„Unser 'Dienst' an den großen Komponisten ist, genau lesen und hören zu lernen. Das ist schwieriger, als man gewöhnlich annimmt“, sagt Pianist Alfred Brendel – einer der ganz Großen seines Fachs. <?Uni SchriftStil="0" SchriftArt="QuadraatSans" SchriftGroesse="7pt" Vorschub="10,2pt" SchriftWeite="100ru" SatzArt="0"> <?TrVer> <?Uni Kapitaelchen="100ru"> <?_Uni> <?PH PHFormat="$($IptcQue$/)"_> <?PH PHFormat="$($IptcAN)"_> <?_Uni> <BR /><BR /><BR /><b> Sie sind Dichter- Musiker und Schriftsteller. In ihren Essays haben Sie sich des Öfteren mit Ferruccio Busoni auseinandergesetzt. Was fasziniert Sie an dieser Persönlichkeit?</b><BR />Alfred Brendel: ...dass der Kosmopolit Busoni nicht nur ein großer Pianist und ein beachtlicher Komponist war, sondern darüber hinaus mit der Literatur und den Künsten in enger Verbindung blieb. Dazu gehörte er als Komponist im späteren Teil seines Lebens zu den Neuerern: Seine Sonatina seconda war eines der frühesten Stücke, die die Tonalität ganz hinter sich ließen, und seine Oper „Doktor Faust“ gehört für mich zu den wichtigsten des 20. Jahrhunderts. Dass Busonis beste Klavierwerke nicht bekannter sind, hat damit zu tun, dass sie Hände mit großer Spannweite voraussetzen – Arpeggien wären in seinem Klavierstil undenkbar. Auch als Pädagoge war Busoni wichtig. Zu seinen Kompositionsschülern gehörte Kurt Weill, dessen im Berlin der 20er Jahre entstandenen Werke so frisch geblieben sind. <BR /><BR /><BR /><b> Sie haben mit den Musikern und Musikerinnen in Bozen an Ludwig van Beethovens Streichquartett op. 59 und Franz Schuberts Streichquintett in C-Dur gearbeitet. Was wünschen Sie sich für den Dienst an den „Großmeistern“, wie Sie diese Komponisten nennen?</b><BR />Brendel: Die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden Komponisten darzustellen würde einen ganzen Vortrag erfordern. Beethoven ist gerafft und zielgerichtet, während Schubert sich vom Leben tragen lässt, an Abgründen vorbei, dem Leben ausgesetzt. Dabei kann er hochdramatisch sein, seine dynamischen Vorschriften weisen immer wieder auf das Äußerste. Es ist ein Missverständnis, ihn ganz aufs Lyrische zu beschränken. Unser „Dienst“ an den großen Komponisten ist, genau lesen und hören zu lernen. Das ist schwieriger, als man gewöhnlich annimmt. <BR /><BR /><embed id="dtext86-50164850_quote" /><BR /><BR /><BR /><b> Ist es lehrbar, ein Stück Musik lebendig werden zu lassen?</b><BR />Brendel: Es gibt Musiker, die Ton und Tonhöhen und die Struktur, den Zusammenhang dieser Töne wahrnehmen und andere, für die die Musik dazu noch eine psychologische Bedeutung offenbart, ihren Charakter, ihre Atmosphäre, ihre Seelenlage. Es gibt Musiker, die glauben, die Musik wird erst lebendig, wenn sie aufgeführt wird. Ich bin der Meinung, dass sie schon in der Partitur lebt. Aber sie schläft. Nicht vergewaltigt soll sie werden, sondern wachgeküsst. Das kann man begabten Leuten vermitteln.<BR /><BR /><BR /><b> Zu Ihren vielen künstlerischen Neigungen gehört auch ein großes Interesse für die bildende Kunst und die Architektur des Barock. Ich habe gehört, dass Sie sich auch hier in Südtirol vieles angesehen haben...</b><BR />Brendel: Ich habe gezeichnet und gemalt, bevor ich mich der Musik widmete. Das Interesse an der Architektur ist später gekommen: Es war vor allem die Romanik und das mitteleuropäische Barock, die ich in meiner Ferienzeit aufgesucht habe. Noch später entwickelte sich meine Hinwendung zur mittelalterlichen Plastik des deutschen Sprachraums, zur Bildschnitzerei zwischen 1440 und 1550 – einer großen Periode, die nicht nur Veit Stoß und Riemenschneider, sondern eine Reihe anderer Meister aufwirft. Im Südtiroler Raum waren es Pacher und Multscher, die dazu noch Maler waren. Hier fand ich auch eine seltene Erscheinung wie Hans Schnatterpeck, den man nur in Niederlana sehen kann.<BR /><BR /><BR /><b>Biografie</b><BR /><BR /><BR />Alfred Brendel wurde am 5. Januar 1931 in Wiesenberg, Nordmähren, geboren. Ersten Klavierunterricht bekam er als Sechsjähriger und es stellte sich bald heraus, dass er Talent hatte. Von 1941 an wurde er in Harmonielehre unterrichtet, doch der Zweite Weltkrieg verhindert zunächst, dass er sich weiter intensiv der Musik widmen konnte. Alfred Brendels künstlerische Laufbahn begann daher erst um 1948 in Graz. Dort studierte er Orchesterleitung und Komposition und gab als Siebzehnjähriger sein erstes Konzert.<BR /><BR /><BR />Vielfältig kulturell interessiert – er hat gezeichnet und gemalt, bevor er sich der Musik gewidmet hat – konzentrierte er sich trotz seines Musikstudiums nicht nur auf die Gestaltung von Klängen, sondern beschäftigte sich ebenso mit Malerei, Literatur, den Schönen Künsten und vertiefte sich in philosophische Schriften. Seine Lehrer Edwin Fischer, Paul Baumgartner und Eduard Steuermann verhalfen ihm zum nötigen Feinschliff, trotzdem ließ er sich Zeit, den Trubel des Konzertbetriebes mitzumachen. Ein Jahr nach seinem Debüt ging er als <b>Preisträger des Busoni-Wettbewerbs in Bozen</b> (1949) hervor und von diesem Zeitpunkt an baute er Stück für Stück seine internationale Karriere auf.<BR /><BR /><BR />Brendels Kunst speiste sich von Anfang an aus dem Verständnis eines Universalgelehrten mit musischem Schwerpunkt, und so schaffte er es mühelos, sich durch intellektuell durchdrungene Qualität seiner Interpretationen einen Namen zu machen. 1960 spielte er im Rahmen der Salzburger Festspiele zum ersten Mal mit den Wiener Philharmonikern, in den folgenden Jahren stieg er Stufe um Stufe die Erfolgsleiter hinauf. Alfred Brendel konzertierte während der Sechziger erfolgreich auf Bühnen in aller Welt, gab dann von 1969/70 an Meisterkurse in Wien und ließ sich 1970 in London nieder. Von 1960 an entstand eine erste Sammlung mit <b>Gesamtaufnahmen von Beethovens Klavierwerk</b>, ein Jahrzehnt später nahm er alle <b>Beethoven-Sonaten f</b>ür die Philips auf.<BR /><BR /><BR />Brendels Interpretationen legen dabei besonderen Wert auf die Ausgewogenheit der Ausdrucksmittel. Fernab von jeder vordergründigen Virtuosität sucht er nach dem Kern der Musik in den Kompositionen und gestaltet außerordentlich intensive und nachhaltige Versionen vor allem der Werke von <b>Beethoven, Mozart und Schubert.</b> Und er entwickelte einen enzyklopädischen Anspruch in der Umsetzung ganzer Zyklen. In den Jahren 1982/83 zum Beispiel ging er mit dem komplette Zyklus der 32 Beethoven-Sonaten auf Tournee. Bereits 1970 hatte er begonnen, gemeinsam mit Neville Marriner und dem Kammerorchester Academy Of St. Martin In The Fields die Mozart’schen Klavierkonzerte komplett einzuspielen. Er brillierte außerdem als Interpret von Liszt, konzentrierte sich jedoch immer wieder auf die deutsche Klassik.<BR /><BR /><BR />Dazu passt auch, dass Brendel am liebsten live aufnimmt, um den Charakter der Musik jenseits der Studiotechnik einzufangen. In den Neunzigern widmete er sich abermals Mozart fur die <b>große Mozart-Edition</b> der Philips, darüber hinaus außerdem der K<b>laviermusik Schuberts</b> und zwischen 1992 und 1996 erneut Beethoven. Im folgenden Jahrzehnt widmete er unter anderem mit dem Bariton Matthias Goerne dem romantischen Kunstlied-Repertoire.<BR /><BR /><BR /><b>Ehrungen und Preise</b><BR /><BR /><BR />Als einer der bedeutendsten Pianisten seiner Generation wurde Brendel außerdem mit zahlreichen Preisen und Ehrungen bedacht. Von den Universitäten von Köln, London, Oxford, Sussex, Warwick und Yale bekam er die Ehrendoktorwürde verliehen. Am 14. Mai 2004 wurde ihm der mit 150.000 Euro dotiert Siemens-Musikpreises in München für sein musikalisch interpretatorischen Lebenswerk übergeben. Im Jahr 2008 folgte der Herbert-von-Karajan Musikpreis, 2009 neben der Ehrendoktorwürde der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar der als Nobelreis der Musik geltende „Praemium Imperiale“.<BR /><BR /><BR />Im Herbst und Winter 2008 verabschiedete sich Alfred Brendel mit einer umfassenden Tournee vom internationale Konzertrummel, ist seitdem aber weiterhin als Autor und Dozent aktiv, der seine Vorträge auch mit eigenen Musikbeispielen krönt. Zu den markantesten Veröffentlichungen Brendels des vergangenen Jahrzehnts gehören die Aufnahmen mit Mozartsonaten („K332, K333, K457, K540“, 2001; „K281, K282, K576, Fantasia in c-moll“, 2005), die Einspielungen mit Mathias Goerne („Winterreise“, Schubert, 2004; „Schwanengesang“, Schubert, 2005), „Alfred Brendel In Recital“ (2007), „The Artist’s Choice Collection“ (2008), „The Farewell Concerts“ (2009), „Alfred Brendel: Artist’s Choice. Seine persönliche Auswahl“ (2011) und „Alfred Brendel – A Birthday Tribute“ (2011). Außerdem veröffentlichte er in Dichterlesung eigene Poeme unter dem Titel „Alfred Brendel liest / Alfred Brendel liest Vol.2“ (2008/10).<BR /><BR /><BR />Am 14. Mai 2021 verlieh die Hochscule für Musik und Tanz Köln Alfred Brendel die Ehrendoktorwürde. Nach Nikolaus Harnoncourt und Helmut Lachenmann ist Brendel der dritte Träger dieser Auszeichnung.<BR /><BR /><BR />Heute lebt Alfred Brendel in London.<BR />(Nach Klassik Akzente)<BR /><BR /><BR />