Dienstag, 16. Juni 2015

Konstantin Wecker: „Gehorsam ist die größte Gefahr für die Demokratie“

Von Altersmilde keine Spur: Der deutsche Liedermacher Konstantin Wecker wettert in seinem neuen Album gegen Krieg, Rechtsextremismus und die Diktatur der Finanzmärkte. Beim Schwarzmalen allein belässt er es zum Glück nicht.

Die Lieder von Konstantin Wecker waren schon immer sehr politisch. Sein neues Album ist da keine Ausnahme. Die Thesen des Liedermachers sind provokant.
Die Lieder von Konstantin Wecker waren schon immer sehr politisch. Sein neues Album ist da keine Ausnahme. Die Thesen des Liedermachers sind provokant.

Mit 68 Jahren will es Konstantin Wecker noch einmal wissen. Fast 50 Konzerte stehen in diesem Jahr noch auf dem Programm, mit seinem neuen Album „Ohne Warum“ bezieht der Liedermacher politisch einmal mehr klar Stellung: Ein krankes Wirtschaftssystem, abgewrackt und korrupt, Konzerne, die uns beherrschen. „Ich mache mir so langsam wirklich Sorgen um die Demokratie“, sagt der Liedermacher dazu.

Herausgekommen sind 16 Lieder mit einer eindringlichen Botschaft. Keine Musik, die man nebenbei im Hintergrund laufen lässt, sondern die zum Nachdenken anregt – auch wenn man die Meinung des Komponisten nicht teilt. Ein Gespräch über Pazifismus, Pegida und Gefahren für die Demokratie.

Herr Wecker, Sie sind bekennender Pazifist. Ist das nicht naiv?

Wecker: Natürlich. Aber ich stehe zu meiner Naivität.

Erklären Sie!

Wecker: Pazifismus spricht einen nicht von moralischer Schuld frei. Aber es ist eine Entscheidung. Die Menschheit wird keine mehr sein, wenn sie nicht irgendwann gewaltfrei wird. Wir müssen endlich damit anfangen.

Können Sie die Leute nicht verstehen, die sagen, wir müssen die Kurden bewaffnen, damit sie gegen die Terrormiliz Islamischer Staat kämpfen können?

Wecker: Natürlich ist das verständlich. Ich kann jeden verstehen, der sagt, dieses Morden muss aufhören. Aber es hat sich gezeigt: Überall, wo wir Waffen reinbringen, auch für die angeblich gute Sache, bleiben Waffen hängen. Und die kriegen wieder die Falschen in die Hände.

Terrorgruppen wie der IS treiben immer mehr Flüchtlinge nach Europa. Vielerorts hat sich Widerstand formiert – Stichwort Pegida.

Wecker: Diese Menschen denken einfach nicht genug nach. Da müssen wir eher vor der Idiotisierung des Abendlandes Angst haben. Dass sich da 30 000 Enttäuschte auf die Straße stellen, stört mich nicht. Das gehört zur Demokratie. Nur gehen sie nicht an die Wurzeln des Problems, sondern suchen sich das schwächste Glied – die Flüchtlinge. Und die sind dann Schuld für sie.

Wo sehen Sie denn die Wurzeln des Problems?

Wecker: Ich sehe so langsam wirklich eine Gefahr für die Demokratie! In den Parlamenten machen Lobbyisten die Gesetze und die Politiker schauen zu.

Jetzt übertreiben Sie aber ein bisschen...

Wecker: In den nächsten zwanzig Jahren werden uns zwanzig Konzerne regieren. Schon jetzt sind an 95 Prozent aller Supermärkte nur sechs oder sieben Lebensmittelkonzerne beteiligt. Ich glaube keiner dieser Politiker würde sagen, ich bin dafür, dass die Wirtschaft so mächtig ist, dass die Demokratie ausgehöhlt wird. Nur sie machen als Rädchen da mit.

Gehorsam ist die größte Gefahr für die Demokratie.

Was kann man denn dagegen tun?

Wecker: Aufklären! Das möchte ich auch mit meinem neuen Album. Wir müssen aufklären, dass die Demokratie gefährdet ist, wenn Konzerne das Sagen haben. Ich bin noch radikaler, ich würde am liebsten jeden Konzern zerschlagen. Es braucht keine Konzerne. Ich bin überhaupt nicht gegen Unternehmer, es gibt tolle Mittelständler.

Aber die Großkonzerne, die beteiligen sich nicht an der Gesellschaft, die saugen sie nur aus, weil es ihnen ausschließlich um Gewinnmaximierung geht. Eine auf Shareholder Value angelegte Unternehmenspolitik wird immer ausschließlich und rücksichtslos versuchen, den Kurswert der Aktien und damit den Marktwert des Gesamtunternehmens zu erhöhen.

Jetzt haben wir viel über Ursachen und die Frage nach dem warum gesprochen. Trotzdem trägt Ihr neues Album den Titel „Ohne Warum“. Ist das nicht ein Widerspruch?

Wecker: Keineswegs. Dieses ohne warum ist die Selbstverständlichkeit, etwas zu tun, weil du es tun musst. Du ziehst keinen Gewinn daraus, vielleicht ist es sogar ohne Sinn. Vielleicht ist mein ganzes Engagement ohne Sinn. Zumindest ohne Lösung, ich werde sie auf jeden Fall nicht mehr erleben. Tun muss ich es dennoch.

Zur Person:

Konstantin Wecker steht für eine ganze Generation von politischen Liedermachern. Er gibt Dutzende Konzerte im Jahr, versteht sich aber auch als Lyriker, Autor und Filmschaffender. Wecker lebt in München und hat zwei Kinder.

dpa

stol