Zunächst verwundert es, dass sich die Geschichte von „Il Trovatore“ historisch bis fast auf dem Tag genau um 1404 rekonstruieren lässt. Trotzdem ist die Handlung im Libretto voll von hanebüchenen Unsinnigkeiten. Giuseppe Verdi war vom Drama „El trovador“ (1836) von Antonio Garcia Gutierrez so begeistert, dass er schlicht menschliche – dramatische Geschichten erzählen wollte. Die Disproportionalität zwischen Text und Musik könnte größer nicht sein, aber der irisierenden Italianitá der Musik verdankt die Oper seit der triumphalen Uraufführung 1853 ihre ungeheure Popularität. Verdi hatte dazu seine (handlungsentschuldigende?) Antwort gegeben:„Der wichtigste Teil des Dramas verbirgt sich in einem einzigen Wort: Vendetta“ Die verworrene Geschichte ist auf vier Personen zentriert. Die Gegner des Krieges sind zugleich Brüder und Rivalen der Liebe um die junge aragonische Hofdame Leonora, die sich damit in eine fatale Grenzsituation begibt und die mit ihrem Vergiftungssuizid endet. Als der Conte di Luna von der Zigeunerin Azucena erfährt, dass der vermeintliche Gegner Manrico sein Bruder ist, hat er ihn längst getötet. Nur Luna und Azucena überleben, wie lange weiß eigentlich niemand.Vielleicht doch nur so wie bei der narrativ verwandten „Tosca“ von Puccini? Enrico Caruso meinte lapidar, dass die Oper ganz einfach auf die Bühne zu bringen sei, nämlich mit den vier besten Sängern! Unrecht hat er nicht, doch das muss bei der Salzburger Neuinszenierung relativiert werden, denn wirklich verzaubert nur Anna Netrebko als Leonora mit hymnisch gleitendem Gesang bei überragender Bühnenpräsenz. Sie hat schon vor ihrem triumphalen Debüt 2013 in Berlin gemeint, dass die Leonora ein künstlicher Charakter, eine labile Person sei und, dass sie nur die brillante Musik von Verdi interessiere Das ist eine glatte Untertreibung, denn musikszenisch ist sie ein Wunder! Trotzdem sagte sie:„Ich liebe die Musik dieser Oper, aber ich bin auch sehr aufgeregt, weil Teile der Partie schwer zu singen sind“ Sie erregt uns mit unglaublicher Intimität besonders dann, wenn sie mit weiblich Inbrunst die Arien „Tacea la notte placida“ oder am Ende „D´ amor sull‘ ali rosee“ singt, während dann der traumhaft klingende Wiener Staatsopernchor im sphärischen „Miserere“ das Unheil verhindern will. Die tragischen Drehmomente um Geschehen mit Manrico werden geschwächt, weil der junge Tenor Francesco Meli mit schöner Stimme noch nicht der strahlende, sondern darstellerisch der ungezügelte Opernheld ist, wobei er die Liebesarie: „A sì, ben mio“ im stimmsparenden Falsett mit traumsinnig lyrischer Zärtlichkeit singt, ehe er die Stretta „di quella pira“ mit dem wohl überflüssigsten Hohen C vergeigt Placido Domingo dagegen ist darstellerisch natürlich die beste Parallele zur Netrebko!Das infernalisch Böse als Conte di Luna der zuerst als grimmiger Museumaufseher erscheint wirkt aber vordergründig, weil Domingo nunmehr als Bariton auch stimmlich (mit 73 Jahren) Grenzen zeigt. Aber es ist bewundernswert mit welcher Augenblicksfunktion er noch immer Begeisterungsstürme aufleben lässt, wobei seine Stimme noch immer (s)eine tenorale Färbung hat. Marie – Nicole Lemieux versprüht als Azucena eine permanente Sinnesverwirrung zunächst als resolute zivile Museumführerin mit dem besten Gesang einer Mezzo –Sopranistin, wenn etwa bei „Stride la vampa“ durch den schicksalbestimmten Stoff die Flammen lodern.Alvis Hermanis verlegt die Handlung in ein nicht näher lokalisiertes historisches Museum!Die Idee ist eigentlich sehr gut, aber nicht neu und nicht zwingend. Der unerreichte Regisseur Patrice Chereau hat „Traum im Herbst“ von Jon Fosse mit ins Museum verlegt, obwohl das Stück auf einem Friedhof spielt. Nun die Friedhofstille ist ja museal wie die Stille in der Kirche.Bei Hermanis beginnt die Parallelgeschichte des Sehens un Hörens am Ende des Tages. Mit Ausnahme von Manrico sind alle im Museum angestellt, oder sind Besucher (Chor), was zunächst heißt, dass sie in Alltagskostümen die Bilder betrachten, um sich dann blitzschnell, wenn das Museum geschlossen ist, 500 Jahre zurück zu verwandeln mit den Gewändern jener Zeit.Diese Wunschvorstellung nicht nur Betrachter, sondern Inhalt selbst unter den Bildern von Raffaello, Bellini, Ghirlandaio, Tizian, Botticelli, Fouquet usw. zu sein, ist schön und ambivalent zugleich, weil Hermanis unverständlicherweise im handlungsbezogenen Bilderwandel, letztlich eine unerträgliche, ja dilettantische Rampenstatik arrangiert. Anna Netrebkos historische Transformation geschieht aber aus sehnsüchtiger Liebe!Zu Manrico natürlich, dem Troubadour. Im blauen Kostüm mit losen Haaren – die Bilder sind mittlerweile abgehängt nur eine Dame von Agnolo Bronzino steht an Rand – drückt sie ihre Hände auf den „Lautenspieler“ von Giovanni Cariani/Busi (geb. um 1490). Die Bilder zeigen die verflossene Sehnsucht von Leonora/Netrebko, die mit ihrem antiken Bronzino – Kostüm herumfuchtelnd dem trickreichen Rampentheater erregend ausweicht. Die Netrebko ist der singuläre Mittelpunkt und um ehrlich zu sein, gefällt mir die Musik der Leonora weit mehr als die populären souverän gesungen Chöre des Wiener Staatsopernchores, oder die übrigen Arien. Es ist ein echter Operntriumpf eines Werkes, das nicht gerade von großer Subtilität strotzt. Aber die Wiener Philharmoniker spielen wundervoll unter Daniele Gatti, der Sänger und Chor mit viel Gefühl mit dem orchestralen Spielfluss an die Spitze führt. Gatti, der ja in Kürze in Toblach dirigiert, vermeidet mit äußerst feinen dynamischen Gabelungen den üblichen Trovatore – Affekt – Rausch schon dadurch, weil er die klangliche Balance zwischen Bühne und Orchestergraben erzählerisch durchzieht. Jubel!stol/C. F. Pichler aus SalzburgZu sehen auf ORF 2 am 15. August um 20.15 Uhr