Welche Themen und Brüche TRANSART 2026 im September anschneiden wird, wie das Festival zeitgenössischer Kultur den Spannungsbogen zwischen lokalen Künstlern und internationalen Größen schafft, erklärt der Künstlerische Leiter im Gespräch.<BR /><BR /><b>Auch TRANSART26 ist ein Seismograf der Gegenwartskultur. Wo andere Institutionen auf Bewährtes setzen, sucht TRANSART die Reibung, das Risiko und die Begegnung zwischen unterschiedlichen künstlerischen Sprachen. Auch in diesem Jahr riskieren Sie viel. „Kunst bedeutet, sich dem Wagnis auszusetzen in einem unsicheren Ort“, haben Sie während der Vorstellung des Programms 2026 gesagt. Macht Ihnen das nie Angst, oder vertrauen Sie den Experimenten, bzw. wissen Sie im Grunde, dass alles den richtigen Lauf nehmen wird?</b><BR />Peter Paul Kainrath: Etwas zum allerersten Mal zu erleben, zu begreifen, zu erfahren, ist von unvergleichlicher Schönheit. Zeitgenössische Kultur führt uns an einen Ort, den wir noch nicht kennen. Es lohnt das Wagnis allemal.<BR /><BR /><BR /><b>Gab es in den 25 vergangenen Ausgaben auch Momente des Scheiterns bzw. Fehlentscheidungen?</b><BR />Kainrath: Selbstverständlich sind wir immer wieder auch gescheitert: Das künstlerische Wollen braucht das Scheitern, das Aufstehen, das Weitergehen.<BR /><BR /><b>Sie sprechen von neuen Formen der Wahrnehmung. Kann ein Festival heute noch tatsächlich neue Blicke auf die Wirklichkeit eröffnen oder bewegen wir uns vielmehr durch immer neue Perspektiven auf dieselben Krisen und Gewissheiten?</b><BR />Kainrath: Wir werden den siebenstündigen Film <Kursiv>Satantango</Kursiv> zeigen, ohne Pause, aber mit Verpflegung und Liegestühlen vor Ort. Abgesehen vom Inhalt geht es hier auch schlicht und einfach um eine Zeiterfahrung, die wir in unserer dauerkommunikationszerstäubten Gegenwart vergessen haben. Sieben Stunden können von überwältigender Intensität sein.<BR /><BR /><b>Viele Arbeiten des Programms scheinen von Brüchen zu handeln: vom abstürzenden Flügel über Kriegserfahrungen bis hin zu Fragen nach Identität und Erinnerung. Entsteht daraus ein Bild der Gegenwart als einer Zeit, in der Gewissheiten zerbrechen, oder sehen Sie in diesen Brüchen gerade die Möglichkeit neuer Erkenntnis?</b><BR />Kainrath: Im Bruch wird viel Energie frei gesetzt. Das wissen der Komponist Steen-Andersen, die Choreographin Holzinger und sicher auch die zahlreichen Künstlerinnen und Künstler, welche im Transart-Projekt des Südtiroler Künstlerbundes vom Risiko förmlich angezogen werden. Aber Kunst ist auch oft ein Akt der Rebellion gegen Geistlosigkeit – vor allem wenn sie unter dem Bombenhagel in Teheran und Kiev hervorgebracht wird und nun den Weg nach Bozen findet.<BR /><BR /><b>In weiteren künstlerischen Positionen des Festivals ist Ambivalenz (Béla Tarrs <Kursiv>Sátántangó</Kursiv>) oder Ambiguität (Romeo Castelluccis <Kursiv>Credere alle Maschere</Kursiv>) verwoben. Ist Irritation für Sie eine Voraussetzung von Erkenntnis?</b><BR />Kainrath: Es gibt keine absoluten Wahrheiten; die Irritation, mit der vor allem Castellucci spielt, zielt genau darauf ab. Es geht um den steten Wechsel von Blickpunkten; das hat sehr viel mit dem Leben zu tun und ist eben auch noch dazu Kunst.<BR /><BR /><b>TRANSART bespielt seit Jahren Orte, die ursprünglich nichts mit Kunst zu tun haben. Geht es dabei darum, Räume ästhetisch aufzuladen, oder darum, die Kunst aus ihren vertrauten Schutzräumen zu befreien?</b><BR />Kainrath: Eine Industriehalle ist ein Ort der Produktion mit Energie; Kunst und Kultur hat sehr viel mit Produktion und Energiezuständen zu tun. Eine Künstlerin auf einer Staumauer, in einer Markthalle, oder gar in einem Heißluftballon schwebend, deutet diese Orte für einen kurzen Moment der Ewigkeit um. Es geht darum, diese Orte dank der Kunst und die Kunst dank der Orte möglichst neu zu erfahren, ohne Erwartungen, frei im Kopf, bereit für überraschend Erhellendes.<BR /><BR /><b>Mit Künstlerinnen und Künstlern aus Kriegs- und Krisengebieten wie aus der Ukraine oder dem IRAN fragt das Festival immer wieder nach den Bedingungen künstlerischer Arbeit. Welche Verantwortung hat Kunst in einer Zeit, in der politische Wirklichkeiten immer existenzieller werden?</b><BR />Kainrath: Kunst kann nie und nimmer ernsthaft betriebene Politik ersetzen, aber sie kann al s Kompass für Wahrhaftigkeit, für freies Denken und für eine Form der Zeitlosigkeit stehen, die nicht immer und alles dem modischen Diktat der Gegenwart unterwirft.<BR /><BR /><b>Und war die Auswahl der künstlerischen Positionen ein bewusstes kuratorisches Motiv oder mehr ein Spiegel der Arbeiten, die derzeit international entstehen?</b><BR />Kainrath: Ein Programm speist sich aus vielen Quellen: Künstlerinnen und Künstler, die im besonderen Maße Aktualität beanspruchen können, eine Jubiläumsbegegnung zwischen dem 800-jährigen Heiligen Franziskus und der 80-jährigen Patti Smith, Orte, die immer wieder neue Koordinaten für das Transart Festival ergeben, eine Radikalität, die von Fragilität konterkariert wird; man webt über viele Monate am Programm und dann kommen im letzten Moment noch Südtiroler Kuhglocken beim Kollektiv aus Kiev, der Opera Aperta, ins Spiel und man will auch dafür noch einen Platz finden. Am Ende steht man vor dem ganzen Bild und ist selbst überrascht, wie stimmig alles zueinander passt.<BR /><b><BR />TRANSART bewegt sich zwischen globalen Diskursen und einem sehr konkreten Südtiroler Kontext. Wie lässt sich heute noch von einem „Ort“ sprechen, wenn Kunstproduktion und kulturelle Debatten längst transnational geworden sind?</b><BR />Kainrath: Der Gegensatz zwischen kleiner Provinz und großer weiter Welt hat sich längst erledigt. Wir sprechen von territorialen Künstlerschaften, die wir immer wieder neu im Festival abbilden.<BR /><BR /><b>Mit Formaten wie „Book a Scientist“ überschreitet TRANSART die Grenzen des Kunstbetriebs und sucht die Nähe zur Wissenschaft. Welche Rolle spielt der interdisziplinäre Dialog heute für ein Festival zeitgenössischer Kultur?</b><BR />Kainrath: Ein Festival ist viel, viel mehr als nur ein kompaktes Kulturangebot im Sinne Karte kaufen, Konzertsaal besuchen, Applaus und das war's. Ein Festival denkt immer wieder über neue Einfallstore zu einem starken Erlebnis für das Individuum nach und öffnet Fenster, die sich noch kaum jemand vorgestellt hat. Eine Wissenschaftlerin ist wie ein Künstler: Sie sucht nach etwas, das sie noch nicht kennt. Solchen Menschen, solch Suchenden am eigenen Wohnzimmertisch zuzuhören, kann etwas im Denken auslösen, das anderweitig nicht zu erreichen ist.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1339101_image" /></div> <BR /><b>Mehrere Programmpunkte, etwa die Arbeiten von Opera Aperta, Matthew Herbert oder Romeo Castellucci, greifen gesellschaftliche und politische Fragen auf. Sollte Kunst heute Stellung beziehen oder liegt ihre Stärke gerade in der Offenheit der Interpretation?</b><BR />Kainrath: Kunst ist dann am stärksten, wenn sie maximal offen ist und viele Lesarten zulässt.<BR /><BR /><b>Mit Florentina Holzinger und Patti Smith stehen zwei international bekannte Künstlerinnen im Programm. Wie gelingt es TRANSART, solche Namen mit jungen, experimentellen und regionalen Positionen in ein produktives Verhältnis zu setzen?</b><BR />Kainrath: Die Künstlerschaft, egal ob etabliert oder aufstrebend oder ohne Rang und Namen, schätzt die Offenheit und das unverwechselbare Profil des Festivals. <BR /><BR /><b>Festivalprogramme sind immer auch Aussagen über ihre Zeit. Was, glauben Sie, wird man in 20 Jahren an dieser 26. Ausgabe von TRANSART als besonders zeittypisch erkennen?</b><BR />Kainrath: Hoffentlich erinnert man sich an Transart 26 als ein hell leuchtendes Relikt aus einer fernen Zeit, in der es unverantwortliche Herrscher gab, die glaubten, mit Bomben, Panzern und krausen Heilsbotschaften diese Welt gestalten zu müssen.<BR /><BR /> <a href="https://www.transart.it/de/editions/26" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Hier geht's zum Programm.</a><h3> Wechsel an der Spitze von TRANSART</h3>An der Spitze des TRANSART-Vereins gibt es einen Wechsel: Tanja Pichler hat die Präsidentschaft an ihre Vize <b>Daniela Niederstätter</b> abgegeben. Zur Vizepräsidentin wurde Arianna Giudiceandrea ernannt. Zum Board, bestehend aus fünf Frauen, zählen weiterhin Tanja Pichler, Manuela Bertagnolli und Ruth Oberrauch.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1339104_image" /></div>