Wir haben ihn zum Interview getroffen.<BR /><BR /><b>Herr Bernard, Sind Sie aufgeregt? </b><BR />Andrea Bernard: Ja, schon. Schon die Uraufführung war unglaublich, doch in Bozen, in meiner Stadt, ist alles noch aufregender, denn die Erwartungen sind groß.<BR /><BR /><b>Ihre ersten Regiearbeiten haben Sie am Theater gemacht, warum haben Sie sich nun der Oper verschrieben? Was ist der Reiz daran?</b><BR />Bernard: Schon als Bub hat mich am Theater auch der musikalische Teil fasziniert. Die Vorstellung, Musik mit dem Zauber der Dichtkunst zu vereinen, war mein größter Wunsch.<BR /><BR /><b>Ein weiterer Schritt also…</b><BR />Bernard: Ja. Als Regisseur glaube ich, dass auch bei Opernvorstellungen die Schauspielkunst das Fundament der Aufführung ist, denn die Handlung muss glaubwürdig vermittelt werden. Selbst Verdi hat Musiktheater gemacht. <BR /><BR /><b>Früher allerdings waren die großen Opernsänger oder -Sängerinnen nicht unbedingt große Schauspieler…</b><BR />Bernard: Sie waren im wahrsten Sinne des Wortes groß, d.h. kräftig, und es war schwierig, sie im Kostüm auf der Bühne zu bewegen. Außerdem hieß es: Nur die Musik zählt.<BR /><BR /><b>Vielfach bilden sich die Sänger heute auch im Schauspiel aus. Gibt es also kaum mehr einen Unterschied, ob Sie einem Schauspieler oder einem Sänger Anweisungen geben?</b><BR />Bernard: In Italien gibt es da noch einen großen Unterschied. In den Konservatorien wird nicht unterrichtet, wie man sich auf der Bühne bewegen soll. Langsam aber ändert sich etwas. Regisseure aus der ganzen Welt inszenieren heute in Italien. Die Sänger sind natürlich in erster Linie auf die richtige Note fixiert. Doch ich habe bemerkt, dass sie sich immer mehr auch schauspielerisch profilieren wollen. Meist sage ich: „Wenn ihr euch die Rolle verinnerlicht, dann werdet ihr auch besser singen.“<BR /><BR /><b>Und wie funktioniert die Zusammenarbeit mit dem Dirigenten?</b><BR />Bernard: Ich habe mich mit allen gut vertagen. Sebastiano Rolli, der Dirigent der Traviata in Bozen, war von Anfang an an der Regiearbeit interessiert. Er selbst hat Vorschläge gemacht. <BR /><BR /><b>Sie haben Architektur studiert. Ich nehme an, dass Ihre Inszenierungen von Ihrem Wissen profitieren…</b><BR />Bernard: Die Arbeit mit dem zur Verfügung stehenden Raum ist ein wesentlicher Teil meiner Arbeit. Wir leben, arbeiten, verbringen unsere Freizeit in Räumen. Warum soll der Theaterraum, nicht wichtig sein? So wie ich meine Bühne einteile, so bewegen sich die Schauspieler. Er ist keine bloße Dekoration.<BR /><BR /><b>Ihre Traviata wurde im kleinen Verdi-Theater in Busseto uraufgeführt. Wie schwierig war die Adaptierung für Bozen?</b><BR />Bernard: Wir hatten eine Art Bunker geschaffen, um die Intimität und die Protagonisten zu schützen. Hier wird dieser Raum einfach nur sehr viel größer sein. <BR /><BR /><b>„La Traviata“ ist weltweit die meistgespielte Oper. Worin, glauben Sie, liegt ihr Geheimnis: Vielleicht darin, dass sich die Geschichte einer schwindsüchtigen, todkranken Kurtisane über das ganze Geschehen verbreitet, das musikalisch schon mit dem ätherischen Vorspiel beginnt, mit dem die Krankheit der Violetta charakterisiert wird? Wie ist Ihre Lesart?</b><BR />Bernard: Ich habe das Libretto immer wieder gelesen, die Musik immer wieder angehört und versucht zu verstehen, was es heute heißt, „La Traviata“ auf der Bühne zu zeigen – die Geschichte also ins Heute zu verlegen. Wie Sie richtig sagen, wird schon in der Ouvertüre das Thema der Krankheit, des unvermeidbaren Schicksals angeschnitten. Ich allerdings habe, auch aufgrund von wichtigen Inszenierungen wie jener von Muti und der Scotto oder von der Netrebko in Salzburg, eine große Stärke in Violetta erkannt. Und darauf fußt meine Interpretation. Für mich ist sie eine starke, charismatische Frau, die ihre Schwäche, d.h. ihre Krankheit, verstecken will. Auch habe ich mir gedacht, wie kann eine Violetta dargestellt werden, die selbst bestimmt hat, eine Kurtisane zu sein und ihren Körper für Geld oder Macht zu verkaufen? Ich habe ihre „Selbstvermarktung“ nicht in sexueller Hinsicht gesehen, sondern als ein Ringen um Macht. Sie ist ehrgeizig. Heute vermarkten wir uns bei sogenannten Events, durch PR-Aktionen, über die sozialen Medien. Ich habe eine Parallele gezogen zwischen der Kommerzialisierung von Gefühlen und materiellen Dingen, in diesem Fall der Kunst. Meine Violetta ist die Leiterin eines Auktionshauses. Sie geht auch mit Alfredo einen Deal ein: Durch sie wird er, der aus der Provinz kommt, in der feinen Gesellschaft aufgenommen – und Violetta hingegen kann durch ihre Liebe zu ihm aus ihrer Welt fliehen. Hinter allem steckt also ein Plan, und genau deshalb kommt es zur Krise, denn wenn die Liebe nicht auf echten Gefühlen fußt, kann sie nicht währen. <BR /><BR /><b>Alexandre Dumas hatte 1848 mit „La Dame aux camélias“ einen Roman über die Kurtisane Marie Duplessis verfasst, die mit Alfred de Musset und Franz Liszt, aber auch mit Dumas selbst liiert war. Die Duplessis starb mit nur 23 Jahren. Eine zeitgenössische, wahre Story also! Wie vergegenwärtigt sich dieses vom rechten Weg Abkommen, dieses Traviare in Ihrer Inszenierung? Sie haben gesagt, dass Sie Violetta in ihrer Vielschichtigkeit darstellen wollten…</b><BR />Bernard: Das Abkommen vom rechten Weg erkennt man von Anfang an, in ihrer Geschäftstüchtigkeit. Violetta verkauft dem Baron ein Foto von sich selbst, wo sie nackt dargestellt ist. Und wie schon gesagt, auch ihre Beziehung zu Alfredo führt sie nicht zurück auf den rechten Weg. Dieses Traviare von Violetta ist immer selbstbestimmt. Sie ist kein Opfer. Sie wird nicht gezwungen, sich zu vermarkten, sondern sie bestimmt den Markt.<BR /><BR /><b>„La Traviata“ gehört zu den Meisterwerken, die bei der UA am 6. März 1853 in Venedig durchgefallen sind. Verdi schrieb: „'La Traviata' wurde ein absolutes Fiasko, schlimmer noch war, dass sie lachten… ich glaube nicht, dass das letzte Wort gesprochen ist!“ Das lag damals am allzu realistischen Stoff. Andererseits wurde ausgerechnet die von Verdi abgelehnte Titelheldin gefeiert, obwohl sie mit ihrer kräftigen Statur in ihrem Krinolinen-Kostüm für eine Schwindsüchtige unecht wirkte. 3 Jahre danach gab es allein in Italien 143 Inszenierungen und mehr als 1800 Vorstellungen. Die Zensur verbot allerdings den scheinbar anrüchigen Titel „La Traviata“ und verlangte den Titel „Violetta“. Wie erklären Sie sich diese historischen Disproportionen? Sind sie für Ihre Inszenierung mit entscheidend?</b>Bernard: Die Traviata ist mit der Oper „Stiffelio“ eines der wenigen Werke, das in der damaligen Zeit spielt. Verdi wollte Gesellschaftskritik betreiben. Natürlich hat da die Zensur zugegriffen. Die Oper wäre ohnehin durchgefallen, denn als als Titelheldin eine Prostituierte zu präsentieren, war einfach undenkbar. Meine Überlegungen gingen davon aus: Was war Verdis Ziel? Die Gleichzeitigkeit. Und ich wollte diese in meiner Inszenierung widerspiegeln: So wird das Fest mit den Zigeunerinnen zum Speed Date, der Tanz wird zu einem Wettkampf…<BR /><BR /><b>Um das Hier und Jetzt zu unterstreichen, ist Ihre Violetta nicht schwindsüchtig, sondern depressiv…</b><BR />Bernard: Ich wollte nicht eine Krankheit mit einer anderen austauschen. Man fühlt zwar die Schwindsucht, doch was wir sehen, ist ein Unwohlsein. Wer krank ist, fühlt sich insgesamt schlecht. Diesen psychophysischen Zustand wollte ich beschreiben. Violetta wird vom Anfang bis zum Ende Medikamente einnehmen und am Ende selbst entscheiden, keine mehr zu nehmen. <BR /><BR /><b>In der Rezeptionsgeschichte dieser Oper finden wir mit Adelina Patti, Nelly Melba, ja mit Maria Callas u.v.a, lauter unsterbliche Primadonnen. Gerade die Callas wurde 1955 an der Scala unter Luchino Visconti und dem aus Bozen stammenden Dirigenten Carlo Maria Giulini durch ihre psychologische Rollengestaltung das Vorbild schlechthin. Wie sehen Sie das jetzt und heute?</b><BR />Bernard: Es sind alles großartige Primadonnen, aber nicht nur wegen ihres Könnens, sondern gerade weil sie die Darstellung an die erste Stelle gesetzt haben. Sie sind alle großartige Schauspielerinnen. Gerade die Callas hat durch ihre Interpretation der Violetta ein neues Profil verschafft. So hat Isabella Lee meiner Violetta die nötige Distanz und Kälte eingehaucht, die ich der Figur geben wollte: Sie ist eine Frau, die weiß, was sie im Leben erwartet.<BR /><BR /><b>Der Librettist Francesco Maria Piave wird literarisch oft unterschätzt, aber er vollendete das Szenario dieser Oper in nur 5 Tagen. Der Historiker und Verdikenner Gabriele Baldini sagte: „Piaves Libretti sind die schönsten für die Musik Verdis, auch vom literarischen Standpunkt aus zweifellos schöner, da sie besser gemacht sind als von Arrigo Boito.“ Das mag der Meisterschaft von Boito widerspre- chen, der bei Otello und Falstaff mit Verdi eine musikdramatische Einheit schaffte. Wie sehen Sie als Regisseur den Dichter Piave? </b>Bernard: Verdi ist so großartig, weil er ein Allroundgenie war. So waren die Libretti seiner Opern ausschlaggebend für die Musik. Er bestimmte als Letzter über seine Libretti. Bei Piave hat er seine Korrekturen angebracht, bei Boito weniger. Vor ihm hatte er mehr Respekt. Otello und Falstaff sind immer auf der Suche nach dem richtigen Klang des Wortes, die Traviata ist unmittelbarer und im Wort näher am Menschen.<BR /><BR /><b>Der ganz junge Giorgio Strehler hatte 1947 sein Debüt als Opernregisseur mit der Traviata an der Scala. Was bedeutet das für einen jungen Regisseur?</b><BR />Bernard: (Lacht) Das wusste ich nicht. Mit der Traviata debütieren, heißt sofort alle Karten auf den Tisch legen.<BR /><BR />