Sonntag, 20. März 2016

Osterfestspiele Salzburg: Jubel für Otello

Auf Zypern tobt ein wilder Sturm und als der sich legt, tritt der siegreiche venezianische Feldherr Otello – ein Mohr und ehemaliger Wüstensklave – mit seinem bekannten „Esultate“ auf und verkündet den Sieg über die entfesselte Natur und über die muselmanische Fremdherrschaft. Der Mohr ist mit der venezianischen Patrizierin Desdemona verheiratet, während der Fähnrich Jago eine Eifersuchtsintrige gegen Otello anzettelt, an deren Sturm er untergeht. Denn nach der vermeintlichen Untreue von Desdemona mit seinem Hauptmann Cassio, erwürgt Otello sie und tötet sich selbst mit einem Dolch.

Otello und seine Frau Desdemona - Foto: Forster
Otello und seine Frau Desdemona - Foto: Forster

Wenn nun bei den diesjährigen Salzburger Osterfestspielen dieses gewaltige lyrische Drama im großen Festspielhaus seine Premiere unter dem Dirigenten Christian Thielemann und unter der Regie von Vincent Boussard hat, so ist das insgesamt etwas ambivalent, weil die musikszenische Durchgestaltung nicht allem entspricht, obwohl es überaus ergreifende Momente gibt, die diese Anmerkung (zum Teil) auch obsolet werden lassen. 

Vielleicht ist das bei dieser ungemein schwierigen Oper auch nicht anders möglich, denn Verdi schrieb schon 1853: „Das Einzige, was mich stets davon abgehalten hat, Shakespeare Sujets häufiger zu behandeln, war die Notwendigkeit, jeden Augenblick die Dekoration zu wechseln.“

Damals war der kongeniale Dichter und Komponist Arrigo Boito noch ein Kind. Doch der Intellektuelle, der später der avantgardistischen Künstlergruppe „Scapigliatura“ (ungezügelt) angehörte, wie auch Franco Faccio, der Dirigent der Uraufführung von Verdis Otello - konnte er mit seiner Wildheit in der Jugend mit dem einfachen, musikalischen und unbändigen Genie Verdi eine Shakespeare-Oper machen? Er konnte, denn wie Verdi war Boito dem englischen Dichter verfallen: Er war der unbestrittenen Kenner Shakespeares, übersetzte ihn und wollte auch für Verdi den „King Lear“  bearbeiten.

Ein Sujet, das ihn seit der Jugend beschäftigte und das Verdi nie realisieren sollte. Boito war Verdis vielleicht brillantester Librettist, weil er neben der unübertrefflichen Bühnenwirkung den sicheren Instinkt für das Musikdramatische hatte. Ausgehend von der Verdi’schen Prämisse bezüglich des Dekorationswechsels ist die Bühnengestaltung sehr einfach, wenn nicht gar zu minimalistisch.

Vincent Lamaire ist der Bühnenbildner, die Kostüme sind vom Moderschöpfer Christian Lacroix

Der Regisseur Boussard lässt gleich zum Beginn des Sturmes ein weißes Riesensegel über dem Orchestergraben schweben, in dem sich Sofia Pintzou als das ganze Stück begleitender (Todes-) Engel schwebend einwickelt. Doch schon beim ersten Akkord tauchen Desdemona und Otello kurz auf und küssen sich innig auf der leeren Bühne.

Es sollte ein Sturm sein, ist aber keiner, denn Boussard hat den Chor ganz statisch, bewegungslos hinter das Segel gestellt, was insofern irritiert, weil der mächtige Chorklang des Sächsischen Staatsopernchors Dresden diese durchsichtige Segelszene leicht durchbricht. Zudem ist sonderbar, dass die Bürger von Zypern in elisabethanischen Kostümen mit Halskrause gekleidet sind, während die anderen Protagonisten weit modernere Kleider tragen.

Der (Todes-) Engel im Segel - Foto: Forster

Bewegungslos bleiben die Chöre leider auch dann, wenn Otello sein „Esultate“ schmettert. José Cura bringt allerdings diese Freudennachricht nicht mit dramatischer Eloquenz ins Geschehen, obwohl Thielemann die blendend disponierte Staatskapelle Dresden mit viel Gefühl klanglich in Eintracht zur Singstimme bringt, aber insgesamt fehlt die wunderbare Endwirkung. Sehr schön ist das Liebesduett als szenisches, weißes Spiegelkabinett, als sonderbarer Effekt, denn auch hier scheint angedeutet, dass die Liebe zwischen Otello und Desdemona mit dem herrlichen „Canto parlante“ eingeleitet vom herrlichem Celloton zerbröselt.

Es sind großartige Bildeffekte und natürlich eine fantastische Musik, bei der Dorothea Röschmann als Desdemona mit schönster Artikulation und Phrasierung – großartig: „mio superbo guerrier“ – ihren mädchenhaften Zauber aufleuchten lässt, während dem Titelhelden jenseits des Heldischen doch viele Nuancen des „mezza voce“ fehlen.

Carlos Alvarez singt das von Boito erfundene „Credo“ als bissiger Intrigant, aber es fehlt das Dämonische

Mit einer formidablen Orchesterwende, die Thielemann allerdings viel dramatischer auslegen sollte, gleitet alles ins Brutale, wenn Jago sein nihilistisches Credo intoniert. Alvarez singt es, begleitet vom (Todes-) Engel, mit viel Dramatik, doch mit begrenztem Stimmvolumen, was bedeutet, dass er das von Verdi ebenfalls geforderte „mezza voce“ gut anlegt z. B. bei „vien dopo tanta irision la morte“, aber bei den Ausbrüchen fehlen Kraft und Dämonie.

Bedeutsam und poetisch ist die Szene mit dem Engel und der Fackel, die Jago logisch nach dem „Nulla“ löscht – ein guter Regieeinfall – während er den schwarzgeflügelten Todesengel auf dem Rücken trägt. Dann folgt das Intrigenspiel mit Otello, der erst einmal seelenruhig seinen Espresso schlürft. Es ist ein mannigfaches Ritual, des Neides und der Macht, das Thielemann mit sehr viel Gespür und bei schönster Durchsicht der Orchesterstimmen mit dem Piano und Mezzoforte dirigiert.

Trotzdem ist die ganze Intrige etwas ambivalent, weil bei den plötzlichen Ausbrüchen sowohl der Sing- als auch der Orchesterstimmen nicht jene schwarze Eifersucht projiziert wird, in der gezeigt werden sollte, dass Jago Otellos Überlegenheit als venezianischer Feldherr nicht anerkennt. Auch wenn Otello Beweise für Desdemonas Untreue bringen muss und dann einen fingierten Traum erzählt, so ist das seltsam undramatisch, weil bei den vielen lautleisen Dialogen die dynamischen Unterschiede nicht zum Tragen kommen.

Es gibt aber immer wieder Momente, die berühren, etwa wenn im dritten Akt vorerst ein langer mit zahlreichen Kerzen bedeckter Tisch das Drama mit Otello und Jago weiterspinnt , die sozusagen ihr Intimes weit voneinander singen, während der (Todes-) Engel auf dem Kerzentisch wie ein wandelnder Friedhof herumsteigt.

Es entsteht der Zauber eines Dramas mit schönstem Klang und in sublimen Orchesterfarben

In der ganzen Szene, wo Desdemona Otello immer noch bittet, Cassio zu verzeihen, der ja ganz gewiss Otellos bester Soldat war, sonst wäre er nicht Hauptmann geworden, hören und sehen wir, wie sich ein Drama voll von Missverständnissen und billiger Eifersucht vollendet. Dorothea Röschmann kämpft um ihr Leben, ihre Wahrheit, ihre Treue und singt alles mit Emphase, wobei sie und auch die Übrigen mit sublimen Orchesterfarben begleitet wird.

Waren schon vor der Ankunft die Parlando-Töne von Jago und Cassio – großartig Benjamin Bernheim – von überragender Schönheit, ja Eintracht mit dem Orchester, so verspürt sich nunmehr eine Seelendramatik des Hysterikers Otello, der aber nicht minderwertig ist, sondern der dem Schicksal des Asylanten entgegensieht. Wieder steht der Chor bewegungslos herum, so als ob so ein Machtwechsel die Menge oder Masse überhaupt nicht berührt. Ja es ist sonderbar genug, dass sich bei „a terra e piangi“ niemand regt, wenn immerhin die geheimnisvolle Herrin Desdemona zu Boden geschleudert wird.

Der 4. Akt wird zur ergreifenden Offenbarung, ja zur schönsten Apotheose von musikszenischer Vollkommenheit

Wohl kaum berührt (mich) so sehr der Schlussakt, wo Sänger, Orchester, Inszenierung und nicht zuletzt Christian Thielemann mit überragender Geschlossenheit ein Verdi-Wunder vollbringen. Es ist ein Höhepunkt der in dieser Dichte nicht zu übertrumpfen ist. Dorothea Röschmann singt das „Salce“ (Weide) mit einer überragenden, verinnerlichten Pianoabstufung, genau wie es Verdi vorgeben hat, ehe sie beim Ave Maria die verschwindende Welt des Todes mit der Angst eine Kindes anbetet.

Jago - Foto: Forster

Wieder sind wir in der weiß ausgestatteten Zimmerkrypta wie am Beginn, ohne Bett. Das Brautkleid hängt über der Tür, Otello erscheint und während Desdemona ihm den Rücken zeigt, kommt es zur tödlichen Umarmung. Hier singt Cura sehr gut – übrigens auch den Monolog „Dio mi potevi“ 3. Akt – mit besonderem Ausdruck, schönem Timbre und warmer Stimme.

So schön dieser Akt auch szenisch ist, so kann und darf nicht überhört werden, wie Thielemann die Sänger mit seinem fabelhaften Orchester begleitet. Kritik über fehlende Dramatik hin oder her, was er hier vollbringt ist „die“ absolute formvollendete Meisterschaft eines Dirigenten, der weiß, wie es um Verdi und seine Parola Scenica ist.

C. F. Pichler aus Salzburg   

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Fernsehübertragung am Samstag, 26.März um 20.15 Uhr auf 3Sat

Radiosendung auf Ö1 am Samstag, 26. März um 19.30 Uhr

stol