Im Gespräch erzählt die Autorin, was diese Auszeichnung ihr bedeutet und an welchen literarischen Projekten sie gerade arbeitet. Von Ferruccio Delle Cave<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1135350_image" /></div> <BR /><b>Kürzlich wurde Ihnen in Innsbruck das Ehrenzeichen des Landes Tirol übergeben. Sie haben ja eine ganze Reihe prestigeträchtiger Literaturpreise und Auszeichnungen erhalten. Eine Anerkennung in Tirol war Ihnen bis heute versagt geblieben. Fühlen Sie sich durch das Ehrenzeichen des Landes Tirol in Ihrem Engagement um Literatur und Kulturarbeit sowie auch um Ihr Engagement als Schriftstellerin in Fragen sozialer Gerechtigkeit und politischer Aufrichtigkeit bestätigt?</b><BR />Sabine Gruber: Es freut mich, nach Menschen wie Aldo Mazza, dem großartigen Verleger, nach Lilly Gruber, die ich für eine couragierte, kluge Journalistin und Autorin halte, nach den Schriftstellern Zoderer und Gstrein und vielen anderen, die auch einen kritischen Blick auf unser Land geworfen haben, dieses Ehrenzeichen bekommen zu haben. Ich sehe es als Auftrag, weiterhin Widerstand zu leisten gegen nationalistische, rassistische Tendenzen, die unsere Gegenwart prägen. Es braucht mehr Menschen, die ganz im Sinne der Aufklärung konstruktiv und differenziert sprechen und schreiben, die sich auf der Grundlage von geprüften Erkenntnissen äußeren und den lautstarken Behauptungen und Lügen, die immer mehr den öffentlichen Diskurs dominieren, etwas entgegensetzen.<BR /><BR /><BR /><b>Ihr vielschichtiges Werk – Roman-, Erzählprosa und Lyrik sowie Essay – gehört mittlerweile zum Kanon deutschsprachiger Literatur heute. Einige Ihrer Romane wurden auch in andere Sprachen übersetzt, etwa ins Italienische. Damit sind Sie nicht zuletzt für unser Land die wohl erfolgreichste und wichtigste Stimme, wenn es darum geht, für künstlerische Arbeit die angemessene Anerkennung zu erzielen. Ist dies auch ein Ziel Ihrer literarischen Arbeit?</b><BR /> Gruber: Ich denke nicht an Anerkennung, wenn ich schreibe. Wenn sie kommt, ist das selbstverständlich erfreulich. Aber sie beeinflusst mein Schreiben nicht. Der Betrieb funktioniert nach seinen eigenen Regeln, und je älter man wird, desto mehr durchschaut man die Mechanismen. Ich habe mir über die Jahrzehnte eine Leserschaft aufgebaut, die schon auf das nächste Buch wartet. Darauf bin ich stolz, auf das Feedback von Menschen, die sich in den von mir erschaffenen Welten „bewegt“ haben und die ich bewegen konnte.<BR /><BR /><BR /><b>Sie haben uns Leser und Leserinnen in den letzten Jahren Romane geschenkt, in denen es auch um eine künstlerische Verbindung autobiografischer Facetten geht, vor einem historisch-politischen Hintergrund, der uns unsere eigene Lebensgeschichte ganz neu ausloten lehrt. Schreiben Sie wieder an einem nächsten Roman oder werden Sie sich auch wieder dem Gedicht als Passform eines sprachlich ausgefeilten Hortes des Widerstandes gegen Banalität und Oberflächlichkeit widmen?</b><BR />Gruber: Es sind einige neue Gedichte entstanden, auch der erste Teil einer längeren Erzählung, die ich dann zur Seite gelegt habe, um an einem Roman zu arbeiten, der sich noch einmal mit dem Thema der Südtiroler Option 1939 beschäftigt. Ich verfüge über einiges Material aus der eigenen Familiengeschichte. Es ist aber, um einen autofiktionalen Text zu verfassen, zu wenig, weshalb ich auf der Grundlage einiger Fakten und Tagebuchaufzeichnungen das Leben von drei Brüdern nachzeichne, die 1939 unterschiedliche Positionen einnahmen. Diese aberwitzige Idee, ein ganzes Volk abzusiedeln, ist leider wieder hochaktuell. Man muss nur an die Idee Trumps denken, die Palästinenser aus Gaza zu vertreiben.<BR /><BR /><BR /><b>Sie bewegen sich biografisch und literarisch in einem großen literarischen Raum, zwischen Wien und Berlin, zwischen Venedig und Rom. Sie sind auch eine der wenigen, die von Wien aus die Brücke nach dem italienischen Kulturraum schlagen. Werden Sie dies auch in Zukunft in Ihren Werken thematisieren?</b><BR />Gruber: Meine Sozialisation hat mich geprägt: italienischer Kindergarten, deutschsprachige Schule, Unterrichtstätigkeit in Venedig – ich finde das, was der an Corona verstorbene italienische Germanist Luigi Reitani von meiner Literatur gesagt hat, treffend: Sie sei transnational, transkulturell. Das ist natürlich gerade in Italien ein Rezeptionshindernis. Reitani zitiert Ludger Pries, der in dieser Form der Wanderung oder Transmigration eine Daseinsform sieht. Der Lebensraum werde durch pluri-lokale Sozialräume gebildet, die sich über verschiedene Nationalgesellschaften erstrecken. Um es in einfachen Worten zu sagen: Die ethische Trennung, Programm der 1970er und 1980er Jahre, hab ich in meiner Literatur immer zu überwinden getrachtet, indem ich zumindest zwischen zwei Buchdeckeln diese vermeintlich so verschiedenen Welten zusammengebracht habe.<BR /><h3> Biografische Daten zu Sabine Gruber</h3><BR />Die Autorin wurde am 6. August 1963 in Meran geboren. Sie wuchs in Lana auf, besuchte das Humanistische Gymnasium in Meran und studierte anschließend in Innsbruck und Wien Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaften. Nach dem Studium war sie von 1988-1992 Lektorin an der Universität Ca' Foscari in Venedig. Sie lebt seit 1992 vorwiegend in Wien. Sie hat eine beachtliche Zahl an Romanen geschrieben, aber auch gedichtbände verfasst und Kurztexte. Auch unzählige Preise säumen ihre literarische Arbeit: darunter etwa 2000 der Förderungspreis zum Österreichischen Staatspreis für Literatur, 2007 der Förderungspreis zum Walther von der Vogelweide-Preis, 2016 der Österreichischer Kunstpreis für Literatur und viele andere. <BR /><h3> Aktuelles</h3><BR />Jetzt erscheint „Die Dauer der Liebe“ (Roman) als Taschenbuch beim C. H. Beck-Verlag in München. Die gebundene Ausgabe erschien 2023 im Sommer und wurde mehr als 10.000 Mal verkauft. Kurz vor Weihnachten 2023 war bereits die 4. Auflage in Druck. Der Lyrikband mit dem Titel „Am besten lebe ich ausgedacht. Journalgedichte“ ist 2023 in der 2. Auflage beim Haymon-Verlag in Innsbruck erschienen. Außerdem hat C.H. Beck 2023 den Roman „Stillbach oder Die Sehnsucht“ als Taschenbuch neu aufgelegt, im Februar 2024 erschien die Taschenbuchausgabe von „Über Nacht“.