Die Künstlerische Leitung wird jeweils für drei Jahre vergeben. Der bisherige Leiter, Stefan Kaltenböck, dem es gelungen ist, innerhalb von drei Jahren den Chor als Aushängeschild der jugendlichen Chorlandschaft Südtirols zu etablieren, stand aus persönlichen Gründen für weitere drei Jahre nicht mehr zur Verfügung.So wurden Anfang September sechs Bewerber zum Vordirigieren eingeladen; das Auswahlverfahren konnte schließlich Nataliya Lukina für sich entscheiden.Die gebürtige Ukrainerin studierte in Charkow (Ukraine) und Graz Chor- und Orchesterdirigieren. Bei der Sing- und Stimmbildungswoche in Burgeis, die seit vielen Jahren vom Südtiroler Chorverband organsiert wird, war sie mehrmals Referentin.Mit welchen Erwartungen gehen Sie an Ihre neue Arbeit heran?Nataliya Lukina: Ich übernehme einen Chor mit einem hohen Niveau. Mein Vorgänger hat tolle Arbeit geleistet. Ich habe den Chor beim Vordirigieren und bei den Konzerten im Herbst, bei denen ich im Publikum saß, jugendlich spritzig und sehr motiviert erlebt. Die Energie, die der Chor ausstrahlt, sowie das stimmliche und musikalische Potential des Chores erlauben es mir, die neue Aufgabe mit großer Vorfreude und hohen Erwartungen anzugehen.Welche Schwerpunkte möchten Sie in den kommenden drei Jahren setzen?Lukina: Ideen gibt es viele, allen gemeinsam aber ist das Ziel, die Jugendlichen fürs Singen und gemeinsam Musizieren zu begeistern und ihnen die Möglichkeit zu bieten, sich gesanglich und musikalisch weiterzuentwickeln. Ich könnte mir ein Jugendchortreffen in Südtirol vorstellen und möchte Austauschkonzerte mit den diversen Landesjugendchören aus Österreich durchführen. Ein Chorfestival bzw. eine Chorreise motiviert junge Leute außerdem unglaublich. Hauptziel ist die Teilnahme bei einem Chorwettbewerb, bei dem hohe Qualität, sängerische Disziplin und eine zusätzliche Portion an Ehrgeiz gefragt sind.Sie haben Orchesterdirigieren studiert. Was fasziniert sie bei der Arbeit mit einem Chor? Worin liegen die Unterschiede zu einem Orchester?Lukina: Ich beginne mit der zweiten Frage. Ein wesentlicher Unterschied besteht darin, dass jeder Orchestermusiker Noten lesen kann und sich daheim individuell auf die Proben vorbereitet. Im Idealfall kann man das auch bei einem Chorsänger voraussetzen, in der Praxis trifft dies aber nicht immer zu. Die meisten Chorsänger üben zu Hause nicht regelmäßig, zudem singen viele nur „vom Gehör her“. Das ist möglich, solange die Stücke nicht zu schwer sind. Anspruchsvollere Literatur erfordert hingegen ein gewisses Maß an Vorbildung. Ein Chordirigent muss also viel Zeit in die grundsätzliche Einstudierung von Werken investieren. Genau diese Routine, die Probenarbeit, macht zwar nicht immer nur Spaß und benötigt viel Geduld. Doch die Freude, wenn das gemeinsam erarbeitete Stück dann so klingt, wie man es sich als Dirigent vorstellt, ist dann umso größer. Ein weiterer Punkt, in dem sich Chor- von Orchesterstücken unterscheiden, ist, dass Chorliteratur sich nicht nur aus Noten, sondern auch aus Text zusammensetzt. Und gerade die Worte erlauben es häufig, die Musik besser zu verstehen und auch emotionaler zu erleben. Dies zu vermitteln ist ein besonderer Reiz bei der Chorarbeit.Sie haben mehrere Jahre gemeinsam mit Franz M. Herzog den Steirischen Landesjugendchor geleitet. Zudem sind Sie musikalische Assistentin bei der AUDI-Jugendchorakademie in Ingolstadt: Warum fasziniert sie die Arbeit mit Jugendlichen?Lukina: Die Stimme von Jugendlichen ist noch frisch und ausbaufähig. Es ist etwas anderes, mit so einer Stimme zu arbeiten, als mit einer erwachsenen Stimme, die möglicherweise viele Jahre lang mit einer falschen Stimmtechnik geführt wurde. Junge Stimmen haben zwar vielfach noch nicht so viel Kraft und Volumen, sind aber sehr flexibel und lernfähig. Zudem bin ich von der Bereitschaft der Jugendlichen, sich auf neue Sachen einzulassen, jedes Mal aufs Neue fasziniert. Sie besitzen meist eine unglaubliche Lernwilligkeit. Wenn es gelingt, junge Menschen fürs Singen und Musizieren zu begeistern, so entsteht meist eine unbeschreibliche Spannung und Atmosphäre, eine Freude, die mich immer wieder tief berührt.Bei einem Landesjugendchor gibt es im Gegensatz zu einem "normalen" Chor eine strenge Altersgrenze. Dies bringt es mit sich, dass sich die Zusammensetzung des Chores ständig ändert.Lukina: Dies ist in der Tat eine zusätzliche Herausforderung. Gleichzeitig ist es aber ungemein spannend zu beobachten, wie sich die jungen Persönlichkeiten entwickeln, wie sie emotional und intellektuell reifen. Hinzu kommt freilich auch die musikalische bzw. stimmliche Weiterbildung und Entwicklung. Ein Landesjugendchor unterliegt daher nicht nur wegen der Altersgrenzen her ständigen Veränderungen, auch die Sänger verändern sich während der Jahre. So besteht eine der wichtigsten Aufgaben darin, beim jährlichen Vorsingen die richtige Auswahl zu treffen. Dabei gilt es insbesondere Entwicklungspotenzial zu erkennen und manchmal auch jenen Stimmen eine Chance zu geben, die im ersten Moment nicht zur Gänze überzeugen.Wie wird das diesjährige Programm aussehen?Lukina: Kunterbunt. Dieses erste Jahr steht gewissermaßen unter dem Motto des gegenseitigen Kennenlernens. Es soll dem Chor und mir die Möglichkeit geben, möglichst viel Verschiedenes gemeinsam auszuprobieren. Bei den Konzerten im Juni werden wir Musik aus verschiedensten Jahrhunderten aufführen. Die Werke reichen von Heinrich Schütz und Henry Purcell über Felix Mendelssohn bis zu einem Arrangement der The Real Group. Im Herbst werden wir schließlich gemeinsam mit der Streicherakademie Bozen die Kirchenoper „Betulia liberata“ von W.A. Mozart aufgeführt.__________________________Der Landesjugendchor Südtirol wird sich unter der neuen Leitung erstmals am Samstag, 14. Juni 2014 im Stadttheater Sterzing (Beginn: 20 Uhr) der Öffentlichkeit präsentieren. Das Konzert wird am Sonntag, 15. Juni 2014 im Waltherhaus in Bozen wiederholt (Beginn 20 Uhr).