Freitag, 17. April 2020

Südtiroler dichten für STOL – Teil 2

Vieles von dem, was wir gerne tun, ist derzeit nicht möglich. Aber es gibt kleine Dinge, über die wir uns freuen können. Die Sprachstelle im Südtiroler Kulturinstitut lädt dazu ein, diese aufzuschreiben und STOL veröffentlicht die Texte.

Jetzt heißt es kreativ sein!
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Jetzt heißt es kreativ sein! - Foto: © shutterstock
Schicken Sie Kürzesttexte von maximal 400 Anschlägen inklusive Leerzeichen oder Kürzestgedichte (ca. 5 kurze Zeilen) per E-Mail an Sprachstelle des Südtiroler Kulturinstituts ([email protected]). Die Texte können auch nur aus einem längeren Satz bestehen.
Wichtig: Nennen Sie Ihren Vornamen, Nachnamen und Wohnort. Mitmachen können Erwachsene, Jugendliche oder auch Kinder. Kinder werden gebeten, zusätzlich zu ihrem Namen und Wohnort auch ihr Alter anzugeben. Die schönsten Beiträge erscheinen hier auf STOL.

Worüber ich mich trotzdem freue


Nachmittags in meinem Garten: kein Motorenlärm, kein Baustellenlärm, kein Flugzeug, nur Sonne und blühende Obstbäume – ein Garten Eden, es fehlt nur der Adam.
Christine Gamper, Algund

So unbeweglich
Im Wassereimer schimmert
Blau die Eidechse
Hanna Battisti, Girlan

Wenn ich doch einmal wieder das Fenster zur Welt öffne, anschließend den Kopf hinausrecke, und die paar Schritte bis zur Trafik gehe – ja, dann müssen sich meine Sinne vor lauter Aufregung erst einmal neu justieren: Fühlen, Sehen, Riechen, Schmecken und Hören – ich genieße nun, das vorher Unscheinbare und Übersehene in vollen Zügen wahrzunehmen! Dann lache ich laut und die Stille singt.
Julian Hackhofer, Toblach

ich habe sie mir nicht ausgesucht
aber ich liebe diese zeit dort wo ich lebe
nicht das virus, nicht die krankheits- und todesfälle
die arbeitsverbote und die verzweiflung vieler menschen

aber unbegrenzt bücher lesen dürfen und dazu weinen
eine sendung hören nochmal wieder und wieder
abwechselnd kochen und nicht kritisieren
streiten lernen weil es nicht anders geht
Veronika Hofer, Kastelruth

Eigentlich wirkt sie unscheinbar. Aber sie ist meine Favoritin, Heldin der Unbekümmertheit. Meine Tage werden erst vollständig, wenn ich ihren Gesang höre. In Zedernzweigen und am Hausfirst schmettert sie ihre Triller gekonnt in die Frühlingsluft. Phantasievoll ändert sie ihre Strophen, interpunktiert mit hörbaren Fragezeichen. Unermüdlich setzt sie ihre melodischen Schleifen fort. Die Unerschütterlichkeit der Natur, den Kreis des Lebens fortzusetzen, ihre Melodie weist in die Zukunft, sie lehrt mich hoffen.
Vera Zwerger, Truden

HOFFNUNG

AUF DEN PUNKT GEBRACHT
WAR BIS IN UNSERE ZEIT
FÜR DIE EVOLUTION DES MENSCHEN
DIE TREIBENDE KRAFT
DER WILLE ZUR MACHT

NACH LANGEM SCHLAF
IM WECHSEL DER ZEITEN
ERBLÜHT IN FESTLICHER STILLE
DIE ALTE NEUE SCHÖNE KRAFT
DER GUTE WILLE.
Siegfried Perotti, Südtiroler in Miesbach/Oberbayern

In dieser seltsamen Zeit ist eine wohltuende Stille spürbar.
Und doch, wenn man genau wahrnimmt, bemerkt man wunderbare Dinge:
Wind, der Grashalme bewegt.
Außergewöhnliche Blüten und Blumen wachsen vor unseren Augen.
Sonnenstrahlen wärmen unser Gesicht.
Ein Huhn gackert leise auf dem Spaziergang durch die Wiese.
Helles Kinderlachen berührt unser Herz.
… und wir wissen: Alles wird gut!
Barbara Varesco, Klobenstein

Nie klang Musik so schön
Nie taten gute Worte so wohl
Nie waren sich Menschen so nah

Im gemeinsamen Alleinsein
In der gemeinsamen Hoffnung
Auf ein ganz normales Leben
Das so selbstverständlich war....
Walburg Penn Seis am Schlern

menschenfasten

in stadt und land ist alles dicht,
die fastenzeit verlangt verzicht.
allein das fasten fiel' nicht schwer,
wenn doch corona nur nicht wär'.

es hält uns fest in seinem bann,
und jeder fastet, wo er kann.
man bleibt zu haus, rührt fast nichts an,
auch nicht den mensch' von nebenan.

so leben wir nun die klausur,
die niemand von uns will. denn nur
mit menschenfasten bleib'n wir g'sund.
und nach dem fasten geht's dann rund.
Markus Silbernagl, Seis

Stille

tägliches geplätscher
ausschweifendes gedränge
grüße auf der straße
versinken
im engen kreis
ein stein
tiefes wasser
zugang
der seelen
im raum der stille
erklingt
das echo
aller
Martin Streitberger, Bozen




eva