Ein Gespräch mit der Autorin über Verantwortung, ethische Haltung und große Poesie.<BR /><BR /><BR /><b>Sie haben bereits etliche Preise erhalten, was bedeutet Ihnen diese erneute Anerkennung?</b><BR />Sabine Gruber: Ich freu mich einfach.<BR /><BR /><BR /><b>Die Laudatorin Iris Hermann schreibt u.a.: „Ihre Recherchearbeit ist kein bloßes Beiwerk, sondern Teil einer ethischen Haltung: der Verpflichtung, Stimmen, Orte und Ereignisse ernst zu nehmen und das historische Gewicht spüren zu lassen und gegebenenfalls neu zu verhandeln.“ Wie wichtig ist es gerade heute, die Stimme zu erheben und ethische Haltung zu zeigen?</b><BR />Gruber: Ich ziehe mich mehr und mehr auf die Literatur zurück, weil ich merke, dass in den sozialen Medien ungestraft zu viele Lügen verbreitet werden und ernsthafte, faktenorientierte Statements kaum Gewicht haben. Sprachkritische, analytische Bücher haben es im Augenblick schwer, aber das wird sich bestimmt wieder ändern.<BR /><BR /><BR /><b>Oder bleiben die vielen Stimmen der Intellektuellen in der Flut der schnellen Postings ungehört? Bzw. wie schwierig ist es, sich heute Gehör zu verschaffen?</b><BR />Gruber: Differenzierung ist angesagt, auch und vor allem in Bezug auf die aktuellen Kriege. Die braucht aber Platz und den kriegt man immer seltener. Es ist aber auch so, dass die Leserschaft nicht mehr gewillt ist, längere, komplexere Texte zu lesen. Das muss sich ändern, das Leben ist kein Spektakel. Sonst werden die machthungrigen Clowns endgültig die Welt übernehmen und vernichten.<BR /><BR /><BR /><b>Auch unterstreicht Iris Hermann: „Ihre Romane öffnen Räume, in denen das Private und das Politische, das Dokumentarische und das Poetische, das Gesagte und das Verschweigen ineinandergreifen.“ Jeder und jede Einzelne von uns ist immer auch eine politische Person…</b><BR />Gruber: Ingeborg Bachmann sagte, der Faschismus sei das Erste in der Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau. Sie erkannte früh, dass es keine private Sphäre gibt, die frei von einem politischen Kontext denkbar ist. Ein selbstbestimmtes und finanziell unabhängiges Leben ist die einzige Möglichkeit, sich der Zurichtung durch patriarchale, faschistische Strukturen zu entziehen. Für diese demokratische Freiheit kämpfe ich persönlich, sie ist aber auch immer wieder ein literarisches Anliegen.<BR /><BR /><BR /><b>Dieses „Verantwortung tragen“ liest man in Ihren Werken auch durch die unmissverständliche Sprache heraus. Was glauben Sie, sind Sie Ihrer Sprache schuldig?</b><BR />Gruber: In erster Linie versuche ich, präzise zu sein.<BR /><BR /><BR /><b>„…es ist Sabine Grubers Himmelskarte, die kartiert, was auf Erden ansonsten unbemerkt bliebe.“ Ein schönes Bild, erkennen Sie sich darin wieder?</b><BR />Gruber: Der Himmel ist eine schöne Projektionsfläche; im Augenblick beschäftige ich mich mit Wasser, das die schier grenzenlose Fähigkeit hat, Metaphern zu vermitteln.<BR /><BR /><BR /><b>Sie schreiben Prosa, Lyrik, Theaterstücke, Essays, in welchem Genre fühlen Sie sich am meisten zu Hause?</b><BR />Gruber: Ich bin dort „zuhause“, womit ich mich gerade beschäftige. Ich schreibe an einem Roman und an einem Kurzessay. Einen anderen, historischen Roman habe ich vorerst weggelegt, weil es insgesamt zu viele Baustellen waren. Ich werde aber bei der Verleihung einen neuen Prosatext lesen, der in der Zeit des Faschismus in Südtirol spielt.<BR /><BR /><BR /><b>In einem Gespräch haben Sie einmal gesagt: „Ich lese täglich Lyrik. Wie andere morgens ihre Yoga-Übungen machen, ziehe ich einen Band mit Gedichten aus dem Regal.“ Wählen Sie zufällig, oder suchen Sie bewusst nach Autorinnen oder Autoren? Und wer ist Ihnen da besonders nahe?</b><BR />Gruber: Demnächst feiert Klaus Merz seinen 80. Geburtstag. In den letzten Tagen habe ich mich mit seinem Werk beschäftigt, aber auch mit Kim Hyesoon. Die koreanische Dichterin hat den Lyrikband „Autobiographie des Todes“ nach einem Fährunglück, bei dem mehr als 300 Menschen starben, geschrieben. Sie gibt den Toten und Verzweifelten als „Geistersprecherin“ ihre Stimmen zurück. Das ist große Poesie.<BR /><BR /><BR /><b>Preisübergabe:</b><BR />Die Überreichung des Preises findet im Rahmen einer Feierstunde am 31. Oktober um 18 Uhr im Waltherhaus in Bozen statt. Die Laudatio hält Univ.-Prof. Dr. Iris Hermann. <BR /><h3> Zur Person Sabine Gruber</h3><BR />Die Autorin wurde 1963 in Meran geboren und wuchs in Lana auf. Im Jahr 1982, nach der Matura am Humanistischen Gymnasium in Meran, begann sie mit dem Studium der Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft in Innsbruck und Wien. Von 1988 bis 1992 war Sabine Gruber Lektorin an der Universität Ca’ Foscari in Venedig. Seit dem Jahr 2000 lebt sie in Wien als freie Schriftstellerin und schreibt Romane, Lyrik, Essays und Prosa. Auch Hörspiele, Gedichte und Theaterstücke gehören zu ihrem Repertoire. Zahlreiche Preise und Stipendien wurden der Schriftstellerin bereits verliehen, unter anderem der „Anton-Wildgans-Preis“ (2007), der bekannte Literaturpreis „Buch.Preis“ (2008) für ihr Werk „Über Nacht“, der „Preis der Stadt Wien für Literatur“ (2019) und, ganz aktuell, das „Ehrenzeichen des Landes Tirol“ (2025). Auf ihrer Homepage findet sich ihre sehr beeindruckende Publikationsliste. Zuletzt sind ihre Romane „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“ (2016), „Die Dauer der Liebe“ (2023) sowie der Gedichtband „Am besten lebe ich ausgedacht. Journalgedichte“ (2022) erschienen.<BR />www.sabinegruber.at<BR /><h3> Der Walther von der Vogelweidepreis</h3><BR />Die Stiftung „Walther-von-der-Vogelweide-Preis“ vergibt den gleichnamigen Preis zur Anerkennung wissenschaftlicher und künstlerischer Leistungen in Südtirol. Der Preis wurde 1960 vom „Kulturwerk für Südtirol“ in München ins Leben gerufen. Alljährlich wird ein Walther-Preis verliehen, im 3-Jahres-Rhythmus wechseln sich der Hauptpreis (5.000 Euro), der Förderpreis (4.000 Euro) und der Jugendpreis seit 2018 (1.000 Euro) ab. Das Südtiroler Kulturinstitut macht Vorschläge für die Vergabe des Preises und gestaltet den Festakt zur Verleihung.