Hier Teil V: „Lichtungen“ von Iris Wolff. <b>Von Claudia Theiner</b><BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1083987_image" /></div> <BR />Iris Wolff, stammt aus Siebenbürgen, seit dem achten Lebensjahr lebt sie in Freiburg im Breisgau. „Lichtungen“ ist ihr fünfter Roman, er spielt im Norden Rumäniens. Wolff ist von der realen Grenze geprägt, ständig präsent sind freilich auch die inneren Grenzen, die das Leben der Bewohner bestimmen.<BR /><BR /><BR />Kato und Lev, die Hauptfiguren des Romans, kennen sich seit Kindertagen, sie wachsen gemeinsam im Norden Rumäniens auf. Ein Unfall fesselt den 11-Jährigen ans Bett, die junge Kato indes will den Westen kennen lernen und landet in Zürich. Lev hat sein Land bis dato nicht verlassen, dann erreicht ihn Katos Postkarte mit der sehnsüchtig fordernden Frage „Wann kommst du?“<BR /><BR /><BR />In Zürich wohnt Kato in einem Land-Rover und verdient ihr Geld mit Malen – Malen auf dem Asphalt. Ihre Hingabe stärkt sie. Sie hat Aufträge und sogar ein Konto eröffnet. Zu Gast bei Kato entgeht Lev deren Aufgeräumtheit nicht. Mit Kato werden die Gedanken leichter, auch die Zuversicht wächst, es bahnt sich eine Liebesgeschichte an.<BR />Iris Wolf teilt das Buch in neun Kapitel ein. Der Leser startet mit dem neunten Kapitel, er liest sich zurück ins erste. Rückwärts, zum Anfang hin. „Man sucht Versicherung in dem, was einmal war“, sagt Kato, während sich der Plan verfestigt, „wegzugehen, um herauszufinden, was wichtig war.“ Levs Unfall, seine schwer verletzten Beine gehören, weiß Gott, dazu. Formal geben also die Rückblenden den Ton an, um Ereignisse zu enträtseln.<BR /><BR /><BR />So erleben wir, wie das Buch der Verflechtung von Landschaft und Mensch nachgeht, in Erinnerungen über die Zeiten hin. Erinnern bedeutet Denk- und Gefühlsarbeit. Bei Wolff bedeutet es auch, das Nie-Ausgesprochene zu rekonstruieren. Die Autorin setzt die Wahrnehmungen in Beziehung zueinander, Leser und Leserinnen werden der Ströme gewahr, die sie durchfließen, nicht ganz soll der Strom die Gefühle überschwemmen, eher uns Leser in eine „strömende“ Gestimmtheit versetzen. In der Erinnerung sieht man dem Leben zu, im Erinnern ordnet man Bilder. Literatur und Poesie erschaffen die Szenarien, arbeiten deren Kraft und Lebendigkeit heraus. In „Lichtungen“ erhellen sich die Begebenheiten mithilfe der zahlreichen Schichten, aus denen die Figuren ihr Eigenleben entwickeln. Es sind die beziehungsreichen Schattierungen zwischen Zerrissenheit und Zuversicht, die Autorin drückt dem Geschehen ihren Stempel auf. Der literarisch herausgeputzte Stoff stößt die Lesenden an, auch sich selbst um Erkenntnis zu bemühen. Das bedeutet, sich der Beschaffenheit des Textes zu widmen.<BR /><BR /><BR />Die Orte, an denen das Buch spielt, sind die Gasthäuser der Route vom Banat nach Zürich zum Beispiel, die Lev und Kato abfahren, die Waldkarpaten, Baracken und der Fluss, Plätze und Gassen. Lev ist mit 18 zum Militär gekommen, jetzt tut den beiden die Annäherung gut. Kato bekommt neue Schuhe von Lev, die Autorin schmückt das Ereignis mit Wohlgefallen aus, Verzückung gar, Lev sei der einzige Freund, den sie liebt. Der junge Lev erfährt inzwischen eine rigorose Ausbildung in der Kaserne, aufs Vaterland schwört er jedoch nicht. Eine erheiternde Episode erzählt von seinem Schwur mit dem Besen in der Hand. <BR /><BR /><BR />Tatsächlich wird er zur Arbeit eingeteilt und entgeht der Waffe. In Großvater Ferrys Kopf reift derweil der Plan, in den Westen zu gehen. „Ihr werdet nachkommen“, sagt er zu Lev, kurz und bündig. Das Buch nimmt jedoch auch das Trügerische in den Blick. Als das Radio berichtet, bei Kiew sei ein Atomreaktor explodiert, melden die rumänischen Nachrichten, die Kinder würden in der Schule Jod-Tabletten bekommen. Identität und Lebensentwürfe sind zweifelsohne anstrengende Träume: Wolff lotet, im Besonderen, die Silhouette der Sprache aus. Im Roman „Lichtungen“, der Titel steht für Erinnerungen, blitzen viele Farben auf. Ab und zu auch mal was Triviales: Da hält der Zug, „um den Durst der Lokomotive zu stillen“ oder da ist die Redeweise aus der Gegend, dass nämlich in garstig schweren Baumstämmen nicht selten „der Teufel“ drin sei. Lev wüsste davon ein trauriges Lied zu singen. Das alles überwuchernde Thema aber ist jenes von der Fremdheit in der eigenen Heimat.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1083990_image" /></div> <h3> Zur Person Iris Wolff</h3><BR />Geboren in Hermannstadt, Sieben- bürgen wurde sie mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, darunter mit dem Marieluise-Fleißer-Preis und dem Marie Luise Kaschnitz- Preis für ihr Gesamtwerk. Zuletzt erschien 2020 der Roman „Die Unschärfe der Welt“, der mit dem Evangelischen Buchpreis, dem Eich- endorff-Literaturpreis, dem Preis der LiteraTour Nord und dem Solothur- ner Literaturpreis ausgezeichnet sowie unter die 5 Lieblingsbücher des Deutschen als auch des Deut- schschweizer Buchhandels gewählt wurde.