<b>Sie haben 2015 die Summer School Südtirol gegründet, mit dem Ziel wichtige Fragen der Gegenwart mit der Öffentlichkeit zu teilen und dabei das Wissen von Experten und Expertinnen aus verschiedenen Bereichen zusammenzuführen. Was waren in diesen 10 Jahren die brennendsten Sujets?</b><BR />Maxi Obexer: Sie waren es alle. Als wir die erste Summer School zu „Flucht & Zuflucht“ organisierten, kamen gerade die Nachrichten rein über den auf einem Parkplatz zurückgelassenen Kühllastwagen voller syrischer Flüchtlinge, die darin erstickt waren. Es war der Moment, als der zweijährige Junge Alan Kurdi, der von den Wellen angespült wurde, von einem Polizisten tot geborgen wurde. Bilder, die unsere Herzen öffneten – nach all den Verhärtungen – vorher – und danach leider auch wieder. Während der Pandemie wurde uns geraten, die Summer School nicht zu veranstalten, wir entschieden, es dennoch zu tun. Zum Thema: „Weitermachen. Nur wie?“ – oder, im Jahr darauf, nach den entsetzlich vielen Femiziden während der Pandemie, zu „Toxische Beziehungen. Wie heilen?“ Dass wir immer dranblieben und in diesen beunruhigenden Zeiten Literatur, Debatte, Auseinandersetzung anboten, wurde sehr geschätzt und dankbar angenommen.<BR /><BR /><b>Die Veranstaltung findet in Feldthurns statt, am Land und nicht in der Stadt. Wie wichtig ist und war es, kulturell relevante Veranstaltungen in die Peripherie zu verlegen?</b><BR />Obexer: Mich macht es besonders glücklich, dass es uns gelungen ist, die Menschen im Ländlichen und aus den Dörfern mit den Städtern zusammenzubringen; dass lokale Persönlichkeiten mit internationalen Playern zusammentreffen, dass sie einander ihre Erfahrungen austauschen. Ich finde es auch wichtig, wenn Künstlerinnen und Künstler, Autorinnen und Autoren die Erfahrungen von Bäuerinnen kennenlernen können, oder eben umgekehrt, wenn ihnen das literarische Denken und Schaffen nahbar gemacht wird. Ganz persönlich beeindruckt es mich immer wieder, wie unvoreingenommen hier einander zugehört wird. <BR /><BR /><b>Das heurige 10-jährige Jubiläum widmet sich dem Thema: „Geschlechter werden & wieder loswerden – Quale genere? Generi in cammino“. Dabei kann man im Fleyer zum Programm lesen: „Die messerscharfe Unterscheidung von männlich und weiblich ist für die einen natürlich, für die anderen natürlich konstruiert. Für viele war es – und ist es immer noch, ein schmerzhaftes Korsett.“ Wissenschaftlich wurde sogar erforscht, dass es mehr als 40 Möglichkeiten gibt, wie Gene und Chromosomen dazu führen können, dass wir intersexuell sind oder eine unterschiedliche sexuelle Entwicklung haben, und dies betrifft 1,7 Prozent der Bevölkerung, also einer von 60 Menschen. Zeit, dass wir darauf reagieren?</b><BR />Obexer: Ja, unbedingt! Wir wissen ja, dass wir natürlich auch weiblich und männlich sind. Und dass das sture Beharren auf die binäre Welteinteilung – entweder männlich oder weiblich – gewaltförmige Züge birgt. Wir kennen die Ursprünge häuslicher Gewalt, oder toxischer Männlichkeit, oder frauenverachtender Diffamierungen. Wir kommen also von feministischen Forderungen, wenn wir heute dem binären Konstrukt von männlich und weiblich eine weit größere Körperwelt entgegensetzen. Und damit die Fantasie von befreiten Körpern und Menschen, die mit männlich und weiblich spielerischer umgehen.<BR /><BR /><b>Die Referierenden, Autoren und Autorinnen denken queer, im Sinne dass sie über Abgrenzungen hinaus und durch die Kategorien hindurchschauen sowie die Ränder mit einbeziehen. Konkret bedeutet das?</b><BR />Obexer: Queere wurden gerne, und damit schließe ich alle LGBTQ+-Menschen ein, als die vom „anderen Ufer“ betrachtet. Mal abgesehen von der körperlichen Gewalt, der Verfolgung, der Vernichtung usw., in denen sie sich in harten Kämpfen ihr Daseinsrecht erstritten haben, machten sie Erfahrungen und Erkenntnisse, die für alle wichtig sind. Die Summer School war immer an den Erfahrungen jener interessiert, die über die Ränder schauen, ihr Wissen hat uns schon immer interessiert. Denn es ist ja das Wissen, das sonst fehlt. <BR /><BR /><b>Sie beleuchten politische soziale persönliche und poetologische Dimensionen: Wie können diese neuen Denkansätze im Schreibprozess berücksichtigt werden?</b><BR />Obexer: Der Sprache eingeschrieben ist natürlich auch ein Herrschaftssystem, auch das heteronormative. Das gilt auch für dramatische Strukturen etwa: Die sind oft hierarchisch aufgebaut, lange galt noch das Prinzip der Haupt- und Nebenfigur. Wie können Figuren auch in literarischen Werken inkludierend geschrieben werden? Die Filmemacherin Nicole Sciamma hat dazu einen wichtigen Essay geschrieben. Einen Vorschlag macht Alexander Graeff, der den Oktopus einbringt, das Tier mit den 3 Herzen und einem Gehirn in jedem Tentakel. Es wird gerne als Symbol des queeren Denkens und Handelns verwendet.<BR /><BR /><b>Die große Frage, die Sie stellen, ist: Wohin zielt die Diffamierung von Queerness? Bedeutet nicht schon das bloße Definieren ein Ausgrenzen? Darf es nicht nur ein bloßes Sein geben?</b><BR />Obexer: Bei der Frage, wohin die Diffamierung zielt, geht es einmal um die Frage, warum wird so viel Hass und Zorn auf Gender und Queerness gelenkt, und welche Szenarien werden warum aufgebracht. Alle rechtspopulistischen Parteien beschwören den Untergang des Abendlandes durch die angebliche Auflösung des Familienbildes, oder eben die klassische Rolle von Frau und Mann. Damit können Massen gewonnen werden. Wissenschaftlerinnen wie Elzbieta Korolczuk analysieren seit Jahrzehnten die Mechanismen, die Rhetorik und die Todessymbolik, mit der Rechtspopulisten vor Gender und Queerness Angst machen sollen. Es sind Strategien, die in ihren Ansätzen hinter die feministischen Grundforderungen zurückkehren wollen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1065351_image" /></div> <BR /><BR /><b>Das Geschlecht stellt eine der Hauptachsen der so genannten Intersektionalität dar, das heißt einem Ansatz, der hervorhebt, wie die Überschneidung verschiedener Aspekte der eigenen Identität zusätzlich zu Geschlecht, Alter, Behinderung, ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit und anderen etwa komplexe Matrizen sozialer Ungleichheiten schafft und Systeme der Unterdrückung aufrechterhält. Das ist Thema des Vortrags von Nivedita Prasad (26.8./Bild), Professorin für Handlungsmethoden und genderspezifische soziale Arbeit an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin…</b><BR />Obexer: Ja. Der Schlüsselbegriff der Intersektionalität wurde von schwarzen Aktivistinnen und Rechtsanwältinnen in den 1960er Jahren geprägt. Nivedita Prasad wird ausführlich und sehr plastisch darüber sprechen, und dabei auch sehr griffige und aktuelle Analysen einbringen, beispielsweise den Wahlkampf von Kamala Harris. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1065354_image" /></div> <BR /><b>In diesem Zusammenhang macht auch die Aussage der ladinischen Autorin Ruth Bernardi (29.8./Bild), Vorsitzende der Südtiroler Autorinnen- und Autorenvereinigung – Trägerverein der Summer School – nachdenklich: „Man hat mir gesagt, damit man mich verstehen kann, muss ich meine Texte ins Deutsche übersetzen.“ Ausgrenzung aufgrund der Sprache in Südtirol, ein nie enden wollendes Thema?</b><BR />Obexer: Es ist genau dies der Ansatz der Summer School. Die vielen unterschiedlichen Erfahrungen von Ausgrenzung reinzuholen und ihre Erkenntnisse zu nutzen. Es mag ein Paradox sein, aber um die ladinische Literatur kennenzulernen, muss sie in andere Sprachen übersetzt werden. In andere Sprachen übersetzt bedeutet aber nicht, dass das Ladinische deshalb verschwindet. Ein wunderbares Beispiel von Ko-Existenz, wie ich finde.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1065357_image" /></div> <BR /><b>Und um Ausgrenzung aufgrund der religiösen Zugehörigkeit geht es bei Erica Fischer. Sie ist nicht nur die Autorin des Welt-Bestsellers „Aimée und Jaguar“. Als Tochter einer Jüdin, die vor den Nazis fliehen musste, hat sie die österreichische Frauenbewegung mitgegründet. Sie blickt in ihrem jüngsten Buch „Spät lieben gelernt“ auf ihr Leben zurück....</b><BR />Obexer: Um die Liebe geht es - in all den drei Büchern, die Erica Fischer vorstellen wird. Um „Aimé und Jaguar“. um den Kollektivroman „Wir kommen“, wo 18 Autorinnen über weibliches Begehren schreiben – und von ihrem jüngsten Buch, „Spät lieben gelernt“. <BR /><BR /><b>Und am Ende noch einmal auf Anfang: Sind sie zufrieden mit dem, was Sie in diesen Jahren erreicht haben? Was fehlt noch?</b><BR />Obexer: Das bin ich. Wir haben ein tolles Publikum und das unvoreingenommene Zusammentreffen von Menschen aus den verschiedenen Welten ist eine Besonderheit und ein Geschenk, gerade in Zeiten der fortwährenden Isolationen und Spaltungen.<BR /><BR /><b>Programm:</b> 25.-30.8., ab 18 Uhr, Schloss Velthurns <a href="http://www.summerschoolsuedtirol.eu/" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">summerschoolsuedtirol.eu</a>