Donnerstag, 09. März 2017

OPER.A 20.21 FRINGE: Was ist das?

Eine internationale Jury, unter Vorsitz der Präsidentin von Opera Europa Eva Kleinitz, hat vergangenen Samstag die Gewinner der Ausschreibung OPER.A 20.21 FRINGE der Stiftung Haydn von Bozen und Trient ermittelt. Operndirektor Matthias Lošek erklärt worum es dabei geht.

Matthias Lošek ist Operndirektor der Stiftung Haydn Orchester von Bozen und Trient. - Foto: Lukas Beck
Matthias Lošek ist Operndirektor der Stiftung Haydn Orchester von Bozen und Trient. - Foto: Lukas Beck

Die Theatergruppe „OHT - Office for Human Theatre“ aus Rovereto und der Komponist Hannes Kerschbaumer, gebürtig aus Brixen, konnten sich mit innovativen Musiktheaterprojekten gegen insgesamt 42 an der Ausschreibung OPER.A 20.21 FRINGE eingereichte Projektanträge durchsetzen.

Ziel des Projektes ist es, spannende und innovative Musiktheaterprojekte zu finden, um das künstlerische Potential der Region abzubilden. Das Tagblatt „Dolomiten“ hat mit Matthias Lošek, dem Operndirektor der Stiftung Haydn Orchester von Bozen und Trient über den Wettbewerb OPER.A 20.21 FRINGE und die beiden Siegerprojekte gesprochen.

„Dolomiten“: 42 Musiktheaterprojekte sind eingereicht worden. Haben Sie mit einer so hohen Resonanz gerechnet?
Matthias Lošek: Nein, damit haben wir nicht gerechnet. Wir hätten schon 20 eingereichte Projekte als Erfolg verbucht. Dass es dann in dieser so knappen Zeit doppelt so viele würden, war schon überwältigend.

„D“: Waren Nord-, Südtirol und das Trentino gleich stark vertreten?
Lošek: Gefühlsmäßig ist der Anteil von allen 3 Regionen gleich, mit einem kleinen Überhang für Südtirol und das Trentino.

„D“: Es gibt 2 Siegerprojekte: Was ist das Besondere an diesen beiden Werken?
Lošek: Ich glaube, die beiden Siegerprojekte haben die Jury wegen des extrem innovativen Ansatzes überzeugt und auch wegen der Art, wie sie inhaltlich vorgestellt worden sind.

„D“: Worum geht es in den beiden Arbeiten?
Lošek: „Gaia“, das Projekt von Hannes Kerschbaumer, ist eine Uraufführung. Es geht um eine Utopie, bzw. um eine Dystopie: Eine Frau wird ins Weltall geschickt, wo sie eine zerstörte Landschaft vorfindet. Hier muss sie sich als Blinde zurechtfinden. Es ist eine Parabel zum Zustand unserer Welt. Das zweite Stück, „Graun – Die Geschichte eines ertrunkenen Dorfes“ der Theatergruppe „OHT – Office for a Human Theatre“ beschäftigt sich mit den Begriffen Landschaft und Stille – ein sehr politisches Werk, weil es darum geht, wie ein Dorf einfach verschwindet und man sich fragt, was übrig bleibt, wie Menschen darauf reagieren. Das fand ich persönlich sehr spannend, weil mir wichtig ist, Oper nicht als reines „Behübschungsprogramm“ zu zeigen, sondern auch als etwas, was eine Relevanz hat für unser Leben hat. Die Musik dazu stammt von Arvo Pärt.

„D“: Wann werden die Stücke aufgeführt?
Lošek: Im Februar 2018.

„D“: Die Jury fand mehrere weitere Projekte lobenswert. Wird es diesbezüglich auch eine Realisierung geben?
Lošek: Inwieweit wir uns auch um diese kümmern werden, weiß ich heute noch nicht. In erster Linie geht es jetzt darum, die Siegerprojekte zu realisieren.

„D“: Zeitgenössische Musik zu vermitteln, ist kein leichtes Unterfangen. Inwieweit können Initiativen wie OPER.A 20.21 FRINGE dabei hilfreich sein?
Lošek: Wir machen Oper und einzigartig dabei ist, dass wir die Möglichkeit der Vielfalt dieses Genres aufzeigen. Wir beschränken uns nicht auf einen kulturellen Supermarkt, wo Stück an Stück aneinander gereiht ist. Wir zeigen auch nicht nur Zeitgenössisches, in 4 Wochen z.B. gibt es die Premiere von Mozarts „Le Nozze di Figaro“. Oper wird oft in verschiedenen Kategorien gedacht und genau das wollen wir hier auch. Der Weg ist aber noch nicht zu Ende, deshalb ist FRINGE so wichtig. In den 2 Jahren, in denen ich nun in Südtirol bin, habe ich viele Gespräche mit ebenso vielen Kulturschaffenden geführt, wobei es nicht möglich ist, alle Projekte zu entwickeln, die wir besprochen haben. Aber es ist gelungen, eine neue Plattform zu schaffen. Da war es nur logisch, diesen Wettbewerb ins Leben zu rufen.

„D“: Ein großes Publikum erreichen Sie mit zeitgenössischer Musik nicht unbedingt. Wie möchten Sie diese Musik hörbar machen?
Lošek: Ich beharre darauf, dass ich mich nicht in eine Nische drängen lasse. Je mehr man das betont, desto mehr wird es exotisch für das Publikum. Wir müssen nur eines beachten, egal ob wir Monteverdi oder Hannes Kerschbaumer spielen, es muss uns um Qualität gehen. Und da müssen wir imstande sein zu vermitteln, dass Oper als Kunstform wahrgenommen wird, die das Leben bereichern kann. Aber nicht im Sinne eines Supermarktes, wo ich mich je nach Lust bediene, um mir einen schönen Abend zu gönnen – auch wenn ich durchaus Verständnis für den Eskapismus in dieser Welt habe. Ich glaube nicht, dass das die Aufgabe einer Kunstform ist. Ich nehme Oper als Kunst wichtig und nicht als Plüsch-Attrappe. Zeitgenössische Musik ist schwierig zu vermitteln, aber damit kann man sich gerade in einer Region wie Südtirol, wo es so viel Innovation in der Technik oder in der Kunst gibt, ein Profil schaffen. Wir wollen Oper als etwas in der Zeit Existierendes darstellen.

„D“: Wie würden Sie diese Profil definieren?
Lošek: Unsere Einzigartigkeit ergibt sich auch daraus, dass wir nicht eine Opernsaison in einem einzigen Haus haben: Wir bespielen den großen Saal im Bozner Stadttheater, das Studiotheater und das Teatro St. Chiara in Trient. Dann haben wir eine Spielzeit, in der ich meine „Opern-Geschichte“ in 5 Titeln erzählen muss. Zudem bin ich überzeugt, dass ich, wenn ich „La Bohème“ etwa im Umkreis von 100 Kilometern 5 Mal sehen kann, nicht noch ein 6. Mal in Bozen zeigen muss. Das heißt aber nicht, dass ich die Oper von Puccini nicht gerne machenwürde. Vielleicht zeigen wir sie auch einmal, aber dann ist sie hier der exotische Titel auf dem Programm. Ich glaube – und das hat mir die Jury von FRINGE am Wochenende bestätigt – dass das, was wir hier bereits gezeigt haben, für diese Region sehr wichtig ist, ohne anmaßend wirken zu wollen. Darum wird der Titel, mit dem wir die übernächste Saison beginnen werden, eine große Überraschungen sein. Er wird sich in einer Form präsentieren, die im 21. Jahrhundert angesiedelt ist. Denn auch Theaterformen wandeln sich. Ich glaube auch nicht, dass es eine Aufführungspraxis braucht, die den Staub von 50 Jahren mit sich trägt, denn dann würde ich die Kunstform Oper bzw. meinen Beruf nicht ernst nehmen. Mein Job ist es ja auch, traditionelle Titel so zu präsentieren, dass sie für ein interessiertes Publikum interessant bleiben und Publikum-Schichten anlocken, die mit Oper nichts am Hut haben.

Interview: Eva Bernhard

stol