Weltweit gibt es 6 wichtige Klavierwettbewerbe: den Tschaikowsky in Moskau, den The Cliburn in Fort Worth (Texas), den Chopin in Warschau, den The Leeds in England und den Busoni in Bozen. Was sagt Peter Paul Kainrath über den Ausschluss des russischen Klavierwettbewerbs? Kainrath ist seit 2008 Künstlerischer Leiter des Busoni-Klavierwettbewerbs in Bozen und seit 2021 Präsident des Weltverbandes der Musikwettbewerbe.<BR /><BR /><BR /><b>Welche Konsequenzen ergeben sich durch diese Entscheidung für angehende Pianisten?</b><BR />Peter Paul Kainrath: Der Weltverband nimmt mit dieser Entscheidung eine glasklare Position ein: maximale Distanz zu kulturellen Institutionen Russlands, die auch Propagandazwecken dienen und gleichzeitig strikte Ablehnung jeglicher Diskriminierung russischer Künstlerinnen und Künstler. Die Konsequenz aus dieser Entscheidung ist einerseits, dass angehende Künstler russischer Staatsbürgerschaft weiterhin weltweit bei Musikwettbewerben willkommen sind. Einige Mitglieder des Weltverbandes haben nach einer anfänglichen Ablehnung ihre Entscheidung, russische Teilnehmer auszuschließen revidiert; aktuell hat nur der finnische Sibelius Wettbewerb bereits ausgewählte Kandidaten ausgeschlossen. Andererseits werden wohl Kandidaten nicht russischer Herkunft es sich gut überlegen, ob sie am Tschaikowsky-Wettbewerb im kommenden Jahr teilnehmen wollen – die Gefahr zu Propogandazwecken missbraucht zu werden, ist sehr groß.<BR /><BR /><BR /><b>Finden Sie, dass es auch für kulturelle Institutionen ein Entweder/Oder geben muss, bzw. Distanz ist wichtig, um sich nicht mit dem Angriffskrieg gemein zu machen. Auf der anderen Seite aber braucht man gerade jetzt die Beziehungen in die russische Zivilgesellschaft und zu jenen kulturellen Institutionen, die sich in Opposition zum Staat oder stillem Widerstand befinden. Was sagen Sie dazu?</b><BR />Kainrath: Im Vorfeld unserer Entscheidung, zu welcher die erste außerordentliche Generalversammlung in der 65-jährigen Geschichte unseres Verbandes mit über 100 Teilnehmern aus aller Welt einberufen worden ist, gab es einige Stimmen, die darauf hingewiesen haben, wie wichtig der Tschaikowsky-Wettbewerb im Kalten Krieg als Plattform internationaler Begegnung und des Austausches war; immerhin wurde die erste Ausgabe vom Amerikaner Van Cliburn gewonnen. Der große Unterschied ist aber nun, dass wir uns eben nicht in einem Kalten sondern sehr „Heißen Krieg“ befinden. Der Verbleib des Tschaikowsky-Wettbewerbes in unserem Verband wäre darüber hinaus für unser Mitglied in Kiew, den Horowitz-Wettbewerb, der blanke Hohn gewesen. Der Direktor des Tschaikovsky Wettbewerbes hat in 2 Gesprächen keinen Zweifel daran gelassen, dass ihn das Schicksal der Kollegen in Kiew nicht interessiert und hat dabei die selben Worte wie Putin selbst zur Rechtfertigung des Krieges verwendet. Auch das Angebot mit einer etwas gemäßigten Rhetorik es zunächst bei der Suspendierung bleiben zu lassen, hat er strikt abgelehnt. Damit gab es zumindest für den Tschaikowsky-Wettbewerb im Weltverband keinen Platz mehr.<BR /><BR /><BR /><b>In Mailand sorgte vor kurzem an der Universität Bicocca die Streichung eines Kurses über den russischen Literaturgiganten Fjodor Dostojewski wegen des widerrechtlichen Einmarsches Russlands in die Ukraine für einen regelrechten Skandal. Erst nach vehementen Protesten wurde der Kurs wiedereingeführt. Kulturelle Aufklärung müsste doch zu besserem Verständnis führen, oder?</b><BR />Kainrath: Bei allem gebotenen Respekt für die Bicocca – eine solch kolossale Dummheit erwartet man sich von einer Institution intellektueller Exzellenz nicht. Wenn der ukrainische Kulturminister in einem Brief, der auch an den Busoni-Wettbewerb ging, dazu auffordert, die gesamte russische Kultur mit einem Bann zu versehen, ist das verständlich. Etwas überspitzt gesagt: Wer unter Bombenhagel steht, hat ein gewisses Recht auf Hass. Aber wir, die bis dato in immer noch geschützten Gesellschaften leben, haben die Pflicht, die universellen Werte der Kultur aus der Schusslinie von Krieg und Propaganda zu nehmen. Die russische Kultur und ihre individuellen Künstler zählen zu den Schätzen und Protagonisten unser aller Kultur; wir brauchen sie und wir sollten mit aller Kraft einen Beitrag dazu leisten, auch diese inmitten des Kriegslärms zu schützen. Also nochmals: Russische Institutionen, die Kultur für Propaganda missbrauchen, dürfen keinen Platz in der Öffentlichkeit beanspruchen; Künstler hingegen, Träger und Entwickler russischer Kultur müssen sprechen dürfen und gehört werden.<BR /><BR /><BR /><b>Viele junge Leute, darunter viele Künstler, haben in den vergangenen Wochen auf den Straßen der russischen Städte gegen den Krieg protestiert und sind deshalb inhaftiert worden. Wie kann der Westen jetzt die Kulturschaffenden, die sich seit immer für Meinungsfreiheit und Liberalismus in Russland eingesetzt haben, unterstützen?</b><BR />Kainrath: Die Türen offenhalten, Kontakt halten. Mittlerweile soll es bereits an die 300.000 Intellektuelle und Künstler geben, die aus Russland nach Armenien, Georgien und auch in den Westen geflüchtet sind. Die Ukrainer sind die physischen Opfer in diesem absurd-wahnsinnigen Aggressionskrieg – ihnen gilt selbstverständlich unsere allererste Aufmerksamkeit und Solidarität; aber wenn wir von hier aus keinen Beitrag leisten, die russische Kulturgemeinschaft – und wohl gemerkt nicht Kriegsgemeinschaft – in Europa weiterhin einzubinden, werden wir eine Keilung unserer Gesellschaft erleben, die weit über diesen Krieg hinausgeht. Wer Kultur cancelt, ist genauso schwach wie jene, die Bomben werfen.<BR /><BR /><BR /><b>In Venedig wird dieses Wochenende die Kunstbiennale eröffnet. Der russische Pavillon bleibt – im Zuge der internationalen Sanktionen – geschlossen… Wäre es nicht besser, russische Intellektuelle, Forscher und Künstler durch Sichtbarkeit zu schützen und zu unterstützen?</b><BR />Kainrath: Ein Pavillon – so das Konzept der Biennale in Venedig – war und ist immer ein Aushängeschild einer Nation. Eine Nation, die in einen durch nichts zu rechtfertigenden Aggressionskrieg zieht, muss ihren Pavillon geschlossen halten. Dies haben der litauische Kurator und auch die offiziell beauftragte Koordinatorin sofort verstanden. Vielleicht ist nun auch der Moment gekommen, über eine „Denationalisierung“ des Kulturlebens nachzudenken. In unserem Weltverband der Musikwettbewerbe haben wir jedenfalls einen entsprechenden Denkprozess begonnen. Juroren und Kandidaten mit Nationalflaggen in einem künstlerischen Wettbewerb mutet als Bild in aktuellen Zeiten irgendwie deplatziert an.<BR /><BR /><BR /><b>Und was hat nun der Busoni-Wettbewerb entschieden? Werden Sie die russischen Pianisten an den Vorentscheidungen im Sommer teilnehmen lassen?</b><BR />Kainrath: Der Busoni-Wettbewerb wird selbstverständlich allen Kandidaten jeglicher Herkunft – einschließlich der russischen – offen stehen. Und wir werden an vorderster Front im Weltverband uns dafür einsetzen, dass ihre Talente, ihre Hoffnungen, ihr Können in diesem Krieg nicht weiter beschädigt werden. Es gibt dazu keine Alternative. Alle Diktaturen gehen einmal unter.<BR /><BR /><BR /><b>Überblick über die bisher bekannten wichtigsten Sanktionen gegen Putins Russland - ohne Anspruch auf Vollständigkeit</b><BR /><BR /><BR />Keine Filmstarts, keine Opernauftritte, keine Gastspiele, keine Ballett-Tourneen: Die meisten internationalen Kunstschaffenden und Kunstanbieter wollen vorerst mit Putins Herrschaftsbereich nichts mehr zu tun haben.<BR /><BR />An der <b>Kunstbiennale in Venedig</b> bleibt der russische Pavillon geschlossen. Auf dem Biennale-Gelände ist das Gebäude prominent platziert und wird die ganze Zeit über von Polizei bewacht, um Übergriffe aus Protest gegen den russischen Angriff auf die Ukraine zu verhindern.<BR /><BR /><BR />Zahlreiche <b>Künstler</b> zogen ihre Kunstobjekte und Performances in Russland zurück und reisten ab, darunter der Isländer Ragnar Kjartansson, der amerikanisch-russische Gründer der Plattform e-flux, Anton Vidokle und der Holländer Constant Dullaart, der aktuell mit Konzeptkunst in der Moskauer Tretjakow-Galerie vertreten war.<BR /><BR />Alle 5 großen <b>Hollywoodstudios</b> haben die Neustarts ihrer Produktionen in Russland bis auf Weiteres auf unbestimmte Zeit verschoben. Zuletzt hatte sich Paramount den übrigen „Majors“ angeschlossen, darunter Sony Pictures, Universal, Disney und Warner Bros. Betroffen ist der neue „Batman“ mit Robert Pattinson in der Titelrolle, aber auch Disneys Animationsfilm „Turning Red“ und der Vampir-Film „Morbius“. Dagegen laufen bereits gestartete Filme wie die Neuverfilmung von „Tod auf dem Nil“ und die Videospiel-Kinofassung von „Uncharted“ über die vereinbarte Vertragslaufzeit weiter.<BR /><BR />Die 3 großen britischen T<b>V-Anbieter BBC, ITV und All3Media</b> stellen ihr Russlandgeschäft ein.<BR /><BR /><b>Netflix</b> gab bekannt, dass 20 kremltreue Propagandasender nicht ins russische Streaming-Angebot übernommen werden, trotz anderslautender rechtlicher Regelungen. Außerdem hat Netflix die Arbeit an 4 neuen russischsprachigen TV-Serien eingestellt und alle weiteren Projekten auf Eis gelegt.<BR /><BR />Umgekehrt verbietet die EU die Verbreitung der russischen Propaganda-Kanäle RT und Sputnik.<BR /><BR />Die <b>Filmfestspiele in Cannes</b> werden in diesem Jahr keine russischen Künstler mit einer Nähe zur dortigen Regierung empfangen.<BR /><BR />Die Europäische Filmakademie und das dänische Filminstitut wollen russische Filme und die dortige Filmwirtschaft „boykottieren“.<BR /><BR />Der Deutsche Akademische Austauschdienst DAAD schränkt den Austausch mit Russland ein.<BR /><BR />Internationale <b>Opernhäuser und Konzertveranstalter</b> trennten sich bis auf Weiteres von den beiden Klassik-Superstars Valery Gergiev und Anna Netrebko, die beide im Ruf stehen, beste Verbindungen zum Kreml und Putin persönlich zu unterhalten. Sogar das traditionell sehr russlandfreundliche Festspielhaus von Baden-Baden lud die Künstler aus. Gergiev verlor neben vielen anderen Posten auch den des Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker.<BR /><BR />Umgekehrt werden viele Klassikstars nicht wie vereinbart in Russland auftreten, darunter die lettische Mezzo-Sopranistin Elena Garanca und der polnische Tenor Piotr Beczala.<BR /><BR />Russland darf in diesem Jahr nicht am <b>Eurovision Song Contest</b> teilnehmen, dessen Finale in Turin stattfindet.<BR /><BR />Zahlreiche <b>Bands</b> haben ihre geplanten Auftritte in Russland gestrichen, darunter „Green Day“, „Louis Tomlinson“, „Yungblud“, „AJR“, Iggy Pop und Maneskin viele weitere.<BR /><BR />Die Tournee vom <b>Russischen Staatsballett Sibirien</b> in zahlreichen britischen Städten wurde abgebrochen. Das angekündigte Sommergastspiel des <b>Bolschoi-Balletts</b> in London wird nicht stattfinden.<BR /><BR />Die <b>Metropolitan Opera</b> in New York lässt ihre Partnerschaft mit dem Bolschoi-Theater ruhen und bringt die vereinbarten Koproduktionen jetzt eigenständig heraus. Kremltreue Künstler sollen erst wieder auftreten, wenn in der Ukraine die Ordnung wiederherstellt ist. Und das, obwohl Bolschoi-Chef Vladimir Urin einen Appell gegen den Krieg unterschrieben hat.<BR /><BR />Sogar das russische „<b>Kulturgut“ Wodka</b> wird ausgehend von Aktionen in Neuseeland, Australien und den USA international boykottiert. Juweliere kündigten an, keine „russischen Diamanten“ mehr zu handeln.<BR /><BR /><BR /><BR />