Sonntag, 24. Mai 2015

Festwochen, Song-Contest-Sause? Pfingstliche Heiligeistzungen in Wien

Wer immer vom Präfix „Rock“ oder „Klassik“ nicht voreingenommen ist, der kann mit gefühlsbestimmender Bedeutungsschwere sicher sein, dass sich beides in herzzeitliche Kunst verwandelt. Der „Europäische Song Contest“ (ESC) ist ein Megaevent von künstlerischer Gewichtung, weil er völkerverbindend Freude bereitet, genauso wie die „Klassik“ von der Oper, bis zum Theater etc. In Wien schwebt das über uns wie pfingstliche Heiliggeistzungen.

Tote Seelen - Foto: Alex Yoku
Tote Seelen - Foto: Alex Yoku

Während die Festwochen das größte internationale Theater- und Musikfestival sind, wird der ESC ein Traumspiel des ORF, der eine überragende Show durchstartet, sodass auf der Party am Rathausplatz 25.000 Fans in knielangen  ORF-Plastik/Regenmänteln ausrasten. Zu den Songs ist zu sagen, dass sie von guter Qualität sind, wobei die geschichtskritischen Texte sich wie Storys der Performer anhören, weil die Composer medioker bleiben. Bei den Festwochen zeigt sich, wie Kunst die Welt verändern sollte, und alles ist medial sehr präsent, trotz des Hypes vom ESC. Es sind Begegnungen von kosmopolitischer Faszination mit Künstlern aus allen Kontinenten.

Die Oper: „Luci mie traditrici“ von  Sciarrino ist grenzenlos, ja formvollendet

„Was ist aus diesen schönen Augen geworden, das meine Seele einst mit seinen Strahlen erleuchtet?“ Mit diesem Zitat beginnt die Oper von Salvatore Sciarrino (geb. 1947). Im selbstverfassten Libretto erzählt er die Geschichte des Komponisten Don Gesualdo da Venosa, der 1590 seine eigene Frau und ihren Liebhaber ermorden ließ. In sprachlichen Mehrdeutigkeiten entfaltet sich ein Drama, dessen Wörter die Musik als affektive Perspektive zeigen. Es verorten sich melodische Obertonspektren bis zum Geräuschvollen. Dann durchdringen nicht mehr erklärbare Mikrotonbereiche das Ohr wie ein körperlicher Klang.

 

Luci mie traditrici - Foto: Monika Ritterhaus

 

Die menschliche Stimme ertönt als neue Ausdrucksweise des Selbstgeschriebenen: „Mein Gesang ist vor allem ein Gesang ohne Harmonien“ so der introvertierte Sizilianer. Damit wächst uns „Luci“ ans Herz, weil Sciarrino neue Wirklichkeitsdimensionen mit raffiniertesten Methoden aufsperrt. Das Klangforum Wien interpretiert „Luci“ bewundernd mit minutiösem Klangstrom. Emilio Pomàrico dirigiert Momente der Stille, des Schreckens zusammen mit den beeindruckenden Sängern Anna Radziejewska und Otto Katzmeier aus dem Gefühl der Erhabenheit. Ist Sciarrinos Stille ein Bezug zu seinem scharfen Intellekt, wird die vielgelobte Inszenierung, wie Ausstattung von Achim Freyer keineswegs zur schweigsamen Passion, sondern zu einem schockprallen Bildfarbenrausch. Jede Note, jede Bewegung, einfach alles hat seine Licht-Bild-Schablone. So feiert das Publikum die überfrachtete rationale Freyer/Bildoper leider (!) neben der Ohnmacht der Sprache von Sciarrino.

 

Luci mie traditrici - Foto: Monika Ritterhaus

 

„Die Stunde da wird nichts von einender wussten“ von Handke wird zur herrlichen Schauspielparade

Die vorangestellte Textvorlage zu diesem enigmatischen Stück ohne Sprache lautet: „Die Bühne ist ein freier Platz im hellen Licht. Es beginnt damit, dass jeder schnell über ihm wegläuft. Dann aus der anderen Richtung noch einer, ebenso. Dann kreuzen zwei einander, ebenso, ….! Lässt Peter Handke die 400 (!) unterschiedlichsten Charaktere durch die Welt der wahren Empfindung (vorbei) wandern, so vermischen sich in der fabelhaften Inszenierung von Tiit Ojasoo und Ene –Liis Semper mit Genehmigung des Autors (!) politische Bilder, Gender – und   Migrationssituationen in einer zweieinhalbstündigen Weltrevue durch die überragenden Schauspieler des Thalia Theater Hamburg und dem Chor, der singend zwischen dem Publikum sitzt. Es verdichtet sich in freier Interpretation ein hektisches – stilles  politisches Bildorakel des Berührens und  Verstoßens.

Das Nichtberühren wird zur großen Sehnsucht der Liebe, des Lebens

In der ablaufenden Echtzeit, erfahren wir in blitzschneller Verkleidungs/Manie  das, was wir von einander wissen, aber nicht aussprechen können. Denn in kompromisslos durchchoreographierter Situationscollage tut sich jenseits des Fragens alles auf. Handke ist „der“ Meister der Zwischentöne, denn mit der längsten Regieanweisung von 60 Seiten, öffnet er dem estnischen Regie-Duo ein getriebenes stummes Spiel aller(Jahres)Zeiten. Das Schönste vollzieht sich, wenn die Aktionsphase in Spirituelle kippt.  Zum Beispiel wenn archaische im dunklen Tuch umhüllte Frauengestallten mit eine weißen Blume zeitlupenmäßig die Bühne überqueren, oder wenn sie, nach politischer Ziellosigkeit, Kerzen auf der Menora anzünden. Die körperliche Darstellungskraft bis hin zu schönsten nicht voyeuristischen Nacktheit ist phänomenal, denn erst dadurch verdichtet sich die (religiöse) Handk’sche Poetik in gereifter-verstörter-absurd-komischer Utopie des Unausgesprochenen mit dem langen nur Vokal/Töne singenden (Schluss)Chor. Fantastisch.

Nikolaj Gogols  Meister/ Roman: „Tote Seelen“ als  dramatisierter  Humorfuror

„Tote Seelen“ spielt im 19. Jdh, wo die leibeigenen Bauern auch dann noch auf Steuerlisten stehen, wenn sie längst tot sind. Die 1842 erschienene Burleske, ist mit seiner geschäftlichen Willkür, Betrug und Korruption eine verblüffende aktuelle russische Matrix des Unerwarteten, weil der Bürger Tschitschikow vertrauensunwürdig ist, wenn nutzlose Geschäftsmodelle gründet. Gogols schwarzer Humor, bei dem die Erwerbsgier an allem schuld ist, wird in russischer Sprache durch großartigen Regisseur Kirill Serebrennikow und mit atemberaubenden Moskauer zehn Mann/Schauspielern zur selektiertem Mensch/Tier/Skurrilität, die in der aktuellen Russlandwelt als cineastische Kolportage à la Fellini zur Systemanklage wird. Die Handlung zeigt sich als verblüffender Unruhepol, wo die Gangster sich schadenvoll selbstbereichern, wo die einfachen Menschen sich schaden, weil sie Gutes tun, dann gibt es jene sich mit schamlosen Gewinn nur für sich Gutes zum Schaden anderer tun. Bleiben: „die Schlimmsten: Idioten, die allen Schlechtes tun und sich selbst dabei auch!“ ((Serebrennikow)

Thielemann und die Staatskapelle Dresden erleben Wiener Standing Ovations          

Wenn Christian Thielemann in Wien auftritt, dann bekommt er Solo Standing Ovations wie ein Popstar von  einem Teil des Publikums, was an das Pro und Kontra in Wien zwischen Karajan und Bernstein erinnert. Thielemann hat trotz (einiger) überragender  Interpretationen nicht das Charisma dieser Jahrhundert – Dirigenten. Wurde er deshalb nicht zum Chef der Berliner Philharmoniker am 11. Mai gewählt? Bestimmt, obwohl er bei der „Vierten“ Bruckner mit seiner maßstabgebenden Taktierung gleichzeitig aus dem Handgelenk das Musikalische einfängt wie niemand. Das eigentümliche ist nur, dass bei der dynamischen Fortschreitung des Bruckner’schen Klanguniversums der kathedralische Aufbau aus dem unhörbaren Leisen in eine doch arge Lautschere aufquillt, wenn die Blechbläser ihren Weiheton voll auskosten. Die fabelhafte Staatskappelle Dresden spielt weltenschön, wobei die verdeckten Celli als auch die hohen Streicher noch einen Deut intensiv – homogener klingen sollten. Das tun sie allerdings, wenn sie den wohl besten Bariton der Welt Christian Gerhaher begleiten, der mit der tollsten Phrasierung und Diktion Hervorragendes vom Wagners „Tannhäuser“ (Wolfram) und „Meistersinger“ (Fliedermonolog) neben der „Alfonso und Estrella“ (Sei mir gegrüßt, o Sonne) himmlisch zelebriert (alles zu hören in Ö1 um 11.03 am 31. Mai). 

C. F. Pichler aus Wien  

stol