<b>Von Pierluca Lanzilotta</b><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1055715_image" /></div> <BR />Die Haydn Stiftung und ihr Präsident <b>Paul Gasser</b> möchten mit dieser Ernennung ein starkes Zeichen in Richtung Europa setzen. Olivier Dubois ist dem Publikum von Tanz Bozen schon seit gut 10 Jahren bekannt (9 Produktionen zwischen 2013 und 2024), Anouk Aspisi bringt mit ihrer jahrelangen Erfahrung im Fundraising und Management wesentliche Kompetenzen für die Weiterentwicklung des Festivals mit.<BR /><BR />Die Rolle eines Fährmanns „mit 2 Köpfen“ möchte das neue Führungsduo übernehmen, der hilft, ein etabliertes und erfolgreiches Gut in die Zukunft zu lenken. Der Tanz „führt uns den Wandel des Lebens vor Augen und ahnt den Lauf der Welt voraus“, deshalb solle das Festival die Funktion eines „künstlerischen und gesellschaftlichen Forschungslabors“ erfüllen, das „die ganze Stadt mit einbezieht und ein neues Band mit ihren Bürgerinnen und Bürger knüpft“, sind sich die beiden Leiter einig.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1055718_image" /></div> <BR /><BR />Mit Respekt treten sie ihre neue Funktion an und sind sich bewusst, dass „wir nicht da sind, um die Welt zu retten – aber wir können im Kleinen unseren Beitrag dazu leisten. Doch nur die Zusammenarbeit aller trägt zu einem großen Ergebnis bei.“ Auf jeden Fall sprühen Dubois und Aspesi vor Kraft, Energie und Lebendigkeit. Ihre Freude wirkt echt, auch ihr Interesse an ihrer Arbeit hierzulande. Gespannt wollen sie alle Ecken erkunden und auch so oft wie möglich vor Ort sein. Gleichzeitig sind sie sich bewusst: „Man muss die Sachen ernsthaft machen, ohne sich selbst ernst zu nehmen.“<BR /><BR />Man darf gespannt sein. Jedenfalls bricht eine neue Tanz-Ära an. Doch, all das wäre nicht so leicht möglich gewesen, ohne die gute Vorarbeit vom scheidenden Künstlerischen Leiter <Fett>Emaunele Masi</Fett>. Hut ab vor seiner Entscheidung nach 10 Jahren das Ruder abzugeben, nicht weil er dazu gedrängt wurde, sondern gerade weil er „das Festival lieb hat“ und neuen Ideen Platz machen will. <BR /><h3> Das Duo</h3><BR /><div class="img-embed"><embed id="1055721_image" /></div> <BR /><BR /><b>Anouk Aspisi</b> (Montpellier, Südfrankreich) ist studierte Politikwissenschafterin und Kulturmanagerin und arbeitete bisher unter anderem beim französischen Kulturministerium, am Institut français d’Italie und an der Accademia Santa Cecilia in Rom, kennt sich also auch mit italienischen Verhältnissen bestens aus.<BR /><BR /><BR /><b>Olivier Dubois</b> (Colmar, Elsass) wurde 2011 von der Zeitschrift „Dance Magazine“ zu einem der besten Tänzer der Welt gekürt. 2006 begann er, selbst zu choreografieren und kann seitdem eine beeindruckende Anzahl an Preisen vorweisen. Er hat unter anderem mit dem Festival von Avignon, Les Ballets de Monte-Carlo und dem Ballet National de Marseille gearbeitet. Zu seinen erfolgreichsten Stücken gehören „Faune(s)“ nach Nijinskys historischer Choreografie zu Debussys „Après-midi d’un faune“ (Avignon 2008), „Tragédie“ (Avignon 2012) und „Come out“ (Ballet de Lorraine 2019).<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1055724_image" /></div> <BR /><BR /><BR />Bei Tanz Bozen war Olivier Dubois schon insgesamt neunmal zu Gast: „Tragédie“ (2013), „Les Mémoires d’un seigneur“ (2015), „7xRien“ (2017), „Tropismes“ (2019), „My body of coming forth by day“ (2019), „Swan Blast“ (2019), „Come out“ (2021), „Prêt à baiser/ Sacre #1“ (2021), „For Gods Only/Sacre #3“ (am 23.7.2024 uraufgeführt). Das letztgenannte Werk bildet den letzten Teil von Dubois' Trilogie über Stravinskijs „Frühlingsopfer“ (Paris 1913), einen Meilenstein der Musik- und Tanzgeschichte, der am vergangen Dienstag (sieh Rezension Kulturseite vom 25.7.2024) live vom Haydn Orchester (Dirigent Timothy Redmond) unter tosendem Applaus des Publikums und mit mit einer fulminanten Leistung des Klangkörpers sowie der Solotänzerin Marie-Agnès Gillot aufgeführt wurde.<BR /><BR /><BR />Was das Leitungsduo nun in den nächsten 3 Jahren in Bozen vor hat, warum das zeitgenössische „kleine“ Tanzfestival inmitten der Alpen so interessant ist und wie es Dubois und Aspesi gestalten wollen, erklären sie im Gespräch. <BR /><h3> Fragen an das Duo</h3><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1055727_image" /></div> <BR /><b>Was waren die entscheidenden Gründe für Ihre Bewerbung für das Tanzfestival in Bozen? Erhoffen Sie sich dadurch, Ihre künstlerischen Vorstellungen ungehindert umzusetzen, was in einem „großen“ Festival wahr- scheinlich nicht möglich wäre?</b><BR />Olivier Dubois:Tanz Bozen ist die passende Größe. Wenn es zu groß ist, wird Ihnen das Messer an die Kehle gesetzt. Wenn es zu klein ist, ist das Überleben so gut wie unmöglich. Das Bozner Modell ist richtig, es hat viele Verwandlungsmöglichkeiten. Es ist, als hätte man einen Gegenstand in der Hand und würde ihn drehen, um ihn von verschiedenen Seiten zu beleuchten. So braucht man keine umwerfenden Veränderungen, weil man schon alles parat hat, was man braucht. Dazu hat man hier ein ganzes, vortreffliches Orchester zur Verfügung! (Wie man bei der Aufführung des „Frühlingsopfers“ hatte zur Genüge feststellen können, Anm. der Redaktion). Noch dazu kann man hier auf einer 40-jährigen Tätigkeit und insbesondere auf der von unserem Vorgänger Emanuele Masi hervorragend geleisteten Arbeit aufbauen. Anouk und ich, wir werden – so wie der Zuschauer und die Zuschauerin auch – uns die Frage stellen, warum muss ich nach Bozen kommen? Daher müssen wir etwas Außerordentliches anbieten, etwas, das man vergeblich bei anderen Festivals suchen würde. Ich werde die Künstlerinnen und Künstler fragen: Was würden Sie hier gerne machen? Am Wichtigsten wird aber die Leidenschaft sein, die sie mitbringen. Unser Ziel wird sein, auch nur eine einzige Stunde im ganzen Festival zu haben, worüber alle sagen können: Für diese eine Stunde hat es sich gelohnt, nach Bozen zu kommen. Dieses Festival erlaubt all das. Es wird auch richtig sein, eine gewisse räumliche Entfernung zu bewahren (das Künstlerduo wird nicht nach Südtirol umziehen, aber so oft wie möglich vor Ort sein, Anm. der Redaktion): Das wird uns helfen, den Überblick zu behalten. Am Ende habe ich jedenfalls das Angebot angenommen, weil ich dieses Land liebe. Ich könnte nie in einem Ort arbeiten, den ich nicht liebe, bzw. wo ich keine Geschichte habe. Und in Südtirol habe ich mich seit meiner ersten Produktion hier (vor 11 Jahren, Anm. des Verf.) sofort verliebt. <BR /><BR /><BR /><b>Wie schätzen Sie die Bedeutung des Festivals Tanz Bozen im internationalen Kontext ein?</b><BR />Dubois: Wir werden nicht versuchen, mit den großen Festivals wettzueifern, sondern ganz einfach die Exzellenz anstreben. Heutzutage sind sämtliche Festivals europaweit in trüben Gewässern. Wollte man dieselben Karten ausspielen wie die „großen“ Festivals, wäre man schnell am Boden. Hier in Bozen muss man sich um die Einzigartigkeit bemühen. Bozen soll ein Ort sein, wo man sich am Vormittag zum Trinken, Essen, Plaudern, Feiern trifft und dann am Abend bei der Tanzveranstaltung gerne wiedersieht. So wird auch soziale Inklusion gefördert: Wir wollen mit allen Südtirolern und Südtirolerinnen ins Gespräch kommen und mit Menschen zusammenarbeiten, die bislang „kunstfern“ gelebt haben. Wir wollen in Menschen investieren, die hier leben und nicht ins Theater gehen, anders als die Vermögenden, die von weit weg hierhergekommen sind.<BR /><BR /><BR /><b>Können Sie einige Ihrer Vorhaben für diesen Dreijahreszeitraum nennen?</b><BR />Dubois: Zunächst möchte ich betonen, das ich nicht zu den Künstlern gehöre, die aus dem Festival, das sie leiten, ihren eigenen Resonanzraum machen. Ich werde höchstens in meinem letzten Jahr als künstlerischer Leiter eine Produktion von mir bieten – vielleicht eine Oper in Zusammenarbeit mit dem Haydn Orchester. Ich möchte vielmehr aus diesen 3 Jahren eine Art Trilogie machen (sein umfangreichstes Werk als Choreograf ist die 2009-12 entstandene Trilogie „Étude critique pour un trompe-l'œil“, Anm. der Redaktion). Ich möchte sie frei nach Goethe „Trilogie der Leidenschaft“ (deutsch bei Dubois, Anm. der Redaktion) nennen. Es braucht ja nicht weniger als 3 Jahre, um ein Thema angemessen zu behandeln! Die 3 Teile werden nach dem Muster „Ansatz – Bruch – Aussöhnung“ erfolgen.<BR /><BR /><BR /><b>Also werden Sie auch als künstlerischer Leiter weiterhin mit dem Haydn Orchester zusammenarbeiten!</b><BR />Dubois: Auf jeden Fall. Das ist ein gigantisches Plus für den Standort Bozen! Echter Tanz geschieht nur mit Musik in Echtzeit. Und wenn die Musiker und Musikerinnen so gut sind wie die des Haydn… dann ist das ein großer Vorteil, eine großartige Gelegenheit für beide Partner, worüber die meisten Festivals nicht verfügen.<BR /><BR /><BR /><b>Schon jetzt kommen jährlich viele Künstler und Künstlerinnen aus Frankreich nach Tanz Bozen. Muss man fürchten, dass Tanz Bozen eine „französische Kolonie“ wird?</b><BR /><TextHBlau>Anouk Aspisi: </TextHBlau>(Lacht) Keineswegs! Wir werden uns vielmehr italien- und europaweit auf die Suche nach guten Tänzerinnen und Tänzern begeben, die zu Unrecht noch nicht so bekannt sind. Wir sind auf Anregungen von überall her (auch seitens von Publikum und Kritik) angewiesen und suchen die Diskussion. Der Fokus auf das Publikum war ja schon immer ein Hauptanliegen bei mir: International spricht man da von „audience development“.<BR /><BR /><BR /><b>Wie würden Sie Ihre Konzeption des Tanzes als Kunstform zusammenfassen?</b><BR />Aspisi: Für uns ist Tanz die Kunst der zwischenmenschlichen Relation ohne Worte. Wenn gemeinsam getanzt wird, verschwindet jede Abgrenzung und man ist einfach zusammen. Beim Tanz rückt der menschliche Körper in den Vordergrund, den wir künstlerisch wie politisch – im besten Sinne des Wortes – betrachten wollen.<BR /><BR /><BR /> 41. Ausgabe Tanz Bozen: 21.7-2.8.2025<BR /><BR />PS: Auf Nachfrage bei der Haydn Stiftung wie viel Geld dem Festival zur Verfügung steht, kam die Ant- wort: „Das Ministerium finanziert uns derzeit mit 90.000 Euro, das aufgestockt wird mit Beiträgen der Gründungsmitglieder, der Gemein- de Bozen und Sponsoren und Part- nern wie Alperia und die Stiftung Sparkasse. Der künstlerische Be- reich bewegt sich zwischen 200.000-300.000 Euro