Wie sehr hier ihre siebenmonatige Zeit auf einem Ultner Hof den Blick verändert hat, das erzählt die Autorin im Interview.<BR /><BR /><b>Zurück zur Natur, aufs Land oder in die Berge. Das sind so Schlagworte, die seit Corona das „wahre“ Leben verheißen. Jetzt waren Sie selbst in Vorbereitung auf das Buch 2019 gute sieben Monate mit ihrem Sohn auf einem Ultner Hof „zu Gast“. Wie kam es denn dazu?</b><BR /><BR />Jarka Kubsova: Da spielen eigentlich mein mittlerweile siebenjähriger Sohn und auch meine persönliche Biografie eine große Rolle. Denn als tschechisches Auswandererkind <I>(siehe Kasten rechts)</I> bin ich – entwurzelt – in Hamburg aufgewachsen. Tatsächlich war ich zuvor auch nie in meinem Leben jemals in den Bergen gewesen. Bis zu einem ersten Urlaub nach Geburt meines Sohnes im Jahr 2014. Damals machten wir zwei/drei Wochen erstmals Urlaub auf einem Ultner Bauernhof – und ich war sofort fasziniert. Natürlich von den Bergen und der Landschaft, aber noch viel stärker von den Bergbauernhöfen, den Menschen und ihrer Arbeit. Zwar hatte ich bereits zuvor in der journalistischen Arbeit mit landwirtschaftlichen Themen zu tun gehabt. Aber diese Form bäuerlichen Lebens ist in Deutschland verschwunden bzw. dem Tode geweiht. Und mit Blick aufs Ultner Leben kamen in mir plötzlich so viele neue Fragen auf – etwa wie und warum sich diese kleinen Höfe in so schwieriger Lage überraschend gut halten. Und als mein Sohn dann fünf Jahre alt war, schien das der ideale Zeitpunkt.<BR /><BR /><b>Inwiefern?</b><BR /><BR />Nun, ich wollte, dass er erlebt, was dieses Leben bedeutet – also nicht nur „Urlaub am Bauernhof“ mit Streichelzoo. Das war sozusagen mein persönlicher Antrieb. Gleichzeitig gab es auch schon den Hintergedanken, darüber ein Buch zu schreiben. Denn: Auf so einem Hof wie jenem Ortlerhof der Familie Staffler <I>(Anm.: liegt in St. Walburg)</I> spürt und atmet man derart viel Geschichte und Geschichten, die jemand wie ich auch hinterfragen und in weiterer Folge erzählen möchte.<BR /><BR /><b>Wobei Sie eher für Sachbücher bzw. als „Ghostwriterin“ bekannt sind. Ein Roman ist also Neuland ...</b><BR /><BR />Das stimmt. Anfangs stellte sich mir auch die Frage, ob ich das auch überhaupt schaffen kann. Insofern war ein „Roman“ zunächst eher ein zurückhaltender Wunsch. Die Bäuerin Silvia Staffler – übrigens eine sehr belesene Frau – ahnte bzw. wusste natürlich von Anfang an, was ich im Schilde führte. Wir hatten uns auch im Vorfeld ausgetauscht, ob und zu welchen Konditionen dies überhaupt möglich wäre, dass ich mit meinem Sohn mehrere Monate auf ihren Hofe lebe und arbeite. <BR /><BR /><b>Nun merkt man beim Lesen, dass Sie viel mit Leuten im Tal „geratscht“ haben – nicht zuletzt über ihre Familiengeschichten oder das Bauernleben. Das alles haben Sie in die Geschichte dreier Generationen von den 1940ern bis heute verpackt. Wie schwierig war es, sich von den realen Personen zu lösen?</b><BR /><BR />Eigene Figuren daraus zu machen, war natürlich „die“ große Herausforderung beim Schreiben. Es war mir auch sehr wichtig, denn ich wollte niemand, den ich kannte, zur Romanfigur machen. Das hätte ich selbst als höchst unanständig empfunden. Je länger wir dort waren, umso leichter fiel es mir, diese eigenständigen Figuren zu entwickeln. Aber Frauen, die in den 1950er/1960ern alleine einen Hof bewirtschafteten, die hat es tatsächlich gegeben. Oder auch die Analogien zum „Urlaub auf dem Bauernhof“ – die kommen zweifellos nicht von ungefähr.<BR /><BR /><b>Eben – da gehen Sie mit ein paar Themen durchaus hart ins Gericht. Franziska & Co hadern schwer mit der landwirtschaftlichen Überreglementierung. Auch leise Kritik an der Viehwirtschaft oder dem „Overtourismn“ klingt durch. Konnte da die Journalistin in Ihnen nicht anders?</b><BR /><BR /><i>(lächelt)</i> Da haben Sie mich ertappt! Es gab in meinen Beobachtungen gar einige Sachen, die ich zunächst für originär gilt – und sich dann als „Inszenierung“ herausstellten. Vor allem die strengen Auflagen waren ein gefundenes Fressen. Aber in der Realität ist es dann doch nicht so „überspitzt“, wie es in diesem Roman vielleicht erzählt wirken mag. Was aber schon ein großes Problem scheint, ist die bürokratische Überreglementierung. Und diese Knebel des heutigen Bauernlebens wollte ich unbedingt thematisieren.<BR /><BR /><b>So wie das bäuerliche Frauenleben bzw. „Muatorsein“ auf den Höfen. Was war der Anlass dafür?</b><BR /><BR />Ganz einfach: Ich hatte das Gefühl, dass dieses schwierige Frauenleben auch in Südtirol noch nicht so ausgeleuchtet ist, wie es sein sollte. Immer wieder hörte ich in Gesprächen auch nur Halbsätze wie: „Damals mussten die Frauen alles allein machen!“ Doch in der Literatur dazu fand sich kaum etwas. Also wollte ich diesen Frauen, die nach und Krieg bzw. in allen Krisenzeiten oft ganz alleine ihre Höfe durchbrachten, eine Art Denkmal setzen. <BR /><BR />