Giorgio Battistelli hat mehr als 30 Opern komponiert mit Stoffen, die er unter anderen den Dramen von Shakespeare, den Romanen von Ernst Jünger, der Antike, der Filmwelt und der Mode entnommen hat. Seine avantgardistische Oper „Experimentum Mundi“ wurde hunderte Male mit Schauspielern wie Bruno Ganz und Philippe Leroy weltweit aufgeführt. 2022 erhielt Giorgio Battistelli den Goldenen Löwen der Biennale Venedig für sein Lebenswerk. Im Juni 2023 wurde die Uraufführung der Oper „Il Teorema di Pasolini“, an der Deutschen Oper in Berlin von Kritik und Publikum gefeiert. <BR /><BR />Ab der Spielzeit 2024/25 kuratiert Giorgio Battistelli zusätzlich zum Konzertprogramm die Opernsaison der Stiftung Haydn von Bozen und Trient. Er tritt damit die Nachfolge von Matthias Lošek an. <BR /><BR />Maestro Battistelli, anlässlich der Vorstellung der Konzert- und Opernsaison haben Sie Unvorhersehbares, Überraschendes angekündigt. Das Opernprogramm ist tatsächlich anders ausgefallen, als man es sich erwartet hätte. Warum dieser Bruch mit den vergangenen neun Jahren? <BR /><BR />Giorgio Battistelli: Dahinter stehen grundsätzliche Entscheidungen. Die Stiftung Haydn und Matthias Lošek haben sich in den vergangenen Jahren hauptsächlich auf die zeitgenössische Oper konzentriert. Das bedeutet eine starke Einschränkung. Deshalb haben wir in der kommenden Saison das Angebot breit gestreut, vom Barock bis zum 20. Jahrhundert. Wir möchten keine musikalische Insel sein, sondern ein Archipel und wünschen uns Zuhörer, die sich in diesem Archipel auf eine musikalische Reise begeben. <BR /><BR />Dieser Archipel, um bei Ihrem Bild zu bleiben, ist nicht sehr groß. Es erwarten uns 4 Opernabende von 5 Komponisten: Schönberg, Puccini, Rossini, Maderna und Händel. Ist weniger mehr?<BR /><BR />Battistelli: Institutionen werden heute an Zahlen gemessen, sie sollten möglichst viel anbieten. Ein umfangreicher Spielplan wird gleichgesetzt mit Effizienz. Die meisten Opernhäuser in Italien haben pro Saison 8 bis 10 Aufführungen in ihrem Programm. Die Stiftung Haydn kann im Sinne des Umgangs mit Ressourcen und im Sinne der Nachhaltigkeit nicht mehr als 4 Opernabende anbieten. <BR /><BR />Auch keine Oper des 21. Jahrhunderts?<BR /><BR />Battistelli: In der kommenden Saison ist keine dabei. Das bedeutet nicht, sie komplett zu streichen. Das hätte keinen Sinn. Die Stiftung Haydn muss die zeitgenössische Oper in Zukunft beibehalten, denke ich. Im Moment wollen wir das Vertrauen des Publikums mit einem breit gefächerten Angebot gewinnen. Viele der heutigen Kompositionen vertreiben das Publikum. <BR /><BR />Das sagen ausgerechnet Sie als einer der anerkanntesten Komponisten der Gegenwart?<BR /><BR />Battistelli: Ich bin der Überzeugung, dass zeitgenössisch nicht unbedingt modern bedeuten muss. Viele zeitgenössische Werke kommen traditionell und wenig innovativ daher. Modern kann hingegen sein, wie ein älteres Werk interpretiert wird. Mich interessieren heutige Interpretationen. Dirigenten wie Ottavio Dantone oder Kent Nagano interpretieren zum Beispiel ältere Werke für ein zeitgenössisches Publikum. <BR /><BR />Sie scheinen auch eine heutige Regie sehr zu schätzen. Der Regisseur und Bühnenbildner Fabio Cherstich wird für 2 Jahre Artist in Residence der Stiftung Haydn sein. Cherstich ist für seine interdisziplinären und multimedialen Filmarbeiten und Inszenierungen bekannt; auch die klassische Oper möchte er unterschiedlichsten Publikumsschichten nahebringen. In Trient wird Cherstich Gioachino Rossinis „Il Barbiere di Siviglia“ inszenieren…<BR /><BR />Battistelli: Fabio Cherstich wurde deshalb eingeladen, weil die Stiftung Haydn über die Musiker hinaus auch andere Künstler beherbergen möchte. In den kommenden 2 Jahren einen Regisseur, in Zukunft einen Komponisten, warum nicht auch einen Dichter, einen bildenden Künstler? Wäre eine Dichterresidenz nicht wunderschön? Oder eine Malerresidenz? Das Orchester sollte zur Inspirationsquelle werden, für die Beziehungen zwischen den Menschen, für die Beziehungen zum kulturellen und künstlerischen Umfeld. <BR /><BR />Als Komponist sind Sie selbst Künstler. Wie sehr hat Ihr Künstlersein Einfluss auf die Programmgestaltung? <BR /><BR />Battistelli: Es hat einen wesentlichen Einfluss. Man könnte meinen, dass Komponieren und künstlerische Leitung einander ausschließen würden. Dem ist nicht so. Ich kann beides vereinen, weil ich die Programmgestaltung als künstlerischen Akt sehe. Ich sehe das Programm als Komposition, höre die Assonanzen, den Klang, die Phrasierungen. Nach außen mag das unsichtbar bleiben. Aber ein Orchesterleiter merkt die Leidenschaft, die dahintersteckt. <BR /><BR />Vor vielen Jahren hat mir Hans Werner Henze die künstlerische Leitung des von ihm erfundenen Festivals von Montepulciano angetragen. Ich dachte, er wolle mich provozieren. Er war jedoch tatsächlich von meiner Eignung für diese Aufgabe überzeugt. <BR /><BR />Zuletzt hatten Sie von 2020 bis 2023 die künstlerische Leitung des Puccini-Festivals in Torre del Lago inne. Warum haben Sie aufgehört?<BR />Battistelli: Um hier meine Aufgabe für die Stiftung Haydn zu übernehmen. Puccinis Oper „Gianni Schicchi“ wird in Kombination mit Schönbergs „Pierrot Lunaire“ die Saison eröffnen, als Hommage an den Komponisten zu dessen 100. Todestag im November. Als Hommage auch an Puccinis Modernität. <BR /><BR />Als chronologisch jüngste, „modernste“ Oper haben Sie Bruno Madernas „Satyricon“ aus dem Jahre 1983 auf das Programm gesetzt. Warum ausgerechnet Maderna?<BR /><BR />Battistelli: Maderna war einer der Väter der europäischen Avantgarde. Er war der italienische Komponist mit dem größten Einfluss auf die „Darmstädter Schule“. Ich habe „Satyricon“ gewählt, weil es eine performative Oper ist; sie steht für stilistische Vielfalt, auch sprachliche Vielfalt, sie zitiert eklektizistisch aus dem Musical genauso wie aus der Klassik. Maderna hat als Komponist alle musikalischen Genres in sich aufgenommen. <BR /><BR />Und ist beinahe gänzlich verschwunden aus den Konzert- und Opernprogrammen…<BR /><BR />Battistelli: Das ist eine wichtige Beobachtung. Sie wirft Fragen auf nach unserem Umgang mit den großen künstlerischen Erfahrungen der 60er, 70er, 80er Jahre. Wollen wir sie vergessen oder sollen wir sie wieder anbieten? Ich bin überzeugt, dass die Jahre zwischen 1960 und 1985 die grundlegende Epoche für die europäische Neue Musik waren. Was in dieser Zeit produziert wurde, konnte seither nie mehr wiederholt werden. Denken Sie an Stockhausen, an Kagel, Boulez, Berio, Nono, Xenakis… Diese Musik stand mitten in ihrer Zeit. Sie engagierte sich gesellschaftspolitisch. Die Komponisten gingen in die Fabriken, machten Musik für die Arbeiter. Penderecki schrieb „Hiroshima“, um vor der Gefahr der Atombombe zu warnen. Alles Themen, die uns fremd geworden zu sein scheinen. <BR /><BR />In Ihrer 1981 uraufgeführten avantgardistischen Oper „Experimentum Mundi“ machen Handwerker mit ihren Gerätschaften auf der Bühne Musik. Werden wir in Bozen Gelegenheit haben, eine Ihrer Opern zu hören? Nicht die großen, teuren, anspruchsvollen, aber vielleicht eine Kammeroper, ein multimediales kürzeres Werk?<BR /><BR />Battistelli: Sobald mich die Stiftung Haydn entlassen hat (lacht). Spaß beiseite, das wäre völlig kontraproduktiv. Ich weiß, dass es eine verbreitete (Un-)Sitte ist, Eigenes unterzubringen. Das nicht zu tun, ist für mich ein ethisches Prinzip. Der italienische Musikbetrieb ist sehr korrupt. Ich habe immer versucht, mich herauszuhalten. Mich nie auf Kompromisse eingelassen. Das gibt mir Freiheit und Unabhängigkeit. Ich kann Werke und Künstler auswählen, ohne bestimmte Interessen berücksichtigen zu müssen, ohne an Abkommen gebunden zu sein. Mein einziges Abkommen habe ich mit der Stiftung Haydn. <BR /><BR />Gibt es etwas in Ihrer Tätigkeit für die Stiftung Haydn, das Ihnen besonderes Kopfzerbrechen bereitet?<BR /><BR />Battistelli: Kopfzerbrechen bereiten mir die Unterschiede zwischen Bozen und Trient. Eigentlich müsste ich 2 unterschiedliche Programme machen für sehr verschiedene Erwartungshorizonte. <BR /><BR />Worin sehen Sie diese großen Unterschiede?<BR /><BR />Battistelli: Anthropologisch, kulturell. In der Beziehung des Orchesters zum Ort, in der Empathie für das Territorium. Hier in Bozen ist das Zugehörigkeitsgefühl viel stärker ausgeprägt. Das Publikum ist ein anderes. Hier stelle ich eine große Aufnahmebereitschaft fest, musikalische Bildung, eine große Kultur des Zuhörens. Ein banales Beispiel: Nach den Aufführungen in Südtirol gibt es kaum jemanden, der während des Applauses davonrennt, wie das in 80 Prozent der italienischen Opern- und Konzerthäuser der Fall ist. In Trient ist das Publikum sehr zerstreut. Dort müssen wir einen Weg finden, mehr zu werden als eine der unzähligen kleinen Zutaten zu den großen Events wie dem Ökonomie- oder Sportfestival. <BR /><BR />Fühlen Sie eine erzieherische Mission?<BR /><BR />Battistelli: Ich würde es anders ausdrücken. Wir dürfen nicht zu eng denken. Wir müssen weiterdenken als nur daran, wie und von wem ein bestimmtes Werk aufgeführt wird. Wir Menschen haben uns verändert, unser Gehör hat sich verändert. Wir müssen den Veränderungen Rechnung tragen. Wir haben als Stiftung Haydn nichts weniger als den Anspruch, neue Horizonte des Hörens zu schaffen und neue Horizonte in den Beziehungen der Institution zur Umgebung. Ich möchte betonen, dass mir das sehr wichtig ist.<BR /><BR />Wird die Oper inmitten der Veränderungen der Menschheit ihren Platz behaupten? <BR /><BR />Battistelli: Gerade die Oper ist in ständiger Entwicklung begriffen, sie ist mit ihren Überschneidungen zum Sprechtheater, zur Performance, zum Tanz, tatsächlich ein „Experimentum mundi“. Seit Monteverdi, seit 400 Jahren, wandelt sie sich und vermag nach wie vor tief zu berühren, unvergleichlich stärker als zum Beispiel ein Film. Sie ist ein Destillat aus Gefühlen, Erzählungen, Mythen, Tönen und Bildern. Die Oper ist wahrscheinlich die größte kulturelle Erfindung der Menschheit. <BR /><BR />Zur Person<BR /><BR />Als einer der wichtigsten Komponisten dieser Zeit ist Giorgio Battistelli (Albano Laziale, 1953) seit September 2021 künstlerischer Leiter des Haydn Orchesters. Nach seinem Studium bei Karlheinz Stockhausen und Mauricio Kagel machte er 1978 seinen Abschluss am Konservatorium in L’Aquila. Zahlreiche Orchester-Produktionen tragen seine Handschrift. Als künstlerischer Leiter war er bei bekannten Institutionen in Italien und im Ausland tätig. 2022 verlieh ihm die Biennale von Venedig den Goldenen Löwen.<BR /><BR />Hintergrund: Die Autobiografie<BR /><BR />Die Autobiografie, erschienen 2023, ist als Dialog gestaltet: Er erzählt seine Geschichte Salvatore Sclafani, einem jungen Musiker. Die Lesenden tauchen in die Werkstatt des Komponisten ein und erleben gleichzeitig die Geschichte der zeitgenössischen Musik. Dieses Buch ist das erste Werk, in dem sich Battistelli zu seinem Schaffen und zu den verschiedenen Facetten seiner Existenz äußert – sein musikalisches Schaffen, seine künstlerische Leitung, aber auch sein Studium, seine Ausbildung und seine Kontakte mit Komponisten, Künstlern und Intellektuellen, die seinen Weg geprägt haben. Es handelt sich um eine Reflexion über die Aktualität der Musik in Italien, über den Goldenen Löwen für das Lebenswerk, der ihm im September 2022 verliehen wurde, bis hin zu einer Reise durch Bilder und Anekdoten seiner Kindheit und Jugend und zur persönlichen Erinnerung an entscheidende Persönlichkeiten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Musik und darüber hinaus.<BR /><BR />Buchtipp: Giorgio Battistelli: Per moto contrario. Autobiografia in forma di conversazione. Libreria musicale italiana 2023. Bestellen: www.athesiabuch.it