Im Roman ist die Übersetzerin Renata Spaziani die Protagonistin, daneben ihr plötzlich verstorbener Lebensgefährte Konrad Grasmann, mit dem sie Liebe und Leben geteilt hat. Oft tritt uns ja der Tod ganz unvermittelt entgegen, und wir haben dann unsere Probleme mit dieser Unvermitteltheit und mit dem Umstand, ganz ohne Vorwarnung einen geliebten Menschen zu verlieren. Ein Polizist bringt die Nachricht von Konrads Tod auf einem Parkplatz und bald darauf denkt Renata …, dass hinter dem Nichts wieder nur Nichts wartet. Das ist eine der ersten Reaktionen der Protagonistin auf den Schicksalsschlag, den sie nun zu verarbeiten hat. Und so entspinnt sich eine beeindruckende Erzählung, deren Stränge klar seziert, uns eine ganze Reihe von Gefühlsebenen nahe bringt, mit denen wir uns selbst die Frage nach den letzten Dingen stellen. <BR /><BR />Und die Autorin arbeitet, wie im Film, mit Zeitraffern, in denen die Jahre des Lebens mit Konrad wie plastisch nachgezeichnete Szenerien an uns vorbeiziehen. Das ist der innere Kern des neuen Romans von Sabine Gruber und auch der literarische Anspruch an den Text, der eben viel mehr ist als die Erinnerung an einen geliebten Menschen! Im folgenden Interview erschließt uns die Autorin wichtige Details zu ihrem neuen Roman. <BR /><BR /><b>Ihr neuer Roman mit dem Titel „Die Dauer der Liebe“ erzählt von Tod und Leben, von Vergangenheitsbewältigung und Neuanfang. Die Protagonistin Renata muss ihr Leben nach dem plötzlichen Tod ihres Lebensgefährten Konrad neu ausrichten. Das ist aber nur der Leitfaden in diesem kunstvoll erzählten Plot, in dem auch weitere Personen und Vorgänge ihre ganz eigene Rolle spielen. Wie lange haben Sie an Ihrem neuen Buch gearbeitet und hat sich Ihnen die Figurenkonstellation des Romans sofort von Anbeginn des Schreibens ergeben?</b><BR />Sabine Gruber: Schwer zu sagen, wie lange ich daran gearbeitet habe. Der Roman sollte schon viel früher fertig sein, aber dann starb mein Vater und wenige Wochen später folgte die Pandemie, diese Ereignisse haben mir die Sprache verschlagen. Ich schrieb erst einmal Lyrik und Poetik-Vorlesungen, erst 2021 habe ich das Romanschreiben wieder aufgenommen. Ich konnte auf sehr viele Notizen und auf frühere Figuren zurückgreifen. So spielt Bruno Daldossi neuerlich eine wichtige Rolle, aber auch frühere Protagonistinnen wie Marianne aus dem Roman „Die Zumutung“ kommen wieder vor. Die Frage, die am Anfang stand, war: Lässt sich Trauer ohne sentimentale Entgleisungen, ohne Selbstmitleid darstellen? Wie kann Renata diese Erstarrung, die einsetzt, wenn man einen geliebten Menschen verloren hat, aufbrechen. Was tröstet? Wie sehen die Lebensperspektiven einer Frau, die Mitte 50 ist, aus, wenn sie plötzlich allein weiterleben muss. Renata und Konrad waren nicht verheiratet. Der Roman stellt noch andere Fragen, ob Recht immer gerecht ist, was Eigentum bedeutet. Wie haltbar und auch glaubwürdig Erinnerungen sind. Renatas Arbeit an der Vergangenheit ist der Konrads, der sich mit der italienischen Architektur der 1930er Jahre beschäftigt hatte, nicht unähnlich ... er analysierte Bauten, die einerseits modern, andererseits während des Faschismus entstanden sind, er rekonstruierte und bearbeitete Historisches, Ähnliches macht auch Renata, wenn sie sich erinnert.<BR /><BR /><b>In diesem Gefühl haust das Nichts. Es füllt den Bauchraum aus. Es wandert in den Kopf. Es sind Sätze wie die eben zitierten, durch die der/die Leser*in plötzlich aufhorcht und versucht, das die Protagonistin beschleichende Gefühl zu begreifen und über Tod und Leben nachzudenken. Ist dies auch Ihre Forderung an den/die Leser*in, in sich hineinzuhören und für sich Antworten auf grundlegende Fragen des Lebens zu finden? </b><BR />Gruber: Es ging mir im Roman darum, eine Sprache für diese traumatische Erschütterung, die das unerwartete Ableben eines Partners bedeutet, zu finden. Es gibt zahlreiche autobiografische Bücher, die von Verlusterfahrungen berichten – ich denke an 2 Bücher von Connie Palmen oder an „Das Jahr magischen Denkens“ von Joan Didion, die einen berührenden Text über den Tod ihres Mannes und den Tod ihrer Tochter verfasst hat –, aber ich wollte diese existenzielle Erfahrung in eine Romanform bringen, quasi in die Fiktion überführen. Durch die Fiktion kann ich mich entpersonalisieren. Ich habe die Möglichkeit zu mehr Ambiguität. Das Autobiografische hat in meinen Augen etwas Totalitäres, Selbstbehauptendes, das mir als Schreibende keine Freiräume lässt. Aber genau auf die kommt es mir an, in denen wird das Nachdenken erst möglich.<BR /><BR /><b>Das sprachliche Substrat des Textes changiert von der Erzählung in der dritten Person, zum Dialog und dem Du. Der Roman wirkt allein durch ständige Zeitraffer, die wie im Film mit Hilfe von Einblendungen erlebter Vergangenheit und Gegenwart sprachlich kunstvoll montiert werden. Sind dies, neben zahlreichen anderen Erzählstrategien, grundlegende Erzählstrukturen des Romans? </b><BR />Gruber: Bei Rilke steht irgendwo, ein erschüttertes Leben könne nur in Fragmenten erzählt werden. Trauer und Traumata lassen sich meines Erachtens nicht chronologisch durcherzählen. An einer Stelle im Roman spricht Renata davon, dass die Zeit in Einzelteile zerfallen ist, dass sie im Fluss auseinandertreiben, dass sie, Renata, den Faden verloren hat, nur noch an Fusseln zupft. Ich habe dieses Mal auch die Gegenwartsform gewählt, um den Verlust Konrads noch präsenter erscheinen zu lassen, um auch die Präsenz der Vergangenheit zu verstärken, an die sich Renata anfangs klammert. Erst im zweiten Teil des Romans schwillt der Erzählfluss wieder an. Mit dem Tod Konrads hat Renata kein Gegenüber mehr, buchstäblich nichts außer sich selbst. Bruno, ein Freund, wie man ihn sich nur wünschen kann, holt sie aus dieser Isolation heraus.<BR /><BR /><b>Beim Lesen des Romans wird man den Eindruck authentisch und lebendig erlebter Geschichte nicht los. War dies für „Die Dauer der Liebe“ eine wichtige Anregung und ein Ausgangspunkt des Schreibens? </b><BR />Gruber: Es ist nicht das erste Mal, dass ich einen sehr wichtigen, mir sehr vertrauten Menschen verloren habe, das hat mich tief getroffen, ich konnte lange gar nicht schreiben. Es gibt meistens einen persönlichen Erfahrungshintergrund als Ausgangspunkt für meine Texte, aber dann beginne ich mit den Recherchen, suche nach ähnlichen Geschichten, nach Interviewpartnern und -partnerinnen, die so etwas Ähnliches erlebt haben, nach entsprechender Literatur, stelle eine Distanz her, die mich von meiner Voreingenommenheit wegführt. Umgekehrt versuche ich mir das, was mir völlig fremd ist, durch akribische Erforschung einzuverleiben.<BR /><BR />Sabine Gruber liest am 19. Juli bei den Bücherwürmern in Lana (20 Uhr) <BR /><BR />Buchtipp: Sabine Gruber: Die Dauer der Liebe. Roman. 251 Seiten, CH Beck Verlag <BR /><BR />Bestellen: www.athesiabuch.it<BR /><BR /><BR /><BR /><BR />