„200 Jahre Anton Bruckner – '... ist mehr als Musik'“ war das Motto der Veranstaltung am vergangenen Wochenende...<b>Von Barbara Fuchs</b><BR /><BR /><BR /><b>Felix Diergarten</b>, ein ausgewiesener Kenner von Leben und Werk Anton Bruckners und Verfasser einer aktuellen Biographie, antwortete auf die Frage eines Journalisten, welchen Wunsch er anlässlich dessen 200. Geburtstags hege, wie folgt: „Es wäre an der Zeit, Bruckners erste Symphonie nicht mehr als nullte zu bezeichnen sondern als annullierte Symphonie in d-Moll, aber beinahe noch wichtiger wäre es, die Rezeption, die sich im letzten und vorletzten Jahrhundert verfestigte, von falschen Zuschreibungen und Unmengen von Anekdoten zu entrümpeln, um ein authentischeres Bild dieses begnadeten Kirchenkomponisten und größten Symphonikers zwischen Beethoven und Mahler zu gewinnen.“Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Symposions Musik & Kirche der Stiftung Musik Brixen haben sich am vergangenen Wochenende intensiv mit unterschiedlichen Deutungen von Bruckners Leben und Werk auseinandergesetzt, ohne dabei auf das zu verzichten, was das Forschungsinteresse der Wissenschaft überhaupt erst antreibt: seine unvergleichliche Musik. <BR /><h3> Sakralität und Kunstreligion in den Symphonien Bruckners</h3><BR /><div class="img-embed"><embed id="1085217_image" /></div> <BR /><BR /><BR />Den Kieler Musikwissenschaftler <b>Siegfried Oechsle</b> treibt im Eröffnungsreferat die Frage um, ob sich die traditionellen Stereotype der Brucknerrezeption, die vorwiegend sozialer und religiöser Art sind, nach heutigen Kenntnissen noch halten lassen. Sind seine Symphonien ausschließlich als Spiegel seiner tiefen Frömmigkeit zu sehen, ist seine Hinwendung zu dieser Gattung samt ihrer religiösen Aufladung gewissermaßen einem Urknall vergleichbar, weil es anders bei dem „einfachen“, „erzkatholischen“, „zur Mystik neigenden“, im Leben allerdings etwas unbeholfenen Komponisten nicht zu erklären sei? <BR /><BR /><BR />Diesen Vorstellungen widerspricht Oechsles Ansatz, der dem ideengeschichtlichen, spätromantischen Phänomen der Kunstreligion mehr Beachtung schenkt und bisher übersehene Persönlichkeitsmerkmale als Kontrapunkte verstanden wissen will. Bruckners Werdegang vom Schüler in Sankt Florian, vom Organisten und Kirchenkomponisten zum Symphoniker verraten Zielstrebigkeit, Pragmatismus und Selbstsicherheit. Trotz nachweislicher sakraler Formelemente in Bruckners Symphonien wie Posaunenchöre und Choräle und der immer wieder kehrenden Satzbezeichnung misterioso – feierlich entspricht die formale Auslotung der Pole Affirmation und Abstraktion eher einer Kunstreligion, durch die eine Transzendenz hergestellt wird und ein größerer Erfahrungsspielraum eröffnet wird als bis dahin üblich und vertraut. <BR /><h3> Evolution, nicht Eruption – von der Kirchenmusik zur Symphonik</h3><BR />In eine ähnliche Kerbe schlägt <b>Fabian Freisberg</b>, der mit einer Arbeit über die „Kirchenmusik Anton Bruckners“ promoviert hat. Er korrigiert das Brucknerbild allerdings von der Seite der Kirchenmusik her, die oft als epigonal und provinziell abgetan wurde, weil sie dem Vergleich mit den späteren symphonischen Kompositionen angeblich nicht standhalte. Dem widerspricht Freisberg entschieden und zeichnet den Werdegang des Kirchenmusikers von seinen frühen Eindrücken im Stift Sankt Florian, der Beschäftigung mit der Musik der Alten Meister bis hin zur allmählichen Entwicklung zum Personalstil, etwa schon 1844 im ersten Messordinarium der Gründonnerstagsmesse, und 10 Jahre später mit der ersten großen Messe, der Missa solemnis, nach. <BR /><BR />„Die Fokussierung auf seine eigene Fähigkeit und die intensive Beschäftigung mit Musik haben sein Formbewusstsein geschärft und seinen Stil geprägt“, wie Freisberg mit Tonbeispielen eindrucksvoll belegt. Als Bruckner nach seiner Station als Domorganist in Linz 1868 nach Wien kam, hatte er seine Kompositionsstudien bei Simon Sechter absolviert und bereits 1863 seine erste „Studiensinfonie“ fertiggestellt. Bruckner war nicht „das eruptiv hervorbrechende Originalgenie“, vielmehr beschritt er einen evolutiven Weg hin zu seinem symphonischen Stil. Das Wiener Publikum hat ihm unter dem Einfluss des Musikkritikers Eduard Hanslick die Anerkennung zu Lebzeiten allerdings verwehrt. <BR /><BR /><BR /><b>Bruckner – Dichtung und Wahrheit</b><BR /><BR /><BR />Unter dem Titel „Alltägliche, nichtalltägliche Lebensabfolgen von Anton Bruckner“ hat der Südtiroler Kulturpublizist <b>C.F. Pichler</b> mittels zahlloser Details aus dem Leben Bruckners mit vielen vermeintlichen Tatsachen aufgeräumt. Er entlarvt die bürgerliche Scheinwelt Wiens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und erkennt in Hanslicks 1892 negativer Kritik aus heutiger Sicht eine Lobeshymne: „Es bleibt ein psychologisches Rätsel, wie dieser sanfteste und friedfertige aller Menschen im Moment des Componierens zum Anarchisten wird, der unbarmherzig alles opfert, was Einheit der Form und Tonalität heißt. Wie eine unförmliche glühende Rauchsäule steigt seine Musik auf.“ (1892) Bruckners Frömmigkeit und das Stereotyp des „Musikanten Gottes“ entspricht der propagandistischen Vereinnahmung des Komponisten, die ihn lieber zum „heiligen Künstler“verklärt hat als seine künstlerische Autonomie anzuerkennen, die Bruckner selbstbewusst einforderte. <BR /><h3> „Bruckner ist mehr als Musik“ (Rèmy Ballot)</h3><BR /><div class="img-embed"><embed id="1085220_image" /></div> <BR /><BR />Den Schlusspunkt des Symposions bildete ein überaus inspirierendes Referat und anschließendes Gespräch mit einem der bedeutendsten Brucknerdirigenten unserer Zeit: <b>Rèmy Ballot,</b> der vor einem Monat mit den Pilsner Philharmonikern mit Bruckners 5. Symphonie im Dom gastierte und von dem das titelgebende Zitat stammt. Er ist für den erkrankten Gründer der Sankt Florianer Brucknertage, Klaus Laczika, eingesprungen. Im Gespräch mit dem Journalisten Peter Kislinger erklärt er seine Begeisterung für Bruckner unter anderem mit dessen Anspruch, in einer „imperfekten Welt das Perfekte zu schaffen“ und durch die Aufhebung der Zeiteinheit etwa in den häufigen Tremoli eine „Ahnung von der Ewigkeit“ zu geben. In dieser Musik, die „ohne Ego auskomme“, werde Bruckner zum Diener eines großen Ganzen und erfasse alle Zustände des Menschen wie es keinem anderen gelinge. Seine Aufgabe als Dirigent sehe er darin, dem Zuhörer, der als Konsument komme, Bruckner erlebbar zu machen. Mit der Bezeichnung „erfüllte Ruhe“ wäre das Ziel dieser Auseinandersetzung umrissen. <BR /><h3> 2 Konzerte und Abschlussgottesdienst im Dom</h3><BR />Neben der Kirchenmusik und der Symphonik stellt die Orgelmusik einen dritten Schwerpunkt von Bruckners Œuvre dar. Während die monumentale Tonsprache seiner Symphonien die Zeitgenossen überforderte, reüssierte er als Organist und Improvisator und erlangte frühzeitig internationalen Ruhm, etwa bei Konzertreisen nach Frankreich, England und in die Schweiz. <b>Hansjörg Albrecht</b> spielte die Rekonstruktion einer Bruckner-Improvisation, die Fantasie in C-Dur, ein posthum entdecktes Werk von Olivier Messiaen, „Offrande au Saint Sacrement“, und die Orgelfassung von Bruckners Studiensinfonie aus dem Jahr 1863. <BR /><BR /><b>Frieder Bernius</b> und der <b>Kammerchor Stuttgart</b> sind in Brixen keine Unbekannten mehr. Gemeinsam mit den <b>Bläsern der klassischen Philharmonie Stuttgart</b> interpretierten sie die Messer Nr. 2 in e Moll. Eröffnet wurde das Konzert mit Arvo Pärts meditativer Vertonung des „Da pacem Domine“ und 3 der bekanntesten Motetten Bruckners. Höchste Stimmkultur, gestalterische Intensität bei betont langsamer Tempogestaltung vermochten dabei jene Ahnung von der Ewigkeit zu vermitteln, auf welche die vorangegangenen Referate verwiesen hatten. <BR /><BR /><BR /><b>Nächster Termin:</b><BR /><BR />19.10., 18 Uhr, Dom Brixen – Joseph Haydn Oratorium „Die Schöpfung“