Dienstag, 27. März 2018

Hans Richter dirigiert Gedenkkonzert für Hans Richter

Er hat den „Ring des Nibelungen” uraufgeführt. Er war Kapellmeister der Wiener Hofoper, Konzertdirigent der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien und ist für Clemens Hellsberg „nach Otto Nicolai ohne Zweifel der wichtigste Dirigent in der Geschichte der Wiener Philharmoniker”: Am 4. April wird der 175. Geburtstag von Hans Richter begangen. Gefeiert wird er am 7. April mit einem Jubiläumskonzert.

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Das Konzert kann mit zwei Überraschungen aufwarten: Es findet nicht in den Musikmetropolen Wien, Bayreuth oder London statt, wo der österreichisch-ungarische Dirigent als einer der maßgeblichen Musiker seiner Zeit wirkte, sondern in der 800-Seelen-Gemeinde Kleinzell im niederösterreichischen Bezirk Lilienfeld, wo Richter ein Sommerhaus hatte. Und es wird von Hans Richter dirigiert.

Der 1950 geborene Urenkel, der als Dirigent in die Fußstapfen seines berühmten Vorfahren getreten ist, empfindet die Namensgleichheit als „eine Ehre, die sicher immer wieder auch Antrieb ist”, wie er im APA-Interview erzählt. „Ich bin jetzt, nach langen Jahren, dabei, meinen Urgroßvater noch viel besser kennenzulernen anhand der Briefe, aus denen ich beim Konzert lesen werde.”

Schließlich stand dieser mit vielen berühmten Komponisten wie Richard Wagner, Gustav Mahler, Antonin Dvorak oder Edward Elgar in Kontakt, bekam von ihnen viele Werke gewidmet und dirigierte zahlreiche Uraufführungen (neben dem „Ring” zur Eröffnung des Bayreuther Festspielhauses etwa die 2. und 3. Symphonie von Johannes Brahms oder Bruckners 4. und 8. Symphonie).

Dass dieser „bedeutendste Dirigent der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts” (Hellsberg) im Alpenvorland einen einsamen Rückzugsort bezog, zu dem man beschwerlich mit Pferdekutsche und Ochsenkarren anreisen musste, kann der ehemalige Vorstand der Wiener Philharmoniker, in deren Archiv sich sieben Briefe Richters aus Kleinzell befinden, nachvollziehen: „Ich kann mir gut vorstellen, was er dort gesucht und gefunden hat: absolute Ruhe und Erholung vom anstrengenden Trubel des Musiklebens.”

Hellsberg hat 2016, als zum 100. Todestag Richters erstmals ein Gedenkkonzert in Kleinzell abgehalten und bei der Gelegenheit der 200 Plätze umfassende, auch als Turnsaal genutzte Mehrzwecksaal der Gemeinde in Hans Richter Saal umbenannt wurde, auch das heute in Privatbesitz befindliche Haus besucht, das der Dirigent von 1894 bis 1913 bewohnt hatte. „Es gibt Überlegungen, das Haus künftig vermehrt für Gedenkaktivitäten zu nutzen. Überhaupt bemüht sich die Gemeinde unglaublich darum, die Erinnerung an Hans Richter am Leben zu erhalten. Ich finde das bemerkenswert.”

Verantwortlich dafür ist neben Bürgermeister Reinhard Hagen (ÖVP) der Kleinzeller Gemeindearzt Anton Groihofer. Der kulturbegeisterte Mediziner hat auf seinen Recherchen in memoriam Hans Richter nicht nur Archive in Tschechien und Ungarn aufgesucht und umfangreiche Korrespondenzen geführt, sondern auch in der Gemeindegeschichte erstaunliche Entdeckungen gemacht: „So hat es etwa um 1895 in unserem Ort gleich drei Schuster gegeben. Die Infrastruktur war damals so viel besser als heute. Auch in Richters Briefen werden immer wieder konkrete Handwerker erwähnt.”

Für Groihofer ist es dieser Bezug zur konkreten Geschichte der Region, der die Beschäftigung mit dem großen Dirigenten, der zwei Jahrzehnte lang Sommergast in der kleinen Gemeinde war, so reizvoll macht. „So wird das Geschichtsbewusstsein gefördert. Und allmählich kommt im Ort auch der Stolz auf diese Geschichte hinzu.” Wenn am 7. April die von Urenkel Hans Richter gegründeten Smetana Philharmoniker Prag Werke von Elgar, Dvorak und Wagner spielen werden, wird es ein weiterer Meilenstein im Kulturleben des Ortes sein. Das Jubiläumskonzert wird auch ein Familienfest werden: Viele Nachkommen von Hans Richter werden nämlich in Kleinzell erwartet. Groihofer hat gründlich recherchiert, und die Gemeinde hat sie alle eingeladen.

apa

stol