Bis zur Verleihung werden wir hier die Rezensionen aller 6 Bücher veröffentlichen. Hier Teil II: „Vierundsiebzig“ von Ronya Othmann. <BR /><BR /><b>von Margit Oberhammer</b><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1082937_image" /></div> <BR /><BR />Es sei vorweggesagt: Das Buch ist eine Zumutung. <i>„Es ist zu viel, denke ich. Ich frage mich, wer wird das lesen wollen? Ich verbiete mir diese Frage“.</i> Das schreibt das Ich, ungefiltert <Fett>Ronya Othmann</Fett> selbst. Sie dokumentiert mit unerbittlicher Härte das Verbrechen des Völkermords. Begangen an einem Volk, von dem wir alle wenig wissen, an den Jesiden. Ronya Othmann schreibt Eziden und weist sich mit dieser Schreibung der ethnisch-religiösen Minderheit zugehörig aus. Sie lebt in Deutschland als Tochter eines kurdisch-jesidischen Vaters und einer deutschen Mutter, arbeitet journalistisch und literarisch. „Vierundsiebzig“ wird vom Verlag als Roman vermarktet; es handelt sich jedoch um eine 500 Seiten lange literarische Reportage. Die Autorin kämpft um eine Form für das Unsagbare. Sie weiß, dass ihm die Fiktion nicht gerecht wird, dass es keinen Plot geben kann, auch keinen wirklichen Anfang und kein tatsächliches Ende. In der Mitte des Buchs kämpft sie um ein Ende; 250 Seiten später gibt es einen Schluss und kein Ende.<BR /><BR />Sie hat Angst vor dem Ende, mit ihrem fieberhaften Dokumentieren versucht sie, die fehlende Zukunftsperspektive der Jesiden zu bannen; <Kursiv>„In zwei, drei Generationen wird es uns nicht mehr geben“,</Kursiv> sagt der Vater. Sie vermag aber auch von keinem Ende zu berichten, weil die Verfolgung immer weiter geht.<BR /><BR /><BR />Am 3. August 2014 bricht die Verfolgung zum 74. Mal über die Jesiden herein. Deshalb der Buchtitel, in der Zählung der Jesiden ist es der 74. „Ferman“ seit der osmanischen Herrschaft. Am 3. August 2014 ermorden, verschleppen, vergewaltigen, versklaven Milizen des Islamischen Staats die Jesiden im Nordirak, machen Dörfer dem Erdboden gleich, zerstören Tempel und Friedhöfe. Der Genozid wurde nur kurz von der Weltöffentlichkeit wahrgenommen. <BR /><BR /><BR />Mit ihren Aufzeichnungen möchte die Autorin den Jesiden Gerechtigkeit widerfahren lassen. Das Datum brennt sich nach der Lektüre des Buchs tatsächlich in das Gedächtnis.<BR /><BR /><BR />Doch wo befindet sich das Gebiet, aus dem es nach wie vor wenig Nachrichten gibt? Wer sind die Jesiden? Man erfährt es nach und nach während der Lektüre. Ronya Othmann nimmt die Leserin mit hinein in ihre fieberhaften Recherchen, macht sie vertraut mit dem Spärlichen, was man von der uralten, monotheistischen, friedliebenden Religion ohne schriftliche Überlieferung weiß. Die Autorin sucht im Pergamon Museum, in den Museen in Bagdad nach religiösen Symbolen aus dem Gebiet zwischen Euphrat und Tigris, nach Abbildungen des blauen Pfaus, des höchsten Engels der Jesiden. Sie liest archäologische und ethnologische Forschungsberichte des 19. Jahrhunderts, übt sich in Kurmandschi, der Sprache der Jesiden, die sie in Deutschland mehr und mehr verlernt. In Deutschland protokolliert sie Prozesse gegen IS-Täter. <BR /><BR /><BR />Zwischen 2018 und 2021 macht sich Ronya Othmann wiederholte Male auf den Weg in das Gebiet, wo nach den Genoziden, den Vertreibungen und nach Saddams Arabisierungspolitik Jesiden übrig geblieben sind. 200.000 sollen es im Nahen Osten sein, ca. eine Million weltweit in der Diaspora; die meisten leben in Deutschland. <BR /><BR /><BR />Das Innencover des Buchs zeigt eine Landkarte mit den Jesiden-Siedlungen im Nordirak und im syrisch-türkischen Grenzgebiet. In Shingal in der Autonomen Region Kurdistan, hat die Autorin ihre Kindheitssommer verbracht hat. Um 2018 erneut dorthin und ins Sindschar -Gebirge zu gelangen, zu den religiösen Stätten der Jesiden, muss sie eine komplizierte Route wählen. Sie dokumentiert die Hürden, die die schiitischen Kurden errichtet haben, der PKK, die irakische Regierung, die die Jesiden nicht als Minderheit anerkennen, von Checkpoint zu Checkpoint.<BR /><BR /><BR /><BR />Ronya Othmanns Recherchereisen sind nur in Begleitung möglich, ihr Vater fährt mit. Er hilft ihr auf der Suche nach den verbliebenen Angehörigen, Onkeln, Tanten, Cousins, Bekannten, Freunden von Freunden. Sie fährt zu Massengräbern und ins Vertriebenen-Camp, fotografiert unentwegt, schreibt Notizen, macht Audio- und Videoaufnahmen, lässt sich immer wieder aufs Neue erzählen von den Gräueltaten der islamistischen Terroristen, den Enthauptungen und Vergewaltigungen der „Ungläubigen“, bis ihr Vater einmal meint, es sei genug. Sie dokumentiert das lange Schweigen, das Weinen, und, wenn es ganz schlimm wird, das Lachen, <Kursiv>„ein Lachen als Zeichen, dass wir kaputt sind“. </Kursiv><BR /><BR /><BR />Das Buch entzieht sich gängigen literaturkritischen Kriterien. Dieses Dokument einer unmenschlichen, systematischen Zerstörung ist eine Zumutung, aber eine notwendige. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1082940_image" /></div> <BR /><BR /><b>Buchtipp:</b><BR />„Vierundsiebzig“ von Ronya Othmann, Rowohlt Verlag 2024, 512 Seiten<BR /><h3> Zur Person: Ronya Othmann</h3><BR />Die Autorin wurde 1993 in München geboren und lebt in Leipzig. Für ihre Arbeit wurde sie vielfach ausgezeichnet u.a. mit dem Aufenthaltsstipendium im Künstlerhaus Lukas 2015, den MDR-Literaturpreis 2015. 2017 gewann sie den Caroline-Schlegel- Förderpreis für Essay und den Open Mike für Lyrik, 2018 erhielt sie mit Beliban zu Stolberg und Eser Aktay zusammen das Grenz- gängerstipendium für die Türkei der Robert-Bosch-Stiftung. 2019 erhielt sie den Publikumspreis beim Ingeborg- Bachmann- Wettbewerb für ihren Text „Vierundsiebzig“ über den Genozid an den Ezîden und den Gertrud Kolmar Förderpreis für ihr Gedicht „Ich habe gesehen“. <BR /><BR /><BR />2018 war sie in der Jury des Internationalen Filmfestivals in Duhok in der Auto- nomen Region Kurdistan, Irak, und schrieb bis August 2020 für die taz gemeinsam mit Cemile Sahin die Kolumne OrientExpress über Nahost-Politik. Seit 2021 schreibt sie für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung die Kolumne „Import Export“. Bei Hanser erschienen zuletzt ihr Debütroman „Die Sommer“ (2020), für den sie mit dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet wurde, und der Gedichtband die verbrechen (2021), für den sie den Orphil-Debütpreis und den Düsseldorfer „Poesie Debüt Preis“ erhielt.