Mit seinem Hit „Brenna tuats guat“ ist er erstmals auf Platz 1 der Austria Top40 – SingleCharts gelandet. Das „Hiatamadl“, mit dem er 1992 große Erfolge feierte, kam im Vergleich nicht über Platz 2 hinaus. Dabei gibt sich Goisern in „Brenna tuats guat“ einmal mehr von seiner kritischen und politischen Seite.Südtirol Online hat den Oberösterreicher in Bozen getroffen und mit ihm über sein neues Album „Entwederundoder“, über seinen Platz im Musikbusiness und den Hype um seinen Hit gesprochen, der „groovt wie die Sau“, wie er selbst sagt.Südtirol Online: Ihr aktueller Hit „Brenna tuats guat“ stürmt gerade die österreichischen Charts. Auch in Südtirol wird der Song gespielt. Nach über 20 Jahren Musikgeschäft erstmals mit einem Hit auf Platz 1: Was bedeutet Ihnen das?Hubert von Goisern: Es ist schön, so viel Anerkennung zu bekommen. An meinem Lebensgefühl ändert sich eigentlich nichts. Die Wahrnehmung ist jetzt natürlich eine größere. In der Vergangenheit haben meine Musik und mein Schaffen ausschließlich Kulturinteressierte wahrgenommen. Die Konzerte waren trotzdem alle ausverkauft, daran hat sich nichts geändert. Jetzt hat halt rundherum alles eine erhöhte Betriebstemperatur, alles ist ein bisschen fiebriger und ein bisschen hektischer. Aber das hört auch wieder auf.STOL: Freuen Sie sich über den Erfolg oder sagen Sie, es ist eben ein Hype?Goisern: Es ist beides. Ich freue mich darüber, bin mir natürlich auch bewusst, dass es ein Hype ist und dass die Art der Aufmerksamkeit eine übertriebene ist. Aber so ist eben die Medienlandschaft gestrickt: Alles oder nichts.STOL: Im Refrain von „Brenna tuats guat“ singen Sie: „jeder woass, dass a geld nit auf da wiesen wachst und essen kann ma's a nit aber brenna tat's guat. aber hoazen toan ma woazen und de ruabn und den kukuruz. wann ma lang so weiter hoazen brennt da huat“.Goisern: Es geht in erste Linie um die sehr bedauerliche und fatale Entwicklung, dass wir Lebensmittel zu Energie machen. Aber nicht zu Energie, die die Menschen nährt und sie am Leben hält, sondern für Maschinen, die wir damit betreiben. In Zeiten wie diesen, wo Menschen an Hunger und Unterernährung sterben, Lebensmittel zu verheizen und zu Treibstoffen zu verarbeiten ist einfach unglaublich. Wir haben als mündige Bürger die Möglichkeit, uns gewissen Dingen zu verweigern. Mein Beitrag ist es, das Bewusstsein auf diese Sachen zu lenken.STOL: In „Brenna tuats guat“ hauen Sie der Finanzwelt auf den Deckel. Sie schimpfen und sind wütend. Passt das zusammen – kritischer Text und Charts?Goisern: Offensichtlich. Ich glaube, man unterstellt dem Publikum zu Unrecht ein niedriges Niveau, was die intellektuelle Belastbarkeit anbelangt. Die Menschen sind sehr wohl zugänglich für kritische und auch für tieferschürfende Texte oder Aussagen.STOL: Was macht „Brenna tuats guat“ zum Hit? Sprechen Sie den Leuten aus der Seele?Goisern: Es groovt wie die Sau. Es hat echt einen guten Drive und es trifft von der Aussage her den Nerv. In diesem Lied verdichtet sich das Lebensgefühl vieler Leute. Trotz der Problematik gibt es auch Kraft und Mut. Darum, glaube ich, funktioniert es.STOL: Einige Radiosender in Deutschland haben sich geweigert, das Lied zu spielen, weil sie sagen, Sie seien zu kritisch?Goisern: Da gab es einige, die gesagt haben: In Zeiten wie diesen braucht es keine gesellschaftskritischen Lieder. Das sei etwas, das aus der Hippie-Bewegung kommt. Eine absurde Aussage. Ich kann es nur so verstehen, dass es gewisse Sender gibt, die wollen, dass die Zuhörer alles vergessen und in eine heile Welt eintauchen. Aber damit machen wir uns etwas vor. Ich bin auch ein sehr harmoniebedürftiger Mensch, aber Probleme ganz auszuschließen geht auch nicht.STOL: Sie thematisieren in dem Song auch die Finanzkrise. Was machen Sie mit Ihrem Geld?Goisern: Ich bin keiner, der nach der besten Rendite sucht. Seit ich Geld habe, das ich in irgendeiner Form irgendwo deponieren muss, schwöre ich die Leute, die das für mich machen, darauf ein, dass es ethisch in Ordnung sein muss. Wenn es was zu investieren gibt, investiere ich in Sachen, von denen ich überzeugt bin. Etwa Mikrokredite oder in die sogenannten grünen Industrien.STOL: Sie bezeichnen Ihre Band als „Guerilla der Musik“…Goisern: Wir sind vier Leute auf der Bühne. Das ist die kleinste Band, mit der ich je unterwegs war – sieht man von den Anfangsjahren ab. Mein letztes Ensemble zwischen 2007 und 2009 bestand aus neun Musikern. Dadurch entstehen eine Opulenz und eine Komplexität, die viel Planung bedarf. Danach hatte ich den Wunsch, eine kleine, sehr flexible musikalische Einheit zu formen – eine „musikalische Guerillaeinheit“, die sich sehr schnell in jede Richtung bewegen kann.STOL: Sie setzen bei ihrem aktuellen Album „Entwederundoder“ auf das „Weniger ist mehr“-Prinzip: eine kleinere Band, einfachere Texte und Melodien.Goisern: Ich bin weg von dieser Komplexität und habe während des Komponierens und auch Textens gemerkt, dass es viel komplizierter ist, etwas Einfaches zu machen. Ich musste mir da selber immer wieder die Zügel anlegen, um es nicht wieder zu verkomplizieren.STOL: Zufrieden mit dem Album?Goisern: Es ist das herausgekommen, was ich mir gewünscht und mir vorher ausgedacht habe: Lieder, die in ihrer Einfachheit auch von jemandem vorgetragen werden können, der Klavier, Gitarre oder Ziehharmonika spielt. Zu dieser Geradlinigkeit des Musizierens wollte ich hin.STOL: Es ist ein recht buntes Album geworden.Goisern: Genau. Dem ist auch der Titel „Entwederundoder“ geschuldet, weil so eine Bandbreite an Farbigkeit da ist. Der Arbeitstitel war „Mosaik“, weil ich schon während des Entstehungsprozesses gemerkt hab, dass es sehr viele bunte, verschiedenartige Lieder sind. So wie Steinchen, die erst im Gesamtbild den Sinn ergeben bzw. mein Lebensgefühl zum Ausdruck bringen. Aber es gibt schon so viele CDs, die „Mosaik“ heißen, unter anderem eine meiner Lieblings-CDs von den „Gipsy Kings“ („Mosaique“, Anm.d.Red.). „Entwederundoder“ spricht auch die Polarität an und die Spannung, in der wir leben. Das Leben ist für mich nie eine Entscheidung zwischen „so oder so“, sondern immer diese Dualität „entweder und oder“. Die Spannung zwischen den beiden Polen ist wie eine gespannte Seite – auf der kann man als Musiker super spielen.STOL: Auf der CD finden sich Einflüsse mehrerer Musikstile: Blues, Country und auch Reggae. Wie sind Sie dazu gekommen?Goisern: Das ist Teil der musikalischen Sozialisierung, mit der ich aufgewachsen bin. Mit 16 hatte ich mein erstes großes Aha-Erlebnis bei einer Blues-Band. Ich habe gemerkt, es gibt diese Freiheit in der Musik, das zu spielen, was gerade passiert und dass es nur eine Frage der Toleranz ist zu sagen: Das ist gut oder das ist Scheiße. Jazz war die Fortführung dieser musikalischen Freiheit. Und Country ist auch so ein Spielgefühl, das der Volksmusik sehr nahe ist.STOL: Die Basis für Ihre Musik ist trotz allem die Volksmusik geblieben. Welcher ist Ihr Zugang dazu?Goisern: Volksmusik ist eine gewachsene Sache. Wenn sie einen Sinn im Hier und Jetzt haben soll, darf dieses Wachsen nicht aufhören. Die Volksmusik vor 100 Jahren war eine andere, als sie vor 50 Jahren war. Und sie muss jetzt eine andere sein, als sie vor 20 Jahren war. Volksmusik ist immer ein Ausdruck eines Lebensgefühls der Gegenwart. Ich sehe Volksmusik als eine lebendige Musik. Wir leben in einer Zeit, in der wir sehr viel reisen und lernen Musik aus anderen Kulturen kennen – das geht nicht spurlos an uns vorüber.STOL: Immer wieder wird Ihre Musik in die „Volksrock“- oder „Alpenrock“-Schublade gesteckt. Als was würden Sie sie selbst bezeichnen?Goisern: Ich lehne es gar nicht ab, wenn jemand sagt, ich mache Volksrock oder Weltmusik oder weiß der Teufl was. Das sind im Grunde genommen alles Begriffe, die auf mich zutreffen, aber es macht nur einen Teil von mir aus. Viele meiner Lieder haben mit Rock überhaupt nichts zu tun. Wenn ich es mir aussuchen kann – und das kann ich ja Gott sei Dank – würd ich meiner Musik keine Schublade geben.STOL: „Der Goisern“ also.Goisern: Ja genau. Der erste Kommentar meiner Plattenfirma war, ich hätte mich erfolgreich zwischen alle Stühle gesetzt. Inzwischen habe ich so das Gefühl, ich habe meinen Stuhl und der passt mir ganz gut. Manchmal stehe ich auf und setze mich auf einen andern. Und auch wenn ich manchmal keinen Stuhl erwische: dann bastle ich mir einen.STOL: Wie finden Sie Inspiration, woher stammen die Ideen zu Ihren Songs?Goisern: Ich bin in einer anderen Welt, wenn ich komponiere und texte. Ich ziehe mich in die Einsamkeit zurück – gerne in mein kleines Komponierhäuschen in Goisern. Hier brate ich in meinem eigenen Saft und begebe mich in eine Traum- und Phantasiewelt. Das sind Tage und Nächte, in denen ich alles zulasse, was an Ideen und Assoziationen daherkommt. Ich sag dann eigentlich nur Ja oder Nein zu den Ideen. Ich notiere sehr viel, streiche und greife Verworfenes wieder auf. Dabei ist es für mich unerlässlich, dass ich mit der Hand schreibe. In Salzburg, wo ich mit meiner Familie lebe, habe ich mein Studio.STOL: Mit Südtirol haben ja Sie eine besondere Verbindung: Ich sage nur „Ganes“.Goisern: Ich hatte das Glück Marlene Schuen (aus dem Gadertal, Anm.d.Red) kennenzulernen und sie in meine musikalische Welt einzubauen. Über die Jahre habe ich dann ihre Kusine, Maria Moling, und ihre Schwester Elisabeth dazugenommen. Drei Jahre haben wir gemeinsam gespielt. Das war ein sehr großes Geschenk. Jetzt haben sie sich selbständig gemacht, treten unter „Ganes“ auf. Ich finde das, was sie machen, wunderbar. Es hat aber auch dazu geführt, dass sich unsere Wege getrennt haben, denn sie haben selbst viel zu tun. Das ist gut so. Ich freue mich für sie, dass es aufgegangen ist und dass sie von dem leben können, was sie machen.STOL: Besteht immer noch viel Kontakt?Goisern: Es gibt natürlich noch Kontakt. Sie arbeiten gerade an ihrer dritten CD. Ab und zu mailen wir. Sie sind aber glaube ich mehr Facebook-mäßig unterwegs. Das ist etwas, das ich für mich nicht haben will. Aber wir telefonieren und sehen uns auch ab und zu. In den vergangenen Jahren haben wir auch bei einigen Konzerten zusammen musiziert. Mal sehn, ob das nächstes Jahr auch der Fall sein wird.STOL: Ab Jänner sind Sie auf Tournee. Ist auch Südtirol auf dem Spielplan?Goisern: Ja, leider mit nur einem Konzert am 19. Oktober 2012. Wir spielen in der Stadthalle in Bozen.Interview: Barbara Raich