<BR /><b>Sie haben in Ihrer Laufbahn bereits bei vielen Uraufführungen Regie geführt, was reizt Sie an Uraufführungen, wie Sie auch heuer bei den Meraner Festspielen 2026 wieder eine inszenieren?</b><BR />Torsten Schilling: Das Spannende an einer Uraufführung ist, dass das jeweilige Stück hinsichtlich seiner Umsetzbarkeit auf der Bühne von Grund auf neu erforscht werden kann. Es gibt keinerlei Erfahrungen durch andere Inszenierungen, auf die man vergleichend zurückblickt. Als Regisseur reizt mich die dadurch gegebene Freiheit. Die kreative Herausforderung ist weit höher als bei bereits erprobten Stücken und immer wieder ganz anders. <BR /><BR /><b>Was ist Ihnen persönlich an diesem Stück „Das Schweigen der Stadt“ wichtig?</b><BR />Schilling: Ich finde den vom Autor kreierten Plot für ein Sommertheater äußerst mutig und anspruchsvoll. Die Geschichte verbindet einen tragischen, zutiefst berührenden Handlungsstrang mit der turbulenten, oft chaotischen Vorbereitung eines provinziellen Stadtfestes. Mir ist es wichtig, die Vielschichtigkeit herauszuarbeiten, das Publikum einerseits humorvoll zu unterhalten, andererseits aber auch brennende Fragen von Verantwortung und Gerechtigkeit tief in die Köpfe und Herzen zu senden. <BR /><BR /><b>Wie war die Zusammenarbeit mit dem Ensemble?</b><BR />Schilling: Über das Ensemble bin ich sehr glücklich. Die Arbeit war seit Anbeginn von großem Vertrauen und der gemeinsamen Lust an kreativer Schauspielkunst geprägt. Jede einzelne Probe war uns eine Freude am Miteinander und am kollektiven Voranschreiten. Das betrifft alle Darsteller und Darstellerinnen im gleichen Maße, wie das hochprofessionelle Team der Bereiche Bühnenbild, Kostümbild, Musik, Maske und Technik. <BR /><BR /><b>„Das Schweigen der Stadt“, so heißt der Titel des Schauspiels von Luis Zagler, das im Sommer 2026 zur Uraufführung kommt. Was steckt hinter diesem Titel und wie deuten Sie diesen Titel? Was soll er uns vermitteln?</b><BR />Schilling: Der Kernkonflikt dieses Schauspiels ist das Schweigen bzw. Nichthandeln angesichts brutaler Missbrauchsfälle in einem Hotelbetrieb der Stadt. Jede einzelne Figur trifft dabei nachvollziehbare Entscheidungen. Aus wirtschaftlichen, politischen oder persönlichen Interessen heraus. Jede und jeder Einzelne meint es im Grunde auch gut, im Sinne der Stadt, des Zusammenlebens, des Familienbetriebs, des bevorstehenden Events. Doch am Ende steht der tragische Tod eines jungen Mädchens. Ein Leben wurde nicht geschützt. Obgleich keine der anderen Figuren aktiv am Verbrechen beteiligt war, tragen alle Schuld daran. Eben durch das „Schweigen der Stadt“. Es geht um ein kollektives Versagen im grundlegend humanistischen Sinne. – Die Aufführung des Stücks soll auch dahingehend sensibilisieren, soll immun machen gegen leichtfertiges Handeln und vor allem gegen das Wegschauen. <BR /><BR /><b>Inwiefern steht das Stück mit Ereignissen unserer Zeit in direkter Verbindung?</b><BR />Schilling: Missbrauch und Ignoranz gegenüber Gewalt umgibt uns täglich. Die Nachrichten sind voll davon. Und leider schafft es der Großteil dieser Verbrechen heute nicht einmal mehr in die Schlagzeilen. Zumeist geschieht das im privaten Umfeld. Aber immer wieder werden auch solche grauenhaften Fälle in Firmen, gastronomischen Betrieben und Hotels aufgedeckt. Besonders perfide dabei ist, dass diese durch starke Hierarchien und Leistungsdruck oft extreme Ausmaße annehmen. Und je exklusiver diese Betriebe sind, desto mehr sind sie in die Strukturen von Wirtschaft und Politik verwoben. Das bietet den machtmissbrauchenden Tätern dann oft zusätzlich Schutz und ignoriert die Opfer in schlimmster Weise. <BR /><BR /><b>Ist die Inszenierung einer Uraufführung immer noch eine Herausforderung oder haben Sie damit bereits so viel Routine entwickelt, dass Sie sagen, es ist ein Text wie jeder andere, den ich auf die Bühne bringen muss?</b><BR />Schilling: Vor Routine konnte ich mich in meiner Theaterlaufbahn bislang recht gut schützen. Auch, weil ich diese als nicht förderlich für die Kreativität empfinde. Mich interessiert an meinem Beruf ja gerade die Neuentdeckung von Texten und Stoffen. So gehe ich aber an jede Inszenierung heran, unabhängig davon, wie alt oder neu ein Stück ist. – Erfahrung hingegen ist bei der Erarbeitung einer Uraufführung sicher ein großer Vorteil. Ich kann durch sie besser einschätzen, was die Stärken oder Schwächen eines vorliegenden Textes sind und auf diese reagieren. Auch bin ich dadurch schneller im Stande, eine Idee bezüglich ästhetischer Atmosphäre, Bildkraft, Spielweise und technischem Aufwand zu entwickeln. Was einer Uraufführung zusätzlich inne liegt, ist die besonders hohe Verantwortung gegenüber dem Autor bzw. der Autorin. Hier schaltet sich bereits im Vorfeld eine intensive Phase der Zusammenarbeit und produktiven Auseinandersetzung ein. Ebenso bedarf es stets der speziellen Motivation des mitwirkenden Ensembles, sich mit vollem Engagement dem unbekannten Stück zu widmen, es risikobereit zu erforschen, es überzeugt dem Publikum zu präsentieren. Denn Theater ist immer Teamarbeit und hat seine Wirkung nur als kollektive Kraft. <BR /><BR /><b>Als Profiregisseur haben Sie wahrscheinlich öfter mit Profischauspielern gearbeitet als mit Volksschauspielern. Das Schauspielensemble der Meraner Festspiele besteht aber aus Profis und Volksdarstellern. Wie beeinflusst das ihre Arbeit?</b><BR />Schilling: Insbesondere im Sommertheater ist diese Kombination ja nichts Ungewöhnliches. In den vielen Jahren meiner Regietätigkeit habe ich Erfahrungen in den unterschiedlichsten Strukturen des Theaters gesammelt. So, dass ich auch in meiner Arbeitsweise sehr flexibel sein kann. Für gewisse Stücke empfinde ich die Mischung von Darsteller und Darstellerinnen aus dem Profi und Volksbühnenbereich als enorme Bereicherung. Wir sind in einem ständigen gegenseitigen Lernprozess. Es gilt dabei, allen im gleichen Maß Vertrauen, Respekt und Unterstützung entgegenzubringen. Jede und Jeder soll am Ende nach bestem Vermögen mit Stolz, Selbstvertrauen und Wahrhaftigkeit vor das Publikum treten. <BR /><BR /><b>Im Rahmen der „Initiative für Ur- und Erstaufführungen“ ist das heuer die neunte Uraufführung in Folge. Etwas, was es wahrscheinlich nur selten gibt. Was bedeutet es für Sie, in dieses Projekt an Uraufführungen einzusteigen?</b><BR />Schilling: Ich war schon an einigen Projekten beteiligt, die sich speziell neuer Dramatik und Uraufführungen gewidmet haben. Ich finde es spannend, wenn ein Theaterbetrieb ein klares Profil hat. In den richtigen Konstellationen sehe ich hier ein großes Potential innerhalb des Südtiroler Kunst- und Kulturschaffens. Auch für das Publikum. Denn es ist ja unser aller Aufgabe, den Menschen Neues zu zeigen. Theater darf kein Museum des Gewohnten sein, sondern muss immer den Bezug zum Heute und Jetzt suchen. Guten neuen Stücken liegt das per se inne. <BR /><BR /><b>Was wünschen Sie sich für das Publikum?</b><BR />Schilling: Dem Publikum wünsche ich Neugier und Freude daran, den Abend mit allen Sinnen zu erleben, dem Lachen und der Betroffenheit gleichermaßen Raum zu geben. Neben dem landschaftlichen Zauber des Festspielareals bietet die diesjährige Produktion eine gesellschaftlich extrem wichtige Thematik. Ich wünsche mir, dass beides weit über die Vorstellung hinaus in den Zuschauer nachwirkt, im Idealfall eine Rückwirkung auf den Alltag zeigt. <BR /><BR /><b>Wie wichtig ist Ihnen diese Produktion im Sommer 2026?</b><BR />Schilling: Ich empfinde es als großes Privileg, mich nicht mit unwichtigen Dingen beschäftigen zu müssen. Insofern sehe ich auch in der diesjährigen Sommerproduktion die Chance, mit einem engagierten, aufs gleiche Ziel ausgerichteten Team der wahren Aufgabe von Theater zu entsprechen – zu unterhalten und gleichzeitig eine gesellschaftliche Relevanz zu erzielen. Das ist in unserer Zeit wichtiger denn je.