Der Tumler-Preis wird alle 2 Jahre (2023 am 21./22.9.) vergeben an einen deutschen Debütroman (Erstroman). Der Preis trägt den Namen Franz Tumlers (1912-1998), bedeutender Romanschriftsteller unseres Landes. <BR />Er wird in Laas ausgetragen, weil Laas aufgrund der Herkunft von Tumlers Familie eine tiefe Beziehung zum Autor aufgebaut hat. 5 Romane waren nominiert worden, Claudia Theiner hat sie gelesen und rezensiert.<BR /><h3> ABC zum Unglücklichsein</h3><BR /><div class="img-embed"><embed id="944140_image" /></div> Der Roman „Alpha, Bravo, Charlie“, beschreibt die Ein-Tages-Tour durch die Stadt, die der seit kurzem pensionierte Flugzeugpilot aus Gewohnheit absolviert. Genau darum, um „nirgendwo und von niemandem erwartet zu werden“. Auf die Fahne schreibt er sich, immer mild zu lächeln und Ungewohntes niemals herauszufordern. Vor 10 Jahren trennte sich Herr Trost von seiner Frau, nun kostet er die freudlose Einsamkeit aus. Bis zum Überdruss. Das gibt dem Roman eine wehmütige Nuance, die der Hauptakteur freilich gern in eine höhnische ummünzt. <BR /><BR />Nun aber hat er einen Plan: Eine einfache Modell-Landschaft will er bauen. Grüne Kunststoffflocken und steingraues Dekomoos hat er gekauft, der Gips für die Modelle, Hügel zum Beispiel, liegt bereit im Schrank. Werkbank ist der Küchentisch – die Landschaft wird lange dort bleiben. Als penibler Mensch, der täglich beschäftigt ist mit Nach-Denken über alles, was ihn fordert und, ja, bereichert, das Abzählen der weißen Streifen auf dem Asphalt für eine sichere Straßenüberquerung, oder jener kunterbunten Streifen am Geschirrtuch… <BR /><BR /><BR />Sachen zählen ist seine Leidenschaft, obwohl Herr Trost seine Finger „schon lange nicht mehr nach gezählt hat“. Sein Hintergedanke, kann man so sagen?, ist es, mit dem trivialen Leben nicht mit spielen zu wollen. Obwohl er neugierig ist auf Menschen und ihre Art. So dass manch jämmerliches Leiden an seiner Wirklichkeit im Kleide einer (juxig) angestrengten Sinnsuche daher kommt. Seit Anfang aber liegt Scheitern in der Luft. Herr Trost mutet sich nicht zu, über die eigene Nasenspitze hinaus zu schauen. Mit den Worten Alpha, Bravo, Charlie beginnt übrigens das Nato Alphabet für den Sprachfunk im Flugverkehr.<BR /><BR /><BR />Tine Melzer lässt vor unseren Augen einen spannungsreichen Charakter entstehen – einen Kauz, einen Vieldenker, einen Nörgler auch. Der ein träges Leben führt. Wie kann er selbst offen oder gar nützlich sein für die Gesellschaft, für die Gemeinschaft seiner Umgebung? Einen bitteren Absturz wünschen wir ihm natürlich nicht, dafür eine gute Portion Mumm, Leichtigkeit und überhaupt – Aufbruchstimmung. „Demut“, heißt es da, würde Herr Trost gerne haben. Wie wär's mit einem praktischen Plan? Mildert Demut die Angst, den Problemchen zuvor zu kommen? Das Buch endet mit einem Brief an den Sehr geehrten Herrn Trost. 5 Buch-Seiten lang, kursiv gedruckt. Ein langer Nachsatz. Eine zweite Perspektive, die die erste bestätigt. Unser Herr Trost sieht sich im Spiegel. Da drin ist er! Der Briefschreiber hat unseren Mann den ganzen Tag – inkognito – beobachtet und begleitet. Von 9 Uhr 17 bis 21 Uhr 50.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="944143_image" /></div> <h3> Der Mond, er reflektiert, leuchtet nicht</h3><BR /><div class="img-embed"><embed id="944146_image" /></div> Der Erzähler ohne Namen hat sich aus der Kunst und dem Kunstbetrieb in „Was ihr nicht seht oder Die absolute Nutzlosigkeit des Mondes“ zurück gezogen. Sein letztes Werk jedoch will er noch zu Ende bringen: Ein Labyrinth aus Papier! Das, sobald fertig gestellt, wieder zerstört werden soll. Darin freilich jede Menge Wunder, Technik und Philosophie steckt. Dies sei verraten: Viel spannendes Wissen hat die Autorin zu den Themen Labyrinth und Papier zusammen geholt. – Die zweite Figur mit Namen Giacometti hat das Dorf, das hier am Schauplatz des Romans einst existierte, selbst erlebt, er trägt gar dessen Spuren in sich. Nicht einfach verloren soll es sein, weg gewischt von einer neuen Kohlegrube. <BR /><BR />An einander interessiert, nähern sich die beiden immer wieder, um sich abermals zurück zu ziehen und sich schließlich gegen zukunftsschwere Projekte zu verbünden. Mittels Gedankenarbeit. Der Frage zum Beispiel: Existiert etwas, das man nicht sieht? Oder – Ist der Mond nutzlos? Oder aber – Muss Kunst für die Ewigkeit sein?<BR />Der Aussteiger und Giacometti, „der selbsternannte Wächter des verschwundenen Dorfes“, kümmern sich also (gewissermaßen) um das abgerissene Dorf. Ersterer sieht, was keiner sonst sieht, „die magische Stunde, in der sich die Wörter direkt in Materie verwandeln, in Sand, Bretter, Papier“. Er plant das Labyrinth auf dem Abrissplatz und „er ist seine eigene Dombauhütte“. Als ehemaliger Künstler mutiert er aber auch zur Gegenfigur, zu einer Stimme, die man hört, soll sie doch den kreativen Verstand herbei rufen. Giacometti verlangt, dass einer bleibt, wenn nicht im Dorf, dann in der Grube. Er bleibt. Die beiden Männer haben Respekt vor einander, ihr Verhältnis ist geprägt von ruppiger Zuneigung. Ob Giacometti, Realist, den Labyrinth-Erbauer dulden wird auf die Länge? Den Macher, der, wie andere seiner Spezies, „von Trugschluss zu Trugschluss“ unterwegs ist? Giacometti also beginnt in der Grube zu schuften für seine Bleibe, wo, nachdem die Bagger da waren, „das Innere des Dorfes obszön nach außen gekehrt ist“.<BR />Nebenfiguren lockern die zwingende Dichte des Buches auf, die Kartenlegerin, der Maler Adi, die Papierkünstlerin oder die Kirchenpflegerin. <BR /><BR /><BR />Der Roman von Magdalena Saiger geht auf in genialen Wendungen – in der Handlung, gleich wie in der sprachlichen Handhabung. Das Gewesene ist das Thema, das Konzentrat darin Sein – war – gewesen. Uns Lesende fesselt die höchst geistreiche und allemal poetische Sprache, die uns in der ausgefeilt lyrischen Treffsicherheit berührt. Was für ein Buch! <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="944149_image" /></div> <h3> Intakt ist da nichts</h3><BR /><div class="img-embed"><embed id="944152_image" /></div> <BR /><BR />Es ist Sommer in Odessa. Der Frühling, wenn die Kastanienbäume zu blühen beginnen, ist vorbei – es ist Zeit, die Klimageräte an den cremeweißen und mohnroten Hauswänden instand zu setzen. Das Meerwasser von Odessa „scheint vergoldet zu sein, als hätte jemand unzählige Eimer mit Farbe und Licht verschüttet“. Zwischen alten Strukturen ist hippe Modernität zu spüren. Man schreibt das Jahr 2014 – die Zeit meint es nicht gut mit der Stadt am Schwarzen Meer. <BR /><BR /><BR />In Olgas Großfamilie, wo Großvater seit eh und je ein ungutes Regiment führt, fängt die Fassade an zu bröckeln. Olga ist Opas Lieblingsenkelin, die übrigen Frauen im Hause verachtet er. Seine 3 längst erwachsenen Töchter und die anderen heranwachsenden Enkelinnen. Einem männlichen Nachkommen hängt er schmerzlich nach. Opa kann nicht akzeptieren, dass einst kein Mann in seine Fußstapfen treten wird. So, wie Opa gestrickt ist, geht er die Situation an mit bösen Launen, Misstrauen und Tyrannei. Ziemlich schaurig zelebriert das Buch die Ohnmacht. <BR />Ein dichtes Geflecht von abwegigen Ereignissen skizziert Irina Kilimnik in ihrem Roman, welche die Figuren samt und sonders wild beuteln. <BR /><BR />Reflexion müssen Leser und Leserin leisten, wie es, ja, sich gehört in der Beschäftigung mit Kunst. Offene Aussprachen dürfen in „Sommer in Odessa“ nicht sein, Großvater poltert, alle im Hause habe er in seiner Hand. Sein Standpunkt ist nicht nur ein Standpunkt, er ist die einzig gültige Weltanschauung. Und Olga sagt, „die unseligen Dämonen“ kehren wieder und wieder. Schließlich in Form eines aufwühlenden Geheimnisses: Gibt es da doch ein vertuschtes uneheliches Kind von Opa, einen Jungen? <BR /><BR /><BR />Das Rätsel um Andrej, den Neuen, wird zwar spontan zu einem aufgeregten Weckruf für die ganze Familie, mehr aber nicht. Weiterhin hält Großvater alles und alle im Zaum. Entwicklungen kommen, wenn schon, von außen – und damit neue Entfremdung. Der Roman legt die verzwickte, konstant gewachsene Chancenlosigkeit innerhalb menschlicher Zusammengehörigkeit offen: Das Verhehlen und Verstecken, das Gefesselt Sein und den Wunsch nach Befreiung. Den Vater oder Großvater verstehen, um sich als sein Kind kennen zu lernen, wie geht das? <BR />Als Olga (im letzten Kapitel) ihre Prüfungsarbeit weiß abgibt, hört sich das wie der definitive Befreiungsschlag an. Ein Mutanfall immerhin.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="944155_image" /></div> <h3> Die Erinnerung durchstöbern</h3><BR /><div class="img-embed"><embed id="944158_image" /></div> Der Titel „oft manchmal nie“ hört sich an wie ein Abzählvers oder ein Zauberspruch, wie etwas Ersehnt- oder Verpasstes. An die Orte der Kindheit – ein pralles Feld von Farbe und Frische – führt die Autorin ihre Leser und Leserinnen, erzählt aus Familie, Schule, Jugendzeit – fasst die Erlebnisse und Beobachtungen in literarische Kapitel, die selten länger sind als eine halbe Seite. Sie frönt der Kleinschreibung und der einfachen Sprache. Frisch, robust, friedlich. Sprache und Inhalt sind im Alltag verankert, Klarheit und Kraft unaufdringliche Prinzipien. Cornelia Hülmbauer (geb. 1982) schreibt in der Ich-Perspektive, die den Lesern (Lese)Freiheit lässt, sie, salopp gesagt, nicht so streng an der Kandare hält. In der Mädchen- Haupt-Figur steckt wohl die Autorin selbst. <BR /><BR /><BR />Die gesamte Familie ist involviert in das Geschäft des Autohauses, der Autowerkstatt und Tankstelle. Auch die Mechaniker gehören dazu. Alle und alles bilden die kleine Welt der Ich-Erzählerin, die in Niederösterreich aufwächst. Und diese kleine Welt in die große Welt mit nimmt. Die peniblen Regeln bei Tisch zum Beispiel, die Geschichten zu den Hausaufgaben, zum Trinkgeld, vom Stöbern in den Räumen des Hauses. Die große Welt beginnt mit Fahrprüfung, Disco, Bankomat, Freunde. Im Mittelpunkt des Romans steht also die Tochter des Hauses, ein verantwortungsbewusstes, sympathisches Mädchen. <BR /><BR /><BR />Vater und Mutter sind ein starkes Paar, sie geben Halt. Der Vater ist ein praktischer Mann, nach dem Einbruch ins Haus etwa setzt er spitzfindige Ideen um, um einen nächsten zu verhindern, oder aber er hört mit dem Rauchen auf und „isst statt dessen haufenweise gummibärchen“. Beim Mensch ärgere dich nicht Spielen sagt er lapidar, man sei halt ein Gewinner oder ein guter Verlierer. Hübsch skurril auch die Gepflogenheit, die „Tankstelltasche“, in die abends alles Kostbare gepackt wird – Geldscheine, alle Papiere und alle Autoschlüssel – , nachts auf dem Teppichboden im Elternschlafzimmer zu deponieren, das gute Stück!<BR /><BR /><BR />Die Mutter ist ganz Mutter, die Kapitänin im Hintergrund. Sie mahnt ihr Mädel, nicht eitel und nicht bubennarrisch zu sein. Und aus der Bibliothek solle sie sich was „gscheites“ holen, was ihr eh auch die strenge Bibliothekarin nahe legt. Trotz „hanni und nanni“ gewinnt die Schülerin den Aufsatz-Wettbewerb.<BR />Auf wunderbar wundersame Weise hält Hülmbauer die Zeit fest. Ja, sie wohnt darin. Und als Literatin wird sie fortfahren, Spielräume fein aus zu staffieren. Wie lange man Kind ist? So lange die Erinnerung daran lebt. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="944161_image" /></div> <h3> Jeden Tag Weltuntergang</h3><BR /><div class="img-embed"><embed id="944164_image" /></div> <BR /><BR />Die Geister der Stadt, sagt er, seien hinter ihm her. Die Geister-Stadt ist Wien. Er flieht nach Berlin. Und ist bald wieder in Wien, in seiner Vergangenheit. Dort, wo ständig die Panikattacken aufkochen und es sich ordentlich lamentieren lässt. Und da ist dieser Brief von Hubert, einem Freund. In dieser Freundschaft aber steckt, er spürt es, Gift. <BR />Der Roman bewegt sich auf ein schauerliches Ende hin. Der Autor stellt dieses Gift weidlich dar, andererseits will er es auch bändigen. Das „Abendmahl“, zu dem Hubert einlädt, wird, die namenlose Hauptfigur ahnt es, ein „Drahtseilakt“. Der finale Akt. <BR /><BR /><BR />Seine Vergangenheit ist eine Tragödie: Er, der Protagonist, hält sich für einen schlechten Mann. Wie alle seine Freunde ist er dem Suff verfallen, er hat die Therapie abgebrochen. Sein Charakter fährt ausschließlich auf die einfachsten Lösungen ab, auf den Feigling in ihm, auf die Überzeugung, „Liebe sei nur ein Gedanke, sonst nichts“, Zukunftsperspektiven eh sinnlos. Und: „Schön“ ist ein seltenes Wort aus seinem Mund. Seine Zeit schlägt er tot mit Saufen, Koksen, Frauen. Als er einmal Bona bittet, ihm zu verzeihen, ist das ein großer Akt. Stützpunkte, heißt es da, seien die Wiener Parkbänke. Da werden Katastrophen abgehandelt. Dion zum Beispiel ist aus dem Verlag geflogen, in dem er seine Krimis veröffentlichte. <BR /><BR /><BR />Bei Hubert nun feiert die armselige Gruppe die „Dröhnung“ ihres Lebens. Bis Hubert in die Runde platzt: Ich werde sterben. Hirntumor. Als es dann passiert, verliert unsere (Verlierer-)Figur jeden Halt. Sein Weinen, o Gott, hat auch keinen „ästhetischen Charme“. Hilflos „vertrauert“ er. Überraschend aber: An die Stelle der Trauer tritt so etwas wie Bewunderung. Ein bisschen Zuversicht bleibt dem Zurückgebliebenen. Und die spricht: Ein Drama geht zu Ende, und das nächste wartet schon um die Ecke. Eine dünne Gegenstimme, steht doch auch die Gesellschaft in der Kritik. Die Orchestrierung des Textes fühlt sich freilich sperrig an, der larmoyante Ton ist ständig vorherrschend. Wie aus einem einzigen Mikrofon gesprochen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="944167_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR />