Lene Morgenstern und ihr Sohn Jonathan Delazer haben ihn vor seinem Auftritt zu seiner Kunst befragt und sind dazu in die Bodo-Wartke-Welt eingetaucht. <BR /><BR /><BR /><b>Lene Morgenstern: Wie entsteht Ihre Kunst, Herr Bodo Wartke? Nach dem Prinzip des Michelangelo – da ist ein Marmorblock, und Sie schlagen „den David“ heraus – oder aber nach dem Prinzip, da ist das Nichts, und am Ende ist dann doch „der David“ da?</b><BR />Bodo Wartke (lacht): Ich kenne das Zitat und bemühe es auch oft. Es ist eine gute Metapher dafür, wie ein Lied entsteht oder ein Theaterstück oder was auch immer ich schreibe. Man hat eine vage Idee davon, also es fängt erstmal mit dem Bedürfnis an, überhaupt ein Lied zu schreiben. Es gibt eine Idee: So könnte es gehen, darüber will ich reden. Es geht auch darum, ein Thema zu finden, das liedhaft ist und sich in Liedform besonders gut erzählen lässt, mit Strophen und Refrains, also mit musikalischen Gestaltungsmitteln. Und dann geht es darum, es immer mehr aus dem Nebel herauszulösen. <BR /><BR />Zuerst erkennt man es nur schemenhaft, und dann entsteht nach und nach „der David“. Ich gucke meistens, wie könnte ich das in Reimform erzählen. Oder ich schreibe erst mal auf, wie ich es sagen würde, auch ohne Reime. Und häufig sind da schon Reime drin, also ich finde Reime, die ich gar nicht gesucht habe. Das sind häufig die schönsten Reime, die sich organisch zufällig ergeben, weil sie dem natürlichen Sprachfluss folgen. Ich sage es genauso, wie ich es sagen würde, und es reimt sich. Und so gehe ich immer vom Groben ins Feine. Das ist ein wichtiger Motor bei mir, dass ich denke: Das geht bestimmt noch besser, das geht noch klarer, da gehe ich nochmals bei. Und diese Neugierde, sich stets aufs Neue von der deutschen Sprache überraschen zu lassen, die sorgt dafür, dass am Ende das entsteht, was entsteht.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1322550_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>L.Morgenstern: Wie viele noch nicht ganz fertig geschliffene „Davids“ haben Sie derzeit in der Schublade?</b><BR />Wartke: Oh, etliche. Ich habe schon ganz viel potenzielles Repertoire für mein nächstes Programm oder eben auch noch nicht ausformulierte Ideen. Ich weiß bei vielen Sachen schon: Da wird ein Song draus, der wird entstehen. Da habe ich ganz große Zuversicht, ganz großes Zutrauen, auch wenn ich jetzt noch nicht weiß, wie der Song beschaffen sein wird. Aber ich bin so überzeugt von der Idee, die Worte und die Reime werden sich finden, das haben sie immer getan. <BR /><BR /><BR /><b>Jonathan Delazer: Sie sprechen von Songs. Was sind Ihre musikalischen Leitsterne?</b><BR />Wartke: Da gibt es einige. Also, wo fangen wir an? Von den klassischen Komponisten auf jeden Fall Bach, Mozart, Beethoven und Chopin, aus unterschiedlichen Gründen. Bach gilt ja nicht umsonst als „das Alte Testament der Musik“. Er ist in meinen Augen hochmathematisch, die Form ist wahnsinnig streng, die er sich selber auferlegt – allein die Fugenform und die Polyphonie. Dass er als Komponist alle Regeln, die er sich selbst auferlegt, erfüllt und Musik dabei herauskommt, die unglaublich gut klingt und auch im Ohr bleibt, wie kriegt der das denn zusammen? Das ist ja maximal schwierig, und dann kommt sowas dabei raus! Und wenn man versteht, was der macht, kann man wirklich nur auf die Knie fallen und denken: Er ist der große Meister.<BR /><BR /><BR /><b>J. Delazer: Sie erwähnen Fugen als Form. Haben Sie solche Verfahren mal umgemünzt? T. S. Eliot hat das ja mal über Ezra Pounds „Cantos“ gesagt. Spielt es bei Ihnen eine Rolle, Fugenverfahren auf Texte zu übertragen, oder dienen sie zur Inspiration?</b><BR />Wartke: Also, der Spirit dahinter, jetzt nicht die Fuge als Form an sich, spielt eine Rolle, mir eine strenge Form aufzuerlegen und dann zu gucken: Schaffe ich das? Ohne Kompromisse machen zu müssen. Das finde ich ästhetisch total befriedigend. Das ist super nerdig, aber es bringt halt auch richtig Spaß, das zu schaffen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1322553_image" /></div> <BR /><BR /><b>J. Delazer: Und was begeistert Sie an Mozart?</b><BR />Wartke: Mozart hat eine ganz große kompositorische Raffinesse. Man merkt eben genau, wenn er für Klavier oder für andere Besetzungen komponiert, es [das Komponierte, Anm. des Verfassers] liegt immer unglaublich gut in der Hand. Man merkt: Das ist einfach total pianistisch gedacht. Und gleichzeitig ist da kein Ton zu viel und kein Ton zu wenig. Es sind eben Melodien für die Ewigkeit, die man einmal hört und nie wieder vergisst. Und die Eleganz, die das hat, sowohl melodiös als eben auch satzbautechnisch! Ich beschäftige mich ausführlich mit Mozart, weil ich ein neues Libretto zur „Zauberflöte“ schrieb, das in einer Neuinszenierung dieser Oper am Theater Heilbronn im nächsten Jahr Verwendung finden wird.<BR /><BR /><BR /><b>J. Delazer: Kommen wir zu Beethoven...</b><BR />Wartke: Ich vergleiche Beethoven gern mit Eminem, weil ich der Meinung bin: Was Beethoven für die klassische Musik war, war Eminem für Hip-Hop. Er kann den ganzen Oldschool-Hip-Hop. Die Art und Weise, wie er Reime setzt, wie er Motive verdichtet! Also, das ist letztendlich das, was Beethoven in der Musik gemacht hat. Das ist einfach so unglaublich raffiniert, und es gibt ein Davor und ein Danach. Das waren Wegmarken in der Geschichte der Musik. Beethoven hat alle, die danach kamen, unfassbar inspiriert, genauso hat Eminem das auch gemacht. Der ist einfach so eine Benchmark, was Reimstrukturen betrifft. <BR /><BR /><BR />Das muss man eben erst mal nachmachen, das kann auch fast keiner. Das ist einfach so toll. Den Horizont so zu erweitern und die Grenzen des vermeintlich Machbaren zu sprengen und zu sagen: Guck mal, dahinter ist noch eine ganz andere Welt. Diese als Erster zu betreten und da dabei zu sein und mitzukriegen, was ist denn noch alles möglich? Das hätte ich nie für möglich gehalten. So, das sind meine musikalischen Vorbilder. Und ich finde sie auch im Musikkabarett: Georg Kreisler, Heinz Erhardt und ein toller Freund und Kollege von mir, Sebastian Krämer.<BR /><BR /><BR /><b>L. Morgenstern: Und ab wann werden Worte zu Musik?</b><BR />Wartke: Ich behaupte, dass jedes Wort zu Musik werden kann. <BR /><BR /><BR /><b>L. Morgenstern: In jeder Sprache?</b><BR /><?Schrift SchriftWeite="97ru"> Wartke: Ja. Ich gehe beim Vertonen von Texten so vor, dass ich den Worten die Musik abzulauschen versuche, die ihnen bereits innewohnt. Ich bin der Meinung, dass jedes gesprochene Wort, jeder gesprochene Satz – vor allem dann, wenn er mit einem Gefühl unterfüttert ist – gewissen Parametern gehorcht. Ein Satz hat ein Tempo, einen Rhythmus, eine Dynamik, eine Phrasierung. Und all das hat Musik ja auch. Und diese Dinge versuche ich, mit der Musik „herauszudavidisieren“, um „zum David“ zurückzukommen, zu Michelangelo. Ich schaue, was schon da ist. Was bringt das Wort eh schon mit sich? Das möchte ich musikalisch zum Vorschein bringen und auf eine höhere Stufe heben, weil ich der Meinung bin, das gesungene Wort geht tiefer rein als das gesprochene.<BR /><?_Schrift> <BR /><BR /><b>L. Morgenstern: War das immer schon so? Sie waren einst Poetry-Slammer. Hatten Sie da auch schon den Ansatz, den Worten die ihnen innewohnende Musik abzulauschen?</b><BR /><?Schrift Spationierung="0ru"> Wartke: Beim Poetry Slam darf man keine Requisiten benutzen, dazu zählen auch Musikinstrumente, es sei denn, es ist dezidiert ein Song-Slam. Das Format hat es damals aber noch nicht gegeben. Ich habe auf einem Poetry Slam von Sebastian Krämer Texte von mir gesprochen, anstatt sie zu singen, und bin ins Stocken geraten. Mir fiel der Text eines Liedes nicht mehr ein, das ich hunderte Male gesungen hatte. So, und das liegt daran, dass mir der Text eines Liedes dann einfällt, wenn ich dazu eben alles andere auch mache, sprich: wenn ich singe, wenn ich mich selber am Klavier begleite. All das ist miteinander verknüpft. Sobald ein Element fehlt, gerät der Motor ins Stocken, anscheinend, weswegen ich Lieder auch lieber singe, anstatt sie zu sprechen.<BR /><?_Schrift> <BR /><BR /><b>J. Delazer: Mich interessiert die Ebene zwischen dem Pianistischen einerseits und dem Verbalen andererseits, wenn das simultan läuft. Gibt es da offene Prozesse oder sind sie eher geschlossen? Ist die Performance sozusagen ein durchgeplantes Ding von Anfang bis Ende, oder gibt es da offene Verfahren aus dem Jazz oder sonst woher?</b><BR />Wartke: Ich improvisiere wenig auf der Bühne, also wenig musikalisch. Mit den Leuten dafür umso mehr. Ich nehme gern das auf, was kommt aus dem Publikum oder was sich ereignet. Oder eben auch in Interaktion mit den Leuten. Was ich ganz gut kann, ist, bei bestimmten Stücken das Klavier so laufen zu lassen, meistens ein Boogie-Ostinato in der linken Hand oder so. Das kann ich ganz gut und darüber [über das Ostinato, Anm. des Verfassers] kann ich frei sprechen. Und das ist sogar relativ einfach. Also gerade wenn man Pianist ist, fragen die Leute immer: Was?! Wie geht das denn?! So eine Klaviatur ist ja dadurch, dass sie so ist, wie sie ist, in ihrer Symmetrie oder eben Nichtsymmetrie so beschaffen, dass man weiß, wo man ist, ohne dass man hingucken muss. Und das macht so was möglich, dass ich eben mit einer Hand weiter Klavier spielen kann, während ich ins Publikum schaue und mich mit den Leuten unterhalte.<BR /><BR /><BR /><b>L. Morgenstern: Mit welchem Werk steigen Sie in Ihre Show ein?</b><BR />Wartke: Mit „Die Lösung“.<BR /><BR /><BR /><b>J. Delazer: In welcher Tonart steht „Die Lösung“?</b><BR />Wartke: F-Dur. <BR /><BR /><BR /><b>J.Delazer: Passt zu Beethoven.</b><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1322556_image" /></div> <BR /><h3> Blick in den Bodo-Wartke-Kosmos</h3><BR />Wartke löste sein Versprechen ein und begann, als letzter Akt, am Abend der Preisverleihung des „Salzburger Stiers“ seine Show mit dem Lied „Die Lösung“. Der Text warf – konträr zum Zeigefinger des Titels – die zentralen gesellschaftspolitischen Probleme in das festliche Ambiente des Meraner Kurhauses, mit viel Ernst und noch mehr Humor. Die eigentliche Lösung hat der pfiffige Poet am Flügel dann dramaturgisch perfekt gewählt ca. 40 Minuten später im Schlusssong besungen. Bis dahin erzählte er in seinen Liedern Alltagsgeschichten, denen die großen Fragen der heutigen Zeit innewohnen – und Sprachwitz und ein bisschen Chaplin-Keaton-Mimik und die allerlängsten Worte, die es gibt, z.B. Rindfleischettikettierungsüberwachungsaufgabenübertagungsgesetz. <BR /><BR />Die neun dargebotenen Lieder Wartkes bestachen vor allem durch die Ausgewogenheit des Gesanglichen und Pianistischen, wobei die gesungenen Passagen immerzu verständlich blieben. Die Klavierästhetik erinnerte dabei stellenweise an den populären Boogie-Woogie-Stil à la Axel Zwingenberger. „1-2-3“, das zweite Stück des Abends, wanderte auf rubadeske Weise samt Publikumsinteraktionen durch lyrische Mollklänge. Wartke blieb den gesamten Abend bei schlichten Liedformen, die er ab und an mit bluesigen Anleihen sowie Glissanditönen versah. Das letzte Lied des Abends, „Überwunden“, führte über episodenhafte aufsteigende Modulationen der Tonart zu einem sonoren Schluss.