Nachkriegszeit, die 1960er Jahre bis zum Corona-Jahr 2022 und endet im Jahr 2023. Es ist ein gerüttelt Maß an Geschichte, in der die vielen Figuren um den Protagonisten Hans ihre eigenen Geschichten erleben. Kann man sagen, dass „Schaukler“ nicht zuletzt auch ein historischer Roman ist oder etwas ganz Anderes?</b><BR />Mahlknecht: Das Buch ist ein historischer Roman, bei dem die individuelle Entwicklung der Protagonisten, aber auch die kollektive der Gesellschaft im Vordergrund stehen. Er versucht den Fragen nachzugehen, woher wir kommen und wie wir wurden, was wir sind. Mir war es wichtig, meine Charaktere in ihrer Versehrtheit zu zeigen und gleichzeitig in ihrer Widerständigkeit. Das Auf und Ab der Geschichte macht sie alle zu Schauklern, manche trägt der Schwung höher hinauf, andere kommen zu Fall. Letztlich ist es ein Buch über Transformation und Resilienz, oder einfacher ausgedrückt: über das Leben, das weitergeht. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1128750_image" /></div> <BR /><BR /><b>Lesungen:</b><BR />7.4., 18 Uhr, Chur, Kantonsbibliothek <BR />22.5., 20 Uhr, Meran, Frauenmuseum <BR />30. 5., 20.15 Uhr, Sent, Grotta da Cultura <BR />11.7., 19.30 Uhr, Mals, St. Veit- Kirche, Tartscher Bühel <BR />22.7., </TD><TD>20.15</TD><TD>Sils, Biblioteca Engiadinaisa<BR /><BR /><BR /><b>Buchtipp:</b><BR />„Schaukler“ von Selma Mahlknecht, Edition Raetia 2024, 448 Seiten