<b>Von Margit Oberhammer</b><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1008656_image" /></div> <BR /><BR /><b>Herr Lošek, Sie sind seit 2015 für das Opernprogramm der Stiftung Haydn zuständig. In einem Interview habe ich gelesen, dass Sie mit dem Anspruch angetreten sind, Bozen zu einem Hotspot für die zeitgenössische Oper in Norditalien zu machen. Sind Sie 9 Jahre später mit dem Erreichten zufrieden?</b><BR />Matthias Lošek: Nein. Zufrieden kann man erst sein, wenn die zeitgenössische Oper auf den Spielplänen den gleichen Stellenwert hat wie die klassische. Aber wie es jetzt ausschaut, ist dieser Zustand sehr schwer vorstellbar. <BR /><BR /><BR /><b>Obwohl man aus Statistiken und Publikumsbefragungen weiß, dass die zeitgenössische Oper beim Publikum sehr wohl ankommt?</b><BR />Lošek: Genau. Es gibt das schöne Beispiel der Metropolitan Opera, die im vergangenen Jahr vermehrt auf das 21. Jahrhundert gesetzt hat, weil sie dadurch mehr Tickets verkauft hat. Wenn Sie jedoch in Bozen eine Befragung durchführen würden, plädieren 9 von 10 für das traditionelle Musiktheater. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1008659_image" /></div> <BR /><BR /><b>Dann waren Ihre 9 Jahre Einsatz für das Zeitgenössische umsonst?</b><BR />Lošek: Neun Jahre sind zu kurz.<BR /><BR /><BR /><b>Vielleicht bedeuten ältere, durch den Filter der Zeit gesiebte Werke, einfach weniger Risiko?</b><BR />Lošek: Risiko für wen? Nicht für das Publikum, sondern für die Veranstalter. Wir sind schuld. Man muss die Menschen mit dem Genre des zeitgenössischen Musiktheaters bekannt machen. Aber nicht so vorsichtig und behutsam, wie das viele meiner Kollegen machen. Jeder Intendant wird bei seinem Antritt sagen, dass er das Zeitgenössische hochhalten wird. Und was ist 5 Jahre später? Es gibt vielleicht 2 kleine Studioproduktionen. Um zu zeigen, dass es ginge, muss man es radikal machen.<BR /><BR /><BR /><b>Auch Ihre Spielpläne für Bozen haben viel Traditionelles enthalten, La Traviata, La Bohème, Cavalleria…</b><BR />Lošek: Natürlich. Wir haben La Wally gemacht, die Da Ponte-Trilogie… Trotzdem war das Verhältnis zwischen traditionell und zeitgenössisch genau umgekehrt wie auf einem traditionellen Opernspielplan. An vielen Häusern dient das Operngeschehen nach wie vor einer Selbstbespiegelung der Eliten. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1008662_image" /></div> <BR /><BR /><b>Für welches Publikum wollten Sie in Südtirol Oper machen?</b><BR />Lošek: Für alle, die Publikum sein wollen. Ich bin seit 30 Jahren im Geschäft und habe viele Diskussionen mit den Marketingabteilungen über das sogenannte Zielpublikum hinter mir. Aber wenn wir beginnen, uns den „idealen“ Opernbesucher vorzustellen, grenzen wir aus. Ich habe in Bregenz beim Intendanten David Pountney begonnen; er hat immer gesagt, ihm sei jeder willkommen, ob im Pelz oder in Jeans. Wobei man heute im Marketing-Jargon nicht mehr von Pelz- sondern von Perlenträgerinnen spricht. <BR /><BR /><BR /><b>Ich habe mit meiner Frage nach den Adressatinnen Ihrer Spielpläne weniger die soziale Schicht gemeint, sondern die musikalische Vorbildung. Eine Oper wie der eben uraufgeführte „Dorian Gray“ stellt einen hohen Anspruch an jemandem, der mit dem zeitgenössischen Musiktheater wenig vertraut ist…</b><BR />Lošek: Wir müssen in der heutigen komplexen Welt den Menschen Anspruchsvolles zumuten. Und wenn wir nicht alles verstehen, lassen wir halt Lücken. Wenn jemand zum Beispiel nach dem Besuch von Dorian Gray nur einen Moment lang über die Problematik des heutigen Schönheitskults nachdenkt, haben wir gewonnen. Außerdem möchte ich zurückfragen, wie viele gehen denn aus wirklichem Interesse und Verständnis in die klassische Oper, und nicht einfach, um „dazuzugehören“? <BR /><BR /><BR /><b>Vielleicht auch um große Gefühle zu erleben? Das scheint manchen im Musiktheater der Gegenwart zu fehlen?</b><BR />Lošek: Oper ist immer emotional, zu jeder Zeit. Klar, auch intellektuell. Aber vor allem emotional. Es gibt Kollegen, die in der zeitgenössischen Oper vor allem das Intellektuelle sehen und sagen, dass ihnen 3 denkende Menschen im Publikum lieber seien als 300 nicht denkende. Ich bin nicht so anmaßend.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1008665_image" /></div> <BR /><BR /><b>Deshalb Ihre an die Popkultur angelehnten Spielzeittitel? „Nothing is written“, „Larger than Live“, „Escape from Reality“?</b><BR />Lošek: Mein Faible für Britisches ist bekannt. Das merkt man auch an den Opernsujets- Alice, Peter Pan, Dorian Gray… Die Titel sind alles echte Zitate aus der Popkultur, aus Filmen, Buchtitel, Songs. Ich möchte damit tatsächlich die Emotionen und vielleicht neue Publikumsschichten ansprechen. <BR /><BR /><BR /><b>Ein besonders ehrgeiziges Projekt Ihrer Intendantenzeit war die Uraufführungstrilogie mit Kunstschaffenden aus der Euregio: Toteis, Peter Pan und Dorian Gray. Uraufführungen sind in Theater- und Opernhäusern nicht zuletzt deswegen beliebt, weil sie Publicity versprechen. Hat das auch in Bozen funktioniert?</b><BR />Lošek: Die Euregio-Trilogie war eindeutig mein allerliebstes Projekt. Wegen der Publicity haben wir es nicht gemacht. Das Wichtigste waren für uns die Aufträge an Kunstschaffende aus der Region. Es gibt kein österreichisches Bundesland, das so viele hervorragende Komponisten aufzuweisen hat wie die Euregio. <BR /><BR /><BR /><b>Dann arbeitet ein Komponist bis zu 3 Jahren an einer kostenintensiven Oper, und sie verschwindet nach der Uraufführung. Das ist überall so, nicht nur in Bozen. Könnte man nicht mehr Kreativität in die Programmierung investieren, um diese Verschleuderung künstlerischer Energien zu stoppen?</b><BR />Lošek: Dass das künstlerisch weh tut, steht außer Frage. Wir haben im Unterschied zu anderen immerhin 2 Aufführungen, das ist schon ein Fortschritt. Ich hatte einmal die Idee, alle 3 Uraufführungen in einer Saison zu konzentrieren. Aber damit würde man den Pfad der Bequemlichkeit verlassen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1008668_image" /></div> <BR /><BR /><b>Also eine Art Festival, wie „Wien modern“ oder die Biennale für zeitgenössisches Musiktheater in München?</b><BR />Lošek: Das würde manches erleichtern. Vor allem die Kommunikation nach außen.<BR /><BR /><BR /><b>Woran scheitert es?</b><BR />Lošek: An komplizierten strukturellen Bedingungen. Hier zum Beispiel an der Institution mit 3 künstlerischen Leitern. Wir sind davon abhängig, was der jeweils andere vorhat. Aber das soll sich jetzt ja ändern. Aus dem Rückblick betrachtet, würde ich mich auf diese strukturellen Gegebenheiten nicht mehr einlassen.<BR /><BR /><BR /><b>Es sind ja auch die „Artist in residence“-Programme nicht weiterverfolgt worden, Johannes Maria Staud, Matteo Franceschini waren da…</b><BR />Lošek: Das ist schwer durchzuziehen. Opern haben eine sehr lange Vorlaufzeit. Die Komponisten wollen und können nicht so lange hier sein. <BR /><BR /><BR /><b>Das Fringe-Projekt hingegen war und ist vielversprechend. „Gaia“, „Lorit“, „Curon“….Man munkelt, dass es nicht mehr weitergeführt wird…</b><BR />Lošek: Darüber entscheide nicht mehr ich.<BR /><BR /><BR /><b>Einen Wunsch zum Abschied?</b><BR />Lošek: Bleiben Sie der Musik der Gegenwart treu! Für die Institution würde ich mir wünschen, dass man das Potential der Region nützt und weiterhin Aufträge vergibt.<BR /><h3> Vita: Matthias Lošek</h3><BR />Er wurde in St. Pölten 1969 geboren war er seit der Saison 2015/16 künstlerischer Leiter des Opernprogramms der Stiftung Haydn. Seit Karrierebeginn widmet er sich neben dem klassischen auch dem zeitgenössischen Musiktheater, zunächst als Regisseur und Produzent in der freien Szene in Wien, Salzburg und Niederösterreich. Von 2000 bis 2007 hatte er bei den Bregenzer Festspielen die künstlerische Leitung der Programmreihe „Kunst aus der Zeit“ inne und war für Programmplanung im Konzert- und Schauspielbereich verantwortlich. Es folgte von 2007 bis 2015 ein Abstecher in die Kulturpolitik als persönlicher Berater des Wiener Kulturstadtrates. Von 2010 bis 2015 übernahm er die künstlerische Leitung des renommierten Festivals Wien Modern, das 1988 von Claudio Abbado gegründet worden war. In 25 Jahren Tätigkeit produzierte Lošek eine Vielzahl von neuen Opern. Er arbeitete mit namhaften Komponisten, Dirigenten und internationalen Orchestern zusammen, die seinen Blick auf das weltweite Operngeschehen schärften.<BR /><BR /><Rechte_Alle_Rechte_vorbehalten></Rechte_Alle_Rechte_vorbehalten><BR /><BR /><BR /><BR />