„Mit Oswald Egger zeichnet die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung einen Schriftsteller aus, der seit seiner ersten Veröffentlichung im Jahre 1993 die Grenzen der Literaturproduktion überschreitet und erweitert“, heißt es auf der Website der Deutschen Akademie. „Seine Prosagedichte und Textgewebe widersetzen sich der raschen Lektüre, laden zum assoziierenden Entschlüsseln von Bedeutungen ein und unterminieren spielerisch Erklärungssysteme, die wir zu kennen glauben. Eggers Wortkosmos fußt in der Mehrsprachigkeit und den Landschaften seiner Südtiroler Herkunft.“ <BR /><BR />Seit 1951 vergibt die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung den Preis an Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die in deutscher Sprache schreiben. Die Preisträger müssen „durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervortreten“ und „an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil haben“. Zu den Preisträgern gehören Max Frisch (1958), Günter Grass (1965) und Heinrich Böll (1967) sowie zuletzt Lukas Bärfuss, Elke Erb, der Österreicher Clemens J. Setz und Emine Sevgi Özdamar. Im vergangenen Jahr war Lutz Seiler ausgezeichnet worden, Friederike Mayröcker erhielt den Preis 2001. Namensgeber ist der Dramatiker und Revolutionär Georg Büchner („Woyzeck“). Er wurde 1813 im Großherzogtum Hessen geboren und starb 1837 in Zürich.<BR /><BR /><b>Als Büchner-Preisträger stehen Sie in der Nachfolge von Lutz Seiler oder Friederike Mayröcker, um nur 2 zu nennen. Was bedeutet der Preis für Sie?</b><BR /><BR />Oswald Egger: Die Bedeutung für mich allein ist vielleicht eher selbsterklärend, die Frage wird interessanter, wenn man sich überlegt, was dies für den Preis bedeutet. Und das wird sich zeigen, denke ich (versprochen).<BR /><BR /><b>Sie stammen aus Lana und haben in Lana Ihre ersten literarischen Schritte unternommen und u.a. die Kulturtage Lana organisiert. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?</b><BR /><BR />Egger: Ich habe irgendwann (wie viele andere wohl auch), mit 14 angefangen, Gedichte zu schreiben, ich habe nur nie wieder (wie viele andere) damit aufgehört. Und hatte zusätzlich das Glück, an der Gewerbeoberschule eine wunderbare Deutschlehrerin zu haben, Eva Egger, die mir das Fach Deutsch nahebrachte, und einen Physiklehrer, Klaus Saltuari, der nebenbei, vielleicht fast unwissentlich, mich in das Mysterium der Maxwellschen Identität eingeführt hat. Da ich von dieser Schule aber hochkantig geflogen bin (danach auch noch vom Meraner Realgymnasium), habe ich quasi eine neue Bleibe finden müssen. Seit ich 17 war, habe im Buchladen Lana gearbeitet, und die Lesungen in diesem Buchladen, die Gespräche und die ganze Zeit mit Paul Valtiner und seiner Frau Edelgard haben mich zu guter letzt in die Literatur geführt. Der Rest ist dann ja bekannter.<BR /><BR /><b>„Nichts, das ist“, „Tag und Nacht sind zwei Jahre“ oder „nihilum album“ sind einige Ihrer Gedichtbände. Ihre Lyrik zeichnet sich durch eine verdichtete Sprache aus. Welche sind Ihre literarischen Vorbilder?</b><BR /><BR />Egger: Horaz, Vergil, Lukrez, aber als Dichter (und als Denker) hat man immer mehrere Eltern. Durch meine damalige kuratorische Tätigkeit bei den Kulturtagen Lana bin ich vielen internationalen Autorinnen und Autoren begegnet, Inger Christensen, Oskar Pastior, Jacques Roubaud, H.C.Artmann und wirklich vielen andere mehr. Das ist, wenn man jung ist, sicherlich mitprägend, und wenn man älter wird: wundert man sich nicht.<BR /><BR /><b>Für Ihren Roman „Entweder ich habe die Fahrt am Mississippi nur geträumt, oder ich träume jetzt“ (2021) haben Sie Aquarelle gemalt. Was kann die Malerei was die Literatur nicht kann? Oder: Kann Farbe ein Spiegelbild der Sprache sein?</b><BR /><BR />Egger: Ich vermag das nicht zu trennen, denke ich. Aber weiter darüber nachdenken möchte und müsste ich schon. Das wäre aber ein ganzer Artikel, vielleicht sollte ich ihn mal schreiben, nur: Wer druckt so was ab?<BR /><BR /><b>„Welten von A – Z. Kleines Vademecum zum poetischen Tun“ ist der Titel Ihres Bandes der Münchner Reden zur Poesie. In Kiel sind Sie an der Muthesius Kunsthochschule Professor für Sprache und Gestalt. In welcher Beziehung stehen Form und Inhalt?</b><BR /><BR />Egger: Ich schreibe und gestalte alle meine Bücher (und Welten) selbst, und zwar von A bis Z. Das heißt, diese Beziehung durchlebt mein Leben, mein Tun, meine Ahnungen und Annahmen, all die Jahre.<BR /><BR /><b>Die Raketenstation Hombroich ist derzeit Ihr Zuhause. Hier entstand aus dem ehemaligen NATO-Areal eine Museumsinsel und eine Art Künstlerkolonie. Wie kann man sich das Leben in Hombroich vorstellen? An welchem Werk arbeiten Sie derzeit?</b><BR /><BR />Egger: Das Leben unterscheidet sich nicht von dem in Südtirol, für mich: Es gibt immer was zu tun. Ich schreibe an einem Buch über das „Prinzip der kleinsten Wirkung“. Genaugenommen ist das sogar eine Selberlebensbeschreibung, ja, ich denke, genau so lebe ich hin.<BR /><BR /><b>Literatur und Kunst im allgemeinen haben eine wichtige Aufgabe in einer Gesellschaft. Wo würden Sie diese verorten?</b><BR /><BR />Egger: In eigenloser Radikalität. Mit Drum und Dran – das ganze Um und Auf: Kein Um Zu, und kein Weil. (bea)<BR /><BR /><b>Zur Person</b><BR /><BR />Der Dichter und Autor Oswald Egger (61) erhält den Georg-Büchner-Preis 2024. Die mit 50.000 Euro dotierte Auszeichnung wird am 2. November in Darmstadt verliehen. Egger, der am 7. März 1963 in Tscherms geboren wurde, ist seit 2011 Professor für Sprache und Gestalt in Kiel und lebt in Wien sowie am Gelände der einstigen Raketenstation im deutschen Hombroich. Sein Werk wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Der Autor erhielt bisher u.a. den Clemens-Brentano-Preis (2000), den H.C. Artmann-Preis (2006), den Peter-Huchel-Preis (2007), den Oskar-Pastior-Preis (2010), den Georg-Trakl-Preis für Lyrik (2017) und den Ernst-Jandl-Preis für Lyrik (2019). Egger studierte Literatur und Philosophie in Wien, gab in den 1990er-Jahren die Zeitschrift „Der Prokurist“ sowie die „edition per procura“ heraus und war von 1986 bis 1995 Kurator der „Kulturtage Lana“. 1993 erschien mit „Die Erde der Rede“ die erste größere eigenständige poetische Publikation.<BR />Zu seinem Werk zählen „Nichts, das ist“ (2001), „nihilum album“ (2007) und „Diskrete Stetigkeit“ (2008) über die Wechselwirkungen von Mathematik und Poesie. 2010 veröffentlichte er das von der Kritik als Gesamtkunstwerk hervorgehobene fast 800 Seiten starke Buch „Die ganze Zeit“ mit Prosatexten, Vierzeilern und Zeichnungen über das Phänomen Zeit. Zuletzt erschienen ist der Band „Farbkompartimente“ (2023). Bestellen: www.athesiabuch.it<BR /><BR /><b>Glückwünsche</b><BR /><BR />Wir freuen uns über die Nachricht, die uns heute Morgen erreichte, schreibt Literatur Lana und gratuliert: „Oswald hat in Lana seinen literarischen Weg begonnen. Nach einem Studium der Literatur und Philosophie in Wien gab er bei den Bücherwürmern Lana in den 1990er-Jahren die Zeitschrift „Der Prokurist“ sowie die „edition per procura“ heraus. Von 1986 bis 1995 war er außerdem Kurator der „Kulturtage“ in Lana. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1052877_image" /></div> <BR /><BR />Auch von der SAAV kommen Glückwünsche: „Mit großer Freude hat die SAAV – Südtiroler Autorinnen- und Autorenvereinigung, Lia autores dl Südtirol, Unione autrici e autori del Sudtirolo – die Nachricht der Vergabe des Georg-Büchner-Preises 2024 an Oswald Egger aus Lana vernommen. Den sicherlich bedeutendsten Literaturpreis in Deutschland erhält ein Sprachkünstler und Spracherneuerer. Egger war Mitbegründer der Bücherwürmer Lana, ging aber bald unbeirrt durch’s Gebirg, um dichterisch literarisches Neuland zu erkunden. Gemäß der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung fußt „sein Wortkosmos in der Mehrsprachigkeit und den Landschaften seiner Südtiroler Herkunft“, schreibt Präsidentin Rut Bernardi. <BR /><BR />Auch Landesrat Philipp Achammer gratuliert: „Oswald Egger ist ein vielseitig tätiger Kunstschaffender, der in seinen Werken immer auch seine Heimat Südtirol einfängt. Seine Arbeiten spiegeln die Kultur und die Landschaft unserer Heimat auf einzigartige Weise und regen zum Nachdenken an. Wir freuen uns mit ihm über die verdiente Anerkennung.“