Samstag, 07. Juli 2018

Literarische Ausflüge beim Bachmann-Preis

Mit einem „Tagebuch einer jungen Frau, die am Fall beteiligt war”, eröffnete der junge Deutsche Jakob Nolte am Samstagmorgen den letzten Lesetag im Rahmen der 42. Tage der deutschsprachigen Literatur im ORF-Theater von Klagenfurt. Er sorgte damit für die unterhaltsamste und kontroversiellste Jurydiskussion bisher.

Autoren auf der Wartebank Foto: APA
Autoren auf der Wartebank Foto: APA

Nolte, der es 2017 mit seinem zweiten Roman „Schreckliche Gewalten” auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis schaffte, führte mit seinem Text in die Lagune von Chacahua (Mexiko), wo in einem Camp eine junge Frau als Ich-Erzählerin fungiert und ein stream of consciousness vieles erfasst - die Geschichte der Drogenkriminalität des Landes (”In einem Dorf ein paar Dörfer weiter die Küste entlang, gab es wohl so viel Kokain, dass zur Meisterschaft die Markierungen eines Baseballfelds damit gekalkt wurden” - dafür gab es ein paar Lacher) ebenso wie die Mückenplage (”Ich habe sie gezählt. Es sind 1081 Mückenstiche, aber diese Summe ist irrelevant, denn von Sekunde zu Sekunde werden es mehr.”), den Sternenhimmel und das fluoreszierende Plankton vor Ort.

”Ich bin mit diesem Text nicht warm geworden”, sagte Hildegard E. Keller über „diese Nicht-Erzählung” und führte einige sprachliche Hoppalas vor, wobei Hubert Winkels, der den Autor eingeladen hatte, entgegenhielt: „Er macht es mit Fleiß, wie der Schwabe sagt. Er macht nur Fehler. Er dekonstruiert Erzählformen auf allen Ebenen. (...) Das ist gebaut aus lauter Bausteinen, die fehlerhaft sind. (...) Das ist als Ganzes ein romantisches Großereignis.” In einer vehement geführten Diskussion ortete Keller schließlich eine „Heiligsprechung” für einen Text, den sie für mangelhaft hält. Auch Nora Gomringer zeigte sich kritisch : „Ich empfinde das als unheimlich eitel.” Mehrheitlich fand der Text jedoch Fürsprecher, der vor allem von Insa Wilke mit Verve verteidigt wurde. Stefan Gmünder ortete ein „Tagebuch der Selbstvergewisserung” und eine „reizvolle Spannung zwischen Wirklichkeit und Paranoia”, Kastberger lobte die „nachdenkliche Art”: „Mich hat der Text gefesselt.”

Mit dem originellsten Autorenvideo hatte sich der Deutsche Stephan Groetzner präsentiert. Originell war auch der Romanauszug mit dem Titel „Destination: Austria”, den er vor der Mittagspause las, und der zwischen den Schauplätzen „Gagausien, Haus der Kultur und Landwirtschaft” und „Tiraspol, Hotel Rossija” wechselt. Beides gibt es wirklich, ersteres ist ein autonomes Gebiet in der Republik Moldau, zweiteres die Hauptstadt Transnistriens. Die lakonisch geschilderten Ereignisse sind jedoch hochkomisch und kippen immer mehr in eine böse Satire auf Heimatkult, bei der auch Österreich ordentlich aufs Korn genommen wird, das ganz am Ende des Textes zum Schauplatz einer Kornblumenrevolution wird: „Viktor schaut aus dem Fenster und sieht: Österreich. Und er ahnt, dass seine Mission härter wird, als er sich bisher vorgestellt hat.”

”Ich finde, das ist eine sehr schöne Parodie auf die Situation hier”, eröffnete Insa Wilke die Jurydiskussion. Dem konnte Stefan Wiederstein nur beipflichten, sah jedoch eine ganze Gesellschaft aufs Korn genommen. „Der ganze Text ist eine Präzisierungsmaschinerie”, fand Nora Gomringer und kam sich vor „wie bei Dr. Seltsam”. Hubert Winkels ortete Parallelen zum „Borat”-Film von Sacha Baron Cohen.

Hildegard E. Keller sorgte mit einigen Versuchen, das von Groetzner mehrfach verwendete Wort „Brabantbuntbarsch” richtig auszusprechen, für Lacher und fand den Text großartig - ganz im Gegenteil zum österreichischen Juror Klaus Kastberger: „Dieser Text ist blöd, und was ihn rettet ist, dass er blöd sein will. Ich finde ihn trotzdem nicht besonders lustig.” Er strotze vor Klischees, die man als Österreicher nicht mehr hören könne. Stefan Gmünder, der Groetzner eingeladen, entgegnete Kastberger: „Normalerweise sind Sie nicht jemand, der auf Texte zugeht wie ein Zollbeamter an der EU-Außengrenze.” Er versicherte: „Ich hätte den Text gleich gerne gelesen, wenn es um die Schweiz ginge.”

Nach der Mittagspause lesen zum Abschluss des Wettlesens Özlem Özgül Dündar und Lennardt Loß.

apa

stol