<b>Von Ida Walder</b><BR /><BR />Das Doppelkonzert für Klarinette, Trompete und Orchester, geschrieben für Andrea Götsch und Bertold Stecher, tritt in einen lebendigen Dialog mit Mahler und Bach – eine Konfrontation von musikalischen Epochen, aber auch von Haltungen zur Welt.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1224009_image" /></div> <BR /><BR /><b>„Was treibt uns auf den Weg ins Unbekannte? Es ist der gemeinsame Traum vom Paradies“, sagen Sie. Was kann man sich unter diesem Motto musikalisch vorstellen?</b><BR />Gerd Hermann Ortler: Die Sache ist: Ich habe einen Anruf von Berthold Stecher bekommen. Er ist einer der beiden Solisten und hatte die Idee, dass ich für ihn und Andrea Götsch– sie spielt bei den Wiener Philharmonikern – ein Doppelkonzert schreiben könnte. Also ein Stück für Klarinette, Trompete und Orchester für die beiden Südtiroler Philharmoniker. Dann habe ich begonnen nachzudenken: Wie finde ich meinen Zugang dazu? Für mich ist es beim Komponieren wichtig, etwas Persönliches zu finden. Auch wenn es ein Auftrag ist, muss ich ein Thema wählen, das mich selbst betrifft – nur so kann wirklich authentische Kunst entstehen. Und da bin ich draufgekommen, was uns verbindet: die Reise.<BR /><?Schrift Spationierung="0ru"> <BR />Die Reise vom kleinen Kind, das zum ersten Mal ein Instrument in der Hand hält, bis hin zum ausgebildeten Musiker, der auf einer großen Bühne irgendwo auf der Welt steht. Diese Reise ist für mich eine „Expedition to Paradise.“ Dabei ist das Paradies kein Ort mit Palmen oder pausbäckigen Engeln, sondern ein Ort, den wir uns selbst erschaffen – durch Klang, durch unsere Musik, durch Begegnung. Ein Ort, an dem Menschen miteinander verbunden sind und an dem die ganze Welt zur Heimat werden kann. Das ist für mich dieses utopische Paradies, um das es am Ende des Tages, glaube ich, uns allen immer geht.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1224012_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><BR /><?_Schrift> <b>Wie gestaltet sich dabei Ihre Zusammenarbeit mit der Südtirol Filarmonica – was macht das Orchester besonders?</b><BR />Ortler: Erstens ist die Initiative der Südtirol Filarmonica für mich von unschätzbarem Wert, weil sie Südtiroler Musikerinnen und Musiker, die auf der ganzen Welt in Orchestern spielen, einmal im Jahr zusammenbringt. Das bedeutet, dass Perspektiven und Erfahrungen aus dem Ausland in die Region zurückfließen – und gleichzeitig diese Musikerinnen und Musiker als Botschafter Südtirols in der Welt wirken. Es ist also wie ein kulturelles Fenster, das in beide Richtungen geöffnet ist. Was die Zusammenarbeit für mich besonders macht, ist, dass wir einfach auf einer Wellenlänge sind. Wir teilen die Überzeugung, dass man von dem, was außerhalb Südtirols passiert, lernen und profitieren kann – dass Einflüsse von außen keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung sind. Wenn man Augen, Ohren und Herzen offen hält für das Schöne von außen und das mit dem verbindet, was man selbst an Gutem hat, dann wird das Eigene nur noch wertvoller. Ein weiterer wichtiger Aspekt, den ich an dem Projekt besonders schätze, ist, dass dieses Orchester jungen, aufstrebenden Südtiroler Talenten die Möglichkeit gibt, auf großen Bühnen – wie jetzt wieder im Wiener Konzerthaus – zu spielen. Es ist quasi ein Sprungbrett für junge Musikerinnen und Musiker, um sich international zu zeigen.<BR /><BR /><BR /><b>Und wie gestaltet sich Ihr kreativer Prozess beim Komponieren?</b><BR />Ortler: Einerseits ist der Beruf des Komponisten ein sehr einsamer. Wenn ich an einem Werk schreibe, sehe ich manchmal tagelang niemanden außer vielleicht die Frau aus dem Supermarkt. Man muss da wirklich aufpassen, dass man nicht verrückt wird – diesen Wahnsinn teilt man wohl mit vielen anderen Künstlern. Komponist zu sein, ist ein ziemlich exotischer Beruf. Viele können sich gar nicht vorstellen, was man da eigentlich tut. Dabei ist es ein sehr disziplinierter Prozess. Es gibt verschiedene Phasen: Am Anfang steht die Recherche, dann das Hineinspüren ins Thema, danach entsteht ein grober Fahrplan. In meinem Arbeitszimmer habe ich eine große Wand, an der ich wie ein Storyboard alles anordne – Bilder, Strukturen, Gedanken. So entsteht eine Art Roadmap, an der ich mich orientieren kann. Von dort an wird es zur strukturierten Arbeit: Themen finden, verweben, entwickeln – bis sich daraus eine Geschichte formt. Natürlich braucht man auch das Abenteuer, den Kick. Ich bin, wie viele kreative Menschen, eher ein Spätstarter – manchmal wird’s dann wild, chaotisch, fast schlaflos. Aber genau das gehört dazu: Es ist strukturierter, als man glaubt, und gleichzeitig viel wilder, als man denkt. Und das ist ganz wichtig – dass man an seine Grenzen geht. Komponieren ist ein ständiges Feld von Entscheidungen, eine Kette von Entscheidungen. Ich hasse Entscheidungen. Aber man muss sie treffen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1224015_image" /></div> <BR /><BR /><b>Spielt Ihre Herkunft beim Komponieren manchmal eine Rolle?</b><BR />Ortler: Ich lebe mittlerweile zwar schon länger in Wien als in Südtirol, aber ich bin immer wieder gern dort. Südtirol ist für mich ein Ort, zu dem man zurückkommen kann – ein Kontrapunkt zur internationalen Karriere. Und gerade dadurch hat dieser Ort immer wieder Einfluss auf meine Kompositionen.Wenn man so will, ist Südtirol für mich ein Rückzugsort, ein Ort des Aufladens. Aber wenn es bei der Frage um den Begriff Heimat geht, dann muss ich ehrlich sagen: Heimat ist für mich dort, wo meine Musik ist. Also nicht an geografische Koordinaten gebunden, sondern an Klang. Kurz gesagt: Heimat ist dort, wo Musik ist.<BR /><BR /><BR /><b>Stehen Sie in Kontakt mit Südtiroler Musikerinnen und Musikern?</b><BR />Ortler: Ich habe eigentlich nicht besonders viel Kontakt zu Südtiroler Musikerinnen und Musikern. Aber das hat weniger mit Distanz zu tun, sondern einfach damit, dass es für mich kein „Länderding“ ist. Wie ich vorhin schon gesagt habe: Ich empfinde Herkunft nicht als Verpflichtung. Ich habe Freunde in Japan – nicht, weil ich international sein möchte, sondern weil sich Begegnungen einfach so ergeben. Ich gehe also nicht zu Südtiroler Treffen, nur weil sie stattfinden. Wenn jemand dort ist, den ich kenne und gerne wiedersehen möchte, dann gehe ich hin – aber nicht, weil ich Südtiroler bin, verstehst du? Und trotzdem: Ich halte Knödel, Speck und all das natürlich in höchsten Ehren – und ich werde sie bis zu meinem letzten Blutstropfen verteidigen. Aber im Grunde ist die Welt ein großer Knödel. Die Welt ist ein Knödel.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1224018_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wenn in einem Konzert Mahler und Bach auf dem Programm stehen – beeinflusst Sie das beim Komponieren?</b><BR />Ortler: In dem Sinn nicht wirklich. Ich bin es gewohnt, dass meine Stücke oft in Kombination mit anderen Komponisten gespielt werden. Oft war es mir gar nicht so wichtig, mit wem das kombiniert wird. In diesem Fall habe ich es aber schon verfolgt – und ich muss sagen: Mahler ist überhaupt ein Komponist, der mich zutiefst inspiriert, schon seit sehr langer Zeit. Und Bach ebenso. Das sind wirklich zwei große Vorbilder für mich. Mit ihnen in einem Programm zu stehen, ist eine absolute Ehre.<BR /><BR /><BR /><b>Ihre Kompositionen bewegen sich dabei zwischen Jazz, klassischer Musik und zeitgenössischen Elementen. Wie finden Sie die Balance zwischen diesen Welten?</b><BR />Ortler: Ich glaube, in der heutigen Zeit – wenn wir über den Begriff zeitgenössisch sprechen – muss man ihn zuerst einmal definieren. Für mich bedeutet zeitgenössisch nicht nur das, was gerade jetzt geschaffen wird, sondern auch die Ästhetik und Verfügbarkeit einer Zeit. Wir leben heute in einer Epoche, in der Musik aus allen Stilrichtungen und Jahrhunderten jederzeit verfügbar ist – auf dem Handy, im Internet, überall. Das heißt, wir haben das größte Buffet der Musikgeschichte frei zugänglich. Es gibt nicht mehr diesen einen Strom, wie etwa in der Wiener Klassik, sondern eine Gleichzeitigkeit der Stile. Und das bedeutet für Künstlerinnen und Künstler – nicht nur für Komponisten –, dass ein Teil der Kunst heute darin liegt, mit dieser überwältigenden Vielfalt umzugehen. Man muss lernen, mit dieser Fülle zurechtzukommen, ohne sich darin zu verlieren. Ich persönlich versuche, allem zu begegnen, was mir entgegenkommt, und zu schauen, was ich davon brauchen kann. Aus diesem riesigen Klangbuffet, diesem musikalischen Universum, versuche ich, mein eigenes kleines Universum zu bauen – etwas ganz Persönliches.Es geht mir dabei nicht darum, verschiedene Stile zu mischen oder nachzuahmen, sondern etwas zu schaffen, das wirklich mein Eigenes ist. Ich denke nicht in Stilen. Der Stil bin ich.<BR /><h3> Termine und Programm</h3><BR /><b>Werke:</b><BR />Gustav Mahler (1860–1911) Sinfonie Nr. 10 – Adagio (1910) <BR /> Johann S. Bach (1685–1750) /Anton Webern (1883–1945) Fuga „Ricercata“ a 6 voci (1935) <BR />Gerd Hermann Ortler „Expedition to Paradise“ – Doppelkonzert für Klarinette, Trompete und Orchester (2025) – Uraufführung<BR /><BR /><BR /><b>Termine:</b><BR /> 10.10., 20.30 Uhr, Gustav-Mahler-Saal Toblach –<BR />11.10., 19 Uhr, Konzerthaus Bozen –<BR />12.10., 15.30 Uhr, Kursaal Meran <BR />13.10., 19.30 Uhr , Konzerthaus Wien