Ein Buch als Rehabilitation? „Ganz ehrlich, ich wünsche es mir sehr, aber glauben tue ich es nicht“, ist die Meinung von Philipp Burger. „Und zwar deshalb nicht, weil bei vielen Menschen in unserer Gesellschaft überhaupt kein Interesse daran besteht, etwaige Falschverurteilungen rückgängig zu machen.“<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="947776_image" /></div> <BR /><BR /><b> Eine Autobiografie mit 42 Jahren? Ganz schön unbescheiden.</b><BR />Philipp Burger: Im Gegenteil, ich hätte sie schon viel eher schreiben sollen. Den entscheidenden Impuls gab Steffen Müller vom Diogenes-Verlag (zuvor Managing Director bei Warner Music Entertainment, Anm. d. Red.) im Corona-Jahr 2020. Er empfahl mir, einige Dinge zu klären, in einen Kontext zu stellen: „Wer die Südtiroler Geschichte nicht kennt, reibt sich an Deinen Texten“, meinte er und regte an, ein Buch zu schreiben. „Denn in einem 3-Minuten-Frei-Wild-Songs oder einem Facebook-Post ist dies nicht möglich.“ Wir holten zunächst Karoline Kuhn ins Boot, die bereits die Biografien von Schauspieler Samuel Koch, Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff und Modedesigner Harald Glööckler geschrieben hatte. Sie, so Müller, hätte keine Angst vor mir und meiner Geschichte. Ich wollte allerdings keine Ghostwriterin, das Buch sollte vielmehr meine Worte, meine Metrik haben. <BR /><BR />So hat sie mich wochenlang interviewt, und ich erlebte in diesem verbalen Ping-Pong-Spiel viele Überraschungen, Erinnerungen an längst vergessene Geschichten und Menschen. Mit dem Journalisten Stephan Kaußen (ARD, Phoenix, ntv und Autor der „Dolomiten“-Kolumne „Blick von (K)außen“, Anm. d. Red.) diskutierte ich dann tagelang über die Gesellschaft. Beides waren Erfahrungen, die mich reifen ließen. Erst jetzt verstand ich, warum ich mich – trotz Gegenwind – in die Wellen gestürzt habe.<BR /><b><BR /><BR />Fazit?</b><BR />Burger: Es war mein Drang nach Gerechtigkeit, der mich den politischen Weg der Mitte verlassen und in die rechtsextreme Szene abdriften ließ. Die Gesellschaft bietet Jugendlichen sehr selten eine zweite Chance, wenn sie nicht ins Raster passen. Dabei wäre es ihre Pflicht, Fangnetze zu spannen. Heute weiß ich, in der Mitte fühlt es sich besser an als am Rande. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="947779_image" /></div> <BR /><BR /><b>Sie hatten also 2 Bio-Profis an Ihrer Seite. Wie viel Philipp Burger steckt tatsächlich in „Freiheit mit Narben“?</b><BR />Burger: Ich würde sagen, exakt 100 Prozent. Und das erkläre ich wie folgt und danke den beiden an dieser Stelle auch ungemein. Denn ohne ihre vielen Fragen, ohne all diese fordernden Diskussionen und Anmerkungen, ohne ihre Sichtweisen und Recherchen, hätte ich manche „Schätze“ in meinen Erinnerungen schlichtweg nicht wieder gefunden. Und das wäre schade gewesen. Und genau das in diesem Buch, das war und bin ich, jetzt vielleicht noch mehr als vor dem Schreiben dieses Buches. Mit meinen Worten und Zeilen und nicht wenigen zu korrigierenden Schreibfehlern, die Kuhn und Kaußen dann schön filtern und begradigen durften (lacht).<BR /><BR /><b>Therapie, Seelenstriptease oder Vergangenheitsbewältigung? Was stellt „Freiheit mit Narben“ für Sie dar?</b><BR />Burger: Ich glaube, wenn wir schon in Worte mit besonderem Klang und/oder Pathos eintauchen, würde ich diese wirklich spannende Reise zu mir selbst, als „Seelen-Tiefenbohrung“ betiteln. Oder als Art sehr zeitintensive Selbstreflexion, die schlussendlich vieler, vieler Stunden an Gesprächen mit Familienmitgliedern, Freunden, Partnern, ja sogar Kritiken bedurfte. Aber auch vielen Stunden des Nachdenkens und Wühlen in meiner Erinnerung. <BR /><BR />Allein schon das Kapitel zu Südtirols Geschichte erforderte gleich mehrere Quellen: Geschichtelehrerin, Schütze, grüner Historiker, deutscher Geschichtsforscher. Sie liegen von ihrer Weltanschauung sicher etwas auseinander, mir aber haben sie wirklich sehr große Dienste geleistet. Mein Resümee dieser ganzen Arbeit ist, dass es auf dieser Welt kaum Geschehenes gibt, das nicht mit unterschiedlichen Augen gesehen und mit unterschiedlichen Worten wiedergegeben wird. Meine Vita, all die Geschichten und das Erlebte um mich herum, reiht sich hier gewiss nahtlos ein.<BR /><BR /><embed id="dtext86-61586347_listbox" /><BR /><BR /><b><BR />Ist „Freiheit mit Narben“ auch der Versuch, Nörglern, Netz-Hatern und deutschen Öffentlich-Rechtlichen zu erklären, was in Südtirol der Unterschied zwischen „konservativ“ und „rechtsextrem“ ist? Mit Ihrer Musik allein hat’s wohl nicht geklappt.</b><BR />Burger: Das stimmt, das hat es nicht. Und ehrlich gesagt, wird es das auch nicht, aber das Buch nimmt mir schon jetzt viele, viele Fragen ab, die ich bis dato in 100-facher Ausführung beantworten musste. Dass sich derzeit auch durchaus ziemlich mächtige Türen aufschließen, also in Sachen mediales Interesse und Gesprächsbereitschaft, stand zwar nie auf meiner To-Do-Liste. Es ist aber schön, zu sehen, dass die Zeilen gewisse Mechanismen in Gang setzen. Und ja, Südtirol ist von vielen Seiten her nicht Deutschland, und allein schon diese Tatsache gepaart mit unserer Wertschätzung für unsere Heimat, waren der Dünger, für sehr viel Trouble und Schnappatmung. Das könnte sich nun ändern, wenn auch ich es nicht glaube.<BR /><BR /><b>Warum kämpfen Sie – trotz des Erfolgs von Frei.Wild – überhaupt noch gegen Kategorisierung und Katalogisierung an?</b><BR />Burger: Naja, die Antwort ist ebenso einfach wie kurz: Die Menschen, egal, ob unser engstes Umfeld oder unsere Fans, ja selbst Menschen, die Frei.Wild noch gar nicht oder nur aus den Medien kennen, haben ein Recht auf Fakten. Gute wie schlechte. Genau diesen eigentlich journalistischen Auftrag übernimmt dieses Buch in einer für uns noch nie dagewesenen Form und Weise.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="947782_image" /></div> <BR /><b><BR /> Also eine Abrechnung mit Ihren Kritikern?</b><BR />Burger: Es ist meine Bio, und ich benutze sie nicht, um gegen jemanden in den Krieg zu ziehen. Ich fühle mich vielmehr als Motivator. Trotz vieler Fallgruben wie Depression und Enttäuschungen habe ich meine Träume – Familie, Band und Landwirtschaft – verwirklicht. „Freiheit mit Narben“ soll den Leserinnen und Lesern diese Kraft vermitteln. Es ist eine Attacke in Richtung Glück.<BR /><BR /><b><BR />Das Echo-Erlebnis steht gleich am Anfang. Ein literarischer Schachzug oder ein großes Trauma in der Bandgeschichte?</b><BR />Burger: Durchaus, weil es die Bahnen Frei.Wilds unwiderruflich umgelegt hat, uns in Sachen Branche und Kollegen, in die einsame Prärie geschickt hat – allerdings mit noch mehr Fans als wir vorher hatten. Wie immer im Leben gilt aber auch hier, es gibt kaum einen Schaden, der nicht auch einen Nutzen hat. <BR /><BR /><b><BR />Sie schreiben im Buch: Lieber dem Sturm ins Auge schauen, Werte bewahren und dafür kämpfen, als sich allzu schnell in Sicherheit zu bringen und hinterher zu jammern – Ist das der Schlüssel zur DNA von Philipp Burger?</b><BR />Burger: Ja, ist das durchaus meine Art zu leben – wenn ich den Worten meiner Eltern und Geschwister, aber auch meiner Freunde und Zimmerer-Gesellen von früher, vor allem aber auch meiner Frau, meinen Bandkollegen und unseren Crew-Mitglieder trauen kann. Manchmal geht diese Art aber auch nach hinten los, keine Frage, aber zu scheitern fällt mir wirklich leichter, als es nicht zumindest versucht zu haben.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="947785_image" /></div> <BR /><BR /><b>Das Buch ist noch nicht mal auf dem Markt, und schon führt es die Bestsellerliste an. Radio Vatikan, ZDF und weitere große Medien haben zu Interviews gebeten. Warum herrscht dieser Hype um das Burger-Buch?</b><BR />Burger: Das liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit an der derzeitigen Entwicklung innerhalb der Gesellschaft und einer immer größer werdenden Spaltung quer durch alle politischen und gesellschaftspolitischen Gärten. Es scheint mir durch meine im Buch niedergeschriebenen Sichtweisen und auch Lösungsvorschläge im Umgang mit „queren“ Meinungen oder vermeintlichen Außenseitern gelungen zu sein, hier einen anderen Umgang anzusprechen. Einen Umgang, der bisher undenkbar schien und der jetzt vielleicht wirklich für etwas mehr Offenheit für den jeweils Andersdenkenden zum Vorschein bringen könnte. Zudem glaube ich einfach, dass meine Geschichte zwischen Landwirtschaft, Handwerk, Familie und Musik so und in dieser Form kaum jemand erlebt haben dürfte. Und das soll bitte nicht angeberisch klingen, aber genau das sagen mir derzeit Medienleute immer wieder.<BR /><b><BR /><BR />Was steht nicht in der Bio? Was haben Sie sich für Band 2 aufgespart?</b><BR />Burger: Meine liebsten Gerichte, meine Zukunftspläne in der Landwirtschaft und das, was ich seit Abgabe des Buches neues erfahren habe. Und genau das fühlt sich gut und spannend an.<BR /><BR /><BR />