Wir sprachen aus diesem Anlass mit dem ehemaligen und dem neuen Kurator der Sparte Jazz im Anreiterkeller <b>Norbert Dalsass</b> und <b>Max von Pretz.</b><BR /><BR />Der erste Jazz-Zyklus der Herbstsaison 2023 geht im Brixner Anreiterkeller bereits dem Ende zu. Vier international renommierte Ensembles haben ihr Publikum mit Programmen konfrontiert, die unter dem Motto „Jazz and“ vor allem eines bewiesen haben: Jazz ist jenes Musikgenre, das sich seit seiner Entstehung unter dem Einfluss afroamerikanischer Musikstile um etwa 1900 in den USA erfolgreich jeglicher Klassifizierung entzieht. Jede Formation, jeder Musiker oder jede Musikerin versteht die eigene Performance als Anlass, musikalische Grenzen zu überschreiten, auszuprobieren, welche Klanginnovationen möglich sind durch Kombinationen mit neuen Instrumenten, durch rhythmische Einfälle, elektronische Effekte oder auch durch Kooperationen mit anderen Interpreten.<BR /><BR />Jazz and X steht für die nicht benennbare Fülle an Ideen, mit denen etwa die Saxophonistin <b>Yvonne Moriel</b> mit ihrem Projekt „yvonne moriel::sweet life“ Anfang November die Musiksaison eröffnete. Gemeinsam mit <b>Lorenz Widauer</b> (Trompete), <b>Stephanie Weninger</b> (Keys und Elektronik) und <b>Raphael Vorraber</b> (Schlagzeug) repräsentiert sie jenen Typ der jungen Generation, die sich mutig und experimentierfreudig auch durch den Einsatz von Elektronik neue Klanguniversen erschließt.<BR /><BR />Trotz reduzierter Besetzung – <b>Kit Downes</b> (Hammond) konnte aufgrund eines ausgefallenen Fluges leider nicht anreisen – schuf das <b>Ensemble Deadeye</b> mit <b>Reinier Baas</b> (Guitar) und <b>Jonas Burgwinkel</b> (Drums) mit seinen expressiven, von verschiedenen Stilen beeinflussten Klangkreationen magische Kopfbilder, deren Sog man sich nicht entziehen konnte. <BR /><BR />Die südafrikanisch-schweizerische Formation <b>„A Million O Clock“</b> mit <b>Thandi Ntuli</b> (Keys, Vocals), <b>Shane Lee Cooper</b> (Bass), <b>Benedikt Reising</b> (Saxophon) und <b>Paul Amereller</b> (Schlagzeug) präsentierten das Ergebnis eines Austauschprogramms für Jazzmusiker und Musikerinnen in der Schweiz als subtile Zusammenführung von kulturell höchst unterschiedlichen Ausdrucksformen. <BR /><BR />Die österreichische Band <b>„June in October“</b> begeisterte das Publikum der Dekadenz mit ausdrucksstarken Kompositionen aus der Feder der Kontrabassistin <b>Judith Ferstl.</b> Durch die Besetzung mit Cello, Kontrabass, Geige und Stimme mutete das Konzert beinahe kammermusikalisch an und orientiert sich gleichzeitig an der modernen Pop-Musik und schuf intensive emotionale Momente.<BR /><BR />Auf ihren Höhepunkt steuert die Dekadenz mit dem Jubiläumskonzert der Brixner Formation <b>Jazz Fantasy</b> heute zu, bei dem das Trio bestehend aus <b>Michele Giro</b> (piano, keyboards), <b>Roman Hinteregger</b> (drums, percussion) und <b>Norbert Dalsass</b> (double bass, contrabass guitar) sein 30-jähriges Bühnenjubiläum und die Vorstellung seines fünften Albums „STILL“ feiert. Auch mit diesem Tonträger beweist das Ensemble, aus welch unerschöpflichem Potential zwischen introvertierter Kommunikation und impulsiver Expressivität Jazzmusiker Neues entstehen lassen können. <BR /><BR />Wir sprachen aus diesem Anlass mit dem ehemaligen und dem neuen Kurator der Sparte Jazz im Anreiterkeller <b>Norbert Dalsass</b> und <b>Max von Pretz.</b><BR /><BR /><BR /><b>Wir befinden uns im Brixner Anreiterkeller vor der Bilderwand, die über 30 Jahre Brixner Jazzgeschichte dokumentiert. Norbert, wie haben Sie die Anfänge des Jazz im Keller erlebt. Was ist Ihr persönlicher Zugang zu dieser Stilrichtung?</b><BR />Norbert Dalsass: Ich selbst bin bereits als etwa 14-Jähriger durch Zufall mit der Musikgattung des Jazz in Berührung gekommen, ein Jazzsaxophonist, den ich im Fernsehen sah, hat mich völlig umgehauen, obwohl ich überhaupt keine Ahnung hatte, was er da machte. Das nächste Ereignis, einige Jahre später, war ein Konzertbesuch in der Stadthalle in Bozen. Ich hörte das Art Ensemble of Chicago, und in mir war der sehnsüchtige Wunsch bestätigt, dieser meiner Musik des Herzens zu folgen. Es folgten Jahre der Suche, des Reisens, hin zu Lehrern nach Mailand und Venedig, die mir die Welt des Jazz eröffnen sollten. Und es folgten auch bald Auftritte. Ich erinnere mich an den Herbst 1985, als wir zur Neueröffnung des Anreiterkellers nach einem Umbau erstmals auf der Bühne in Brixen standen, damals noch in der Formation Sarabanda, gemeinsam mit Michael Lösch, Mauro Carboni, Manuela Macciocu und Roberto Caprasecca. Das war die Initialzündung für den Jazz im Keller. Daneben gab es in ganz Südtirol eine Aufbruchsstimmung für dieses Genre, was auch zu gesunder Konkurrenz und zu einem stetigen Anstieg des Südtiroler Publikums führte, das bisher eher der traditionellen Volkskultur und der klassischen Musik zugeneigt war. <BR /><BR /><b>Wie blicken Sie auf 30 Jahre Zusammenarbeit mit Roman Hinteregger und Michele Giro zurück?</b><BR />Dalsass: Die ersten Jahre nach der Gründung von Jazz Fantasy 1993 waren äußerst produktiv, es gab erfolgreiche Auftritte bei Wettbewerben, Festivals, auf diversen Bühnen, im Fernsehen, im In- und Ausland. Jedes Jahr haben wir an einem neuen Projekt gearbeitet, bis wir merkten, dass die vielen Auftritte an der Substanz zehrten und vor allem die für den Jazz unabdingbare Spontaneität auf der Strecke blieb. So haben wir, jeder für sich, neue Wege eingeschlagen, bis wir nach einer längeren Pause wieder neu anknüpfen konnten. Der fruchtbare Dialog stellte sich wieder ein, und die Idee zu einem fünften Album „STILL“ war geboren. STILL steht einerseits für die Bedeutung Stille, aber lehnt sich auch an den englischen Ausdruck für „trotzdem“, „immer noch“ an. Es ist sicher ein Statement für den Enthusiasmus, die Energie, die wir beim Musikmachen verspüren. Musik schafft direkten Kontakt nicht nur unter uns Musikern, sondern auch zum zuhörenden Publikum. Wenn wir spielen und ganz bei uns sind, trifft die Musik direkt ihre Herzen und erfreut die Menschen... aus diesem Grunde sind Live-Konzerte durch nichts anderes zu ersetzen, auch nicht durch die besten HiFi Anlagen der Welt! <BR /><BR /><b>Max, Sie haben 2021 die Betreuung der Sparte Jazz im Keller übernommen. Was ist Ihr Zugang zum Jazz? In welche Richtung möchten Sie den Jazz im Anreiterkeller führen? </b><BR />Max von Pretz: Für mich ist Jazz ein Lebensgefühl, das beim Besuch eines Konzerts oder eines Jazzfestivals spürbar und erlebbar wird. Der Brixner Keller, der seit vielen Jahrzehnten vom Hotel Grüner Baum für Kleinkunst, Theater und den Jazz zur Verfügung gestellt wird, eignet sich mit seinem Wohnzimmerfeeling und gleichzeitig durch die klar definierte Bühnensituation vorzüglich für die musikalische Kommunikation zwischen Künstlern und dem Publikum. Diese intime Atmosphäre finde ich essentiell bei einem Jazzkonzert. Wir haben mit Klaus Ramoser einen Tontechniker, der die Dekadenz in- und auswendig kennt und dadurch optimale Klangerlebnisse schafft. Ich sehe den Keller als einen Ort der innovativen Kultur, die etwas wagt, die nicht primär die Gefälligkeit des Programms im Auge hat oder den Erwartungen des Publikums entsprechen will, sondern eher das Wagnis, das Experiment, die Auseinandersetzung mit dem Heute sucht. Das ist für mich auch das Wesen des Jazz. Die Dekadenz hat mittlerweile ein riesiges Netzwerk an arrivierten und jungen Künstlerinnen, die den Keller und sein Publikum schätzen und immer wieder gerne kommen möchten. Im Keller der Dekadenz gastieren so genannte Big Names wie das Cello-Urgestein aus den USA Hank Roberts, der dieses Jahr bei uns zu Gast war, ebenso wie junge aufstrebende Künstler und Künstlerinnen aller Jazz-Sparten. Diese Vielfalt und Qualität des Bewährten, aber auch der Avantgarde wollen wir auch in Zukunft pflegen und die Kellerbühne regelmäßig mit guten Jazz-Programmen bespielen. <BR /><BR />Termine Jazz: Heute, 20 Uhr, Anreiter keller Brixen; 30 years of Jazz – Fantasy (IT) – NORBERTS CHOICE – STILL, Jazz, Musik mit Michele Giro (piano, keyboards), Roman Hinteregger (drums, percussion), Norbert Dalsass (double bass, guitar) – 14.12., 20 Uhr; ∏ / LOWDOWN Jazz, Raphael Preuschl (AT), Andreas Waelti (CH)